Weltkulturerbe in Syrien Hüter der verlorenen Schätze

Syriens Kulturschätze werden geplündert - vom IS, von der Armee und von Kriminellen. Doch eine kleine Gruppe von Freiwilligen schützt die Kostbarkeiten, versteckt und dokumentiert sie. Es ist ein lebensgefährlicher Job.

AP/ SANA

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Bei Cheikhmous Ali treffen die traurigen Nachrichten jedes Mal als Erstes ein. Der syrische Archäologe steht einem Netzwerk von Freiwilligen vor, die Syriens historische Schätze dokumentieren. "Von einem meiner Kontakte habe ich erfahren, dass Daesch den Baal-Tempel gesprengt hat", erzählt er. Daesch ist die abwertende, arabische Abkürzung für die Miliz "Islamischer Staat" (IS). Mehrere Tage später liefern Satellitenbilder Gewissheit: Von einem der prächtigsten Tempel der Unesco-Weltkulturerbestätte in Palmyra bleiben nur noch Brocken.

Cheikhmous Ali hat die Association for the Protection of Syrian Archaeology (APSA) mit Beginn der Gewalt in Syrien 2011 gegründet. Rund ein Dutzend syrische Freiwillige fotografieren für die Gruppe die Antiquitäten und historischen Stätten des Landes. Fast alle sind Archäologen. Sie dokumentieren, was verwüstet, wo geplündert wurde. Cheikhmous Ali leitet die Berichte weiter an die Unesco und an die internationale Polizei Interpol. Ihre Hoffnung ist es, die wertvollen Stücke aufzuspüren, bevor sie in den Villen zahlungskräftiger Sammler verschwinden.

Der Sprengstoff und die Bulldozer des IS sind nicht die einzigen Gefahren für Syriens kulturelles Erbe. Viele historische Monumente wurden bereits zum Kollateralschaden der Gefechte zwischen den verschiedenen Milizen und der Luftwaffe. Ein großes Problem sind zudem die Plünderer, denn in dem zerfallenden Staat kann niemand die Stätten bewachen.

Kulturerbe in Gefahr

"Alle bewaffneten Gruppen, die syrische Armee eingeschlossen, nehmen an Plünderungen teil. Das ist nicht so sehr systematische Politik, aber es gibt immer Kämpfer, die es machen", sagt Cheikhmous Ali. Er stammt aus Tell Brak im Nordosten Syriens. Sie war eine wichtige Stadt Mesopotamiens, noch heute gibt es Jahrtausende alte Palaststrukturen. Die Region gilt als Wiege der Zivilisation. Cheikhmous Ali wusste von kleinauf, dass er Archäologe werden wollte.

In Syrien gibt es Überbleibsel mesopotamischer, babylonischer, griechischer und römischer Einflüsse. Es gehörte zu den ersten christlichen Gegenden der Welt und stand im Zentrum des Umajjaden-Reiches. Plünderungen gab es schon immer, doch mit Beginn des Bürgerkrieges haben sie sich rasant ausgebreitet. In den Grenzregionen bieten die Schmuggler Sammlern aus aller Welt über Mittelsmänner die Schätze des Landes an.

Außer den Freiwilligen um Cheikhmous Ali gibt es noch andere Gruppen, die versuchen, etwas zu tun gegen die Zerstörung des archäologischen Reichtums. Einer davon steht der syrische Archäologe Amr al-Azm vor. Ihr Spitzname ist "Monuments Men" in Anlehnung an die amerikanischen Aktivisten, die während des Zweiten Weltkriegs Kunst vor den Nazis gerettet haben, und an den Spielfilm über die Kunstschützer von und mit George Clooney, der 2014 in die Kinos kam.

"Zu meiner Gruppe gehören 25 bis 30 Syrer: Archäologen, Museumsdirektoren und Einheimische, die sich schon immer für ihre örtlichen historischen Stätten interessiert haben", sagt Amr al-Azm. "Wir beobachten rund 40 archäologische Stätten, die in Gegenden außerhalb der Kontrolle des syrischen Regimes liegen."

Einige Kulturschätze konnten sie bereits retten

Azm kommt aus Damaskus. Der prächtige Azim-Palast dort erinnert an seine Ahnen, die als ottomanische Gouverneure aus Istanbul nach Syrien entsandt wurden. Azm leitete bis 2006 die Abteilung für archäologische Forschung in Syriens Behörde für Antiquitäten und Museen, bevor er in die USA zog. Er versucht, mit seiner Gruppe auch präventiv zu arbeiten.

"Wir machen auch kleinere Interventionen", erzählt Amr al-Azm. In der nordsyrischen Stadt Maarat al-Numan gelang es ihnen, die Mosaiksammlung des Museums hinter Sandsäcken zu verstecken. Sie gehört zu den größten in der Region mit vollständigen Mosaiken aus der römischen und byzantinischen Zeit.

Allerdings wurde das Museum wenige Monate später von einer Fassbombe des syrischen Regimes getroffen. Nach Angaben der syrischen Behörde für Antiquitäten und APSA wurden dabei einige Mosaike beschädigt.

Es ist eine frustrierende Mission, und sie ist lebensgefährlich: Wer in Syrien mit einer Kamera erwischt wird, kann schnell als Spion gelten und muss um sein Leben fürchten. Manchmal werden die Archäologen selbst zum Ziel. Khaled Asaad, Chefarchäologe von Palmyra, wurde von den Dschihadisten ermordet. Der 81-Jährige soll sich trotz Folter geweigert haben, ihnen zu verraten, wo wertvolle Kulturschätze versteckt wurden.

Bisher ist es Syriens Archäologen noch nicht gelungen, gestohlene Kulturgüter wieder aufzustöbern. Doch sie haben Geduld. "Der illegale Kunsthandel ist wie der Drogenhandel ein gut organisiertes kriminelles Unternehmen. Derzeit wird direkt an die Sammler verkauft", sagt Cheikhmous Ali.

"In den Auktionshäusern werden wir die Stücke wohl erst in 15, 20 Jahren sehen, wenn alle wieder vergessen haben, was in Syrien passiert", so der Exprte weiter. Alle außer den "Monuments Men" um Cheikhmous Ali und Amr al-Azm.

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