Krieg in Syrien Der IS steht wieder vor Palmyra

Der "Islamische Staat" ist in Syrien wieder auf dem Vormarsch: Die Terrormiliz steht vor den Toren der antiken Wüstenstadt Palmyra - auch, weil die russische und syrische Armee gar kein Interesse an der Zerschlagung des IS haben.
Antike Ruinen in Palmyra

Antike Ruinen in Palmyra

Foto: STRINGER/ AFP

Andächtig lauschten die russischen Soldaten dem Mariinski-Orchester im Amphitheater von Palmyra. Die Musiker unter Leitung von Dirigent Waleri Gergijew spielten Stücke von Bach und Prokofjew - genau dort wo ein Jahr zuvor die Terroristen des "Islamischen Staats" (IS) Dutzende Gefangene getötet hatte. Der Kreml hatte das Orchester, russische Politiker und Journalisten extra einfliegen lassen, um die Rückeroberung von Palmyra zu feiern.

Konzert in Palmyra am 6. Mai

Konzert in Palmyra am 6. Mai

Foto: REUTERS/ Russian Ministry of Defence

Das war vor sieben Monaten.

Nun steht der IS wieder vor den Toren der Wüstenstadt. Von drei Seiten sind Kämpfer der Miliz in den vergangenen Tagen auf Palmyra vorgerückt. Sie haben mehrere Dörfer sowie Öl- und Gasfelder eingenommen. Rund 30 syrische Soldaten wurden bei den Gefechten getötet. Der IS veröffentlichte zudem ein Video, das mehrere gefangen genommene Soldaten und Milizionäre der Regierung zeigen soll. Derzeit kämpfen beide Seiten um mehrere strategisch wichtige Hügel, die rund fünf Kilometer von Palmyra entfernt liegen. Anwohner sollen aus der Stadt geflüchtet sein.

Es ist das erste Mal seit Monaten, dass der IS in Syrien in die Offensive geht. Bislang hatte die Terrormiliz seit Jahresbeginn nur Gebiete verloren - nicht nur rund um Palmyra, sondern vor allem im Norden Syriens. Trotz dieser Verluste und des fehlenden Nachschubs an Kämpfern aus Europa: Die Terrororganisation ist noch immer eine Gefahr und in der Lage, die geschwächte und ausgezehrte syrische Armee punktuell zu überrollen.

Frontverläufe in Syrien

Frontverläufe in Syrien

Foto: SPIEGEL ONLINE

In den vergangenen Tagen soll Russland seine Militärberater aus Palmyra abgezogen haben, obwohl der IS zeitgleich seinen Vormarsch vorbereitete. Und ohne russische Hilfe sind die Soldaten und Milizionäre des Regimes offenbar kaum imstande, umkämpftes Territorium zu halten.

Die Offensive der Dschihadisten ist ein weiterer Beleg dafür, dass es Wladimir Putin und Baschar al-Assad überhaupt nicht darum geht, den IS zu bekämpfen. Während russisches und syrisches Militär Angriff um Angriff auf die Rebellengebiete in Aleppo und Idlib im Norden Syriens fliegen, lassen sie die Terrormiliz gewähren. Strategisch ist es für den Diktator und seine Verbündeten wichtiger, die Aufständischen auszuschalten, weil sie seine Herrschaft herausfordern. Den Kampf gegen den IS überlässt er den USA und ihren Verbündeten.

Die Rückeroberung von Palmyra Anfang des Jahres war nur wichtig für die russische Propaganda. Die Aufnahmen vom Klassikkonzert und geretteten Kunstschätzen in der Wüstenstadt sollten von den Angriffen auf Schulen und Krankenhäuser in anderen Gegenden Syriens ablenken.

Damals präsentierte sich Russland als Bewahrer des antiken Erbes in Syrien. Palmyra ist eine der bedeutendsten historischen Stätten im Nahen Osten. Die IS-Terroristen hatten während ihrer zehnmonatigen Herrschaft über den Ort mehrere Tempel aus vorislamischer Zeit gesprengt und Khaled Asaad, den Chef-Archäologen von Palmyra, enthauptet.