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Syrien: Das Leiden der Menschen in Tabqa

Foto: Alice Martins/ DER SPIEGEL

Kampf gegen den IS Unschuldig im Bombenhagel

Im Osten Syriens bombardiert die Anti-IS-Koalition ein Dorf. Bis zu 40 unschuldige Zivilisten werden dabei getötet. Die Geschichte eines "Kollateralschadens" im Kampf gegen die Terrormiliz.

Die alten Eltern von Raschid Abdou fanden es sinnlos, zu rennen. Wo sollte es sicherer als in der eigenen Wohnung? Sie fühlten sich zu langsam, um vor dem Krieg zu fliehen. Etwa wenn die Männer vom "Islamischen Staat" (IS) kämen, auf ihrem Dach in Stellung gingen und die Anti-IS-Koalition Bomben werfen sollte. Also rannte der 34-Jährige ohne sie aus dem Haus, als er plötzlich Schüsse von oben hörte.

Sein Nachbar Mustafa Aiz beteuert, dass er schon zweimal zuvor IS-Kämpfer aus dem Hausflur und vom Dach vertrieben hatte. "Hiermit", sagt er und schwenkt eine selbstgebaute Stahlkeule mit angeschweißten Zacken: "Ich habe geschrien, sie müssten mich erst töten, wenn sie auf unser Dach wollten!" Aber an diesem Vormittag um zehn Uhr habe er geschlafen.

Was George, der alte armenische Christ im ersten Stock, an jenem späten Sonntagmorgen des 7. Mai dachte, weiß man nicht. Von seiner Familie hat niemand überlebt. Es ist nicht einmal mehr jemand da, der sich an seinen Nachnamen erinnern würde.

Noch sind wohl nicht einmal alle Toten gefunden: Bis zu 40 Unschuldige starben, als Anfang Mai Flugzeuge der Anti-IS-Koalition das Dorf Tabqa im Osten Syriens bombardierten. Sie schossen auf Kämpfer der Dschihadisten, die mitten in der friedlichen Siedlung in Stellung gegangen waren.

Die Hausgemeinschaft von Apartmentbau Nr. 6, Viertel II, saß in der Falle. Tabqa, die Stadt am Ende des riesigen Euphrat-Stausees, war die letzte, wichtigste syrische Bastion des IS vor dessen Metropole Rakka. Führende Kommandeure hielten sich in den ausgedehnten Trakten im Inneren des Dammes verschanzt. Sie nahmen an, dass die Anti-IS-Koalition es nicht wagen werde, den Staudamm zu bombardieren. Dessen Turbinen hatten weite Teile Nordsyriens mit Strom versorgt. Direkt daneben waren in den Siebzigerjahren für die Angestellten der Staudammverwaltung und des Kraftwerks die vierstöckigen Neubauviertel I bis III gebaut worden.

Scharfschützen postierten sich auf den Dächern

Um diese Viertel kämpften die letzten IS-Einheiten seit April erbittert Tag und Nacht: Sie tauchten plötzlich aus ihren verzweigten Tunneln auf, legten Minen und postierten Scharfschützen auf den Dächern, die wiederum von den bewaffneten Drohnen und Jets der Koalition bombardiert wurden.

Diese Scharfschützen gab es auch auf dem Dach von Haus Nr. 6, das offensichtlich vom IS extra markiert worden war mit einer auf die Fassade gesprühten "Nr. 39". Vielleicht, weil das Dach eine gute Rundumsicht bot. Vier Dschihadisten in Kampfmontur konnten an einem Morgen auf die Dächer von Haus Nr. 6 und einem Nachbargebäude klettern. Von dort schossen sie auf die Angreifer der kurdisch geführten "Syrian Democratic Forces" (SDF).

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Syrien: Das Leiden der Menschen in Tabqa

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"Nach etwa einer Viertelstunde rannten einige Menschen raus", unter ihnen Raschid Abdou, erinnert sich Nachbar Assadin Mohammed. "Vielleicht haben die Piloten gedacht, jetzt ist niemand mehr in den Häusern."

Doch wieder einmal, wie so oft in den vergangenen Monaten in Mossul und anderen Orten, war es ein Irrtum: Minuten später schlugen bis zu sechs Bomben in die beiden Häuser ein. Sie ließen jeweils deren vordere Hälfte bis zum ersten Stock in Trümmer stürzen. George, der alte Armenier, Raschid Abdous Eltern und Angehörige von drei weiteren Familien waren sofort tot. Im zweiten Gebäude wurde eine zwölfköpfige Familie ausgelöscht. Außerdem kamen fünf Freunde oder Verwandte ums Leben, die dort Zuflucht gesucht hatten.

Noch immer Tote unter den Trümmern

Mustafa Aiz, der im Morgengrauen völlig übermüdet eingeschlafen war, wurde durch die Detonationen wach. Er ist mit zwei Frauen verheiratet, seine beiden Familien wohnten in gegenüberliegenden Wohnungen. Aiz hatte die Nacht in der hinteren Wohnung verbracht - und hörte nun die Schreie seiner anderen Frau: "Ich stürzte in den Hausflur, fand sie blutend im Türrahmen. Alles war voller Staub und Trümmer. Ich konnte nichts sehen, nur die Stimme eines der Kinder hören." Zwei Kinder konnte er retten, drei starben.

In den folgenden drei Tagen bis zur endgültigen Befreiung Tabqas war es zu gefährlich, nach Überlebenden zu suchen. Erst in den folgenden zwei Wochen bargen Helfer 25 oder 26 Leichen. Einer der toten IS-Männer lag auf dem Schuttkegel neben dem Haus. Begraben mochte ihn niemand, aber jemand legte eine verschlossene Parfümphiole neben seinen halbzerschmetterten Schädel als minimale Geste der Totenwürde.

Bis zu zwölf Tote sollen noch unter den Trümmern liegen. Die genaue Zahl kennt keiner von denen, die sich mit Spitzhacken und einem Presslufthammer durch die Schutthaufen graben. Denn immer wieder flohen in den schlimmsten Tagen der Kämpfe die Menschen von Haus zu Haus.

Raschid Abdou hat die Leichen seiner Eltern geborgen, aber gräbt weiter: "In der Wohnung lag auch die Tasche mit allem Geld, was wir noch besaßen, drei Millionen syrische Pfund", umgerechnet knapp 6000 Dollar. "Sonst habe ich doch nichts mehr."