Terror am Ostersonntag Der Tatort ist Sri Lanka, das Ziel ist der Westen

Den Attentätern vom Ostersonntag ging es nicht darum, Sri Lanka zu destabilisieren. Sie wollten mit den Angriffen auf Kirchen und Hotels Wut im Westen schüren - das zeigt nicht nur das IS-Bekennerschreiben.

Mutmaßlicher Selbstmordattentäter mit Rucksack
CCTV/Siyatha News via REUTERS

Mutmaßlicher Selbstmordattentäter mit Rucksack

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Mehr als 48 Stunden hat es gedauert, bis die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) die Anschläge auf Kirchen und Hotels am Ostersonntag in Sri Lanka für sich reklamiert hat. Zuerst veröffentlichte die Miliz eine knappe Mitteilung, später folgten ein längeres Bekennerschreiben, in dem sie die Aliasnamen von sieben Attentätern veröffentlichte, sowie ein Foto, das die acht Terroristen vor einer schwarzen IS-Flagge zeigen soll. Ob die Terroristen tatsächlich mit Wissen und im Auftrag der IS-Führung handelten, ist unklar. Das Bekennerschreiben und das Foto zeigen zumindest, dass die Täter im Sinne des IS handelten und mit IS-Propagandisten in Kontakt standen .

Die Regierung in Colombo macht die militanten Islamistengruppen National Thowheed Jamaath (NTJ) und Jammiyathul Millathu Ibrahim (JMI) für die Attentate mit mehr als 300 Toten verantwortlich. Möglicherweise hätten die Truppen mit "internationaler Hilfe" gehandelt. Ruwan Wijewardene, Staatsminister für Verteidigung und Massenmedien, sagte am Dienstag im Parlament, nach ersten Ermittlungsergebnissen seien die Anschläge eine Vergeltungsaktion für die Attentate auf zwei Moscheen am 15. März in Christchurch.

Die Terrorserie musste aufwendig vorbereitet werden

Insgesamt ereigneten sich in Sri Lanka acht Explosionen in drei Städten. Nach Angaben von Ermittlern wurden sie alle von Selbstmordattentätern herbeigeführt. Zunächst hatten sich demnach sechs Personen zwischen 8 Uhr und 8.45 Uhr morgens in drei Luxushotels und drei Kirchen in die Luft gesprengt. Am Nachmittag zündete dann ein Attentäter einen Sprengsatz in der Nähe des Zoos von Colombo, kurz darauf sprengte sich ein Mann in die Luft, als Polizisten seine Wohnung in einem Vorort der Hauptstadt stürmten. Zudem fanden Ermittler mehrere unexplodierte Sprengsätze und Zünder, unter anderem in der Nähe des Flughafens von Colombo und in einem Auto nahe einer der angegriffenen Kirchen.

Video aus Überwachungskamera zeigt mutmaßlichen Attentäter

Reuters/SPIEGEL ONLINE

Vorbereitung, Koordination und Durchführung dieser Terrorserie müssen aufwendig gewesen sein. Die Tat musste finanziert, Sprengsätze hergestellt, die Anschlagsziele ausgespäht werden. Das braucht Zeit - und spricht gegen die Behauptung der Regierung, die Attentate seien eine Reaktion auf den Anschlag in Christchurch gewesen, der erst fünf Wochen zurückliegt.

Der logistische Aufwand, den die Terroristen betrieben, und die rücksichtslose Gewalt, die sie einsetzten, passt auch nicht so recht zu den beiden Gruppen, die der stellvertretende Verteidigungsminister als Schuldige ausgemacht hat. Die JMI ist bislang noch gar nicht in Erscheinung getreten, die NTJ ist erst im Dezember vergangenen Jahres ins Visier der Behörden in Sri Lanka geraten. Bislang machten sie jedoch vor allem mit Vandalismus gegen buddhistische Statuen auf sich aufmerksam. Die Anschläge am Ostersonntag sind in jeglicher Hinsicht von einer ganz anderen Qualität und nicht vergleichbar mit bisherigen Taten, die der NTJ zugeschrieben werden.

Salafisten hetzen gegen Buddhisten

Zahran Hashim, einer der Köpfe der NTJ, hat in den sozialen Netzwerken seit Jahren immer wieder gegen Andersgläubige gehetzt. Aber auch seine Drohungen richteten sich in erster Linie gegen Buddhisten. Unter anderem hatte er ihnen mit "Tausenden Selbstmordattentätern" gedroht. Unbestätigten Angaben zufolge soll Hashim zu den Attentätern von Ostersonntag gehören und sich im Shangri-La-Hotel in die Luft gesprengt haben. In jedem Fall hat er sich seit den Anschlägen noch nicht geäußert. Auf dem IS-Foto, das die acht Attentäter zeigen soll, ist im Zentrum ein Mann unvermummt zu sehen. Er sieht Hashim zumindest sehr ähnlich.

Fotostrecke

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Anschlag mit etwa 250 Toten: So sinnlos

Ideologisch gehören beide Gruppen - NTJ wie JMI - zum salafistisch-dschihadistischen Spektrum, das lässt sich schon an den Namen ablesen. Thowheed, arabisch "Tauhid", ist die Lehre von der absoluten Einheit und Einzigartigkeit Gottes, nach der allein Gott die absolute Herrschaft und gesetzgebende Gewalt zukommt. Alle von Menschen gemachten Gesetze sind demnach unislamisch - das ist das zentrale Konzept im Salafismus.

"Millathu Ibrahim" bedeutet Gemeinde Abrahams. Abraham gilt Salafisten als Begründer des Monotheismus und damit als Urvater des Tauhid. Deshalb nehmen Salafisten immer wieder Bezug auf ihn. Auch die einst prominenteste Salafistengruppe in Deutschland, der unter anderem die späteren IS-Terroristen Mohamed Mahmoud und Denis Cuspert angehörten, nannte sich "Millathu Ibrahim".

Die salafistische Ideologie hat sich seit den Neunzigerjahren in Teilen der islamischen Gemeinde Sri Lanka ausgebreitet. Sie wurde maßgeblich von einheimischen Muslimen ins Land gebracht, die als Gastarbeiter in Saudi-Arabien und anderen arabischen Golfstaaten tätig waren. Nach Angaben des Justizministers hatten sich zudem zwischen 2014 und 2016 32 Muslime aus Sri Lanka dem IS angeschlossen. Gemessen daran, dass rund zwei Millionen Muslime auf der Insel leben, ist das ein vergleichsweise niedriger Wert.

Das Verhältnis zwischen Muslimen und Christen war weitgehend spannungsfrei

Die Attentatsziele wurden so ausgewählt, dass sie größtmögliche Aufmerksamkeit im Westen erregen. So lässt sich erklären, dass die Angreifer drei bei ausländischen Touristen beliebte Hotels attackierten. Und, dass sie drei Gotteshäuser der christlichen Minderheit angriffen. Die Terroristen konnten damit rechnen, dass ein Anschlag auf Christen an einem der höchsten Feiertage in Europa und den USA mehr Empörung auslösen würde, als ein Attentat auf einen Tempel der buddhistischen Mehrheit in Sri Lanka. Der IS selbst erwähnt in seiner knappen Erklärung zuerst, dass sich der Anschlag gegen Bürger der (Anti-IS-)Koalition gerichtet habe. Erst an zweiter Stelle nennt die Terrormiliz die Christen in Sri Lanka als Anschlagsziel.

Das ist zumindest ein Indiz dafür, dass der IS tatsächlich an den Anschlagsplanungen beteiligt war: mit dem Ziel, durch die Attentate vor allem im Ausland Schrecken zu erzeugen und weniger in Sri Lanka selbst.

Wenn es den Terroristen darum gegangen wäre, Sri Lanka selbst zehn Jahre nach Ende des Bürgerkriegs erneut zu destabilisieren und Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften oder zwischen Singhalesen und Tamilen zu schüren, wäre es aus ihrer Sicht naheliegender gewesen, buddhistische Tempel anzugreifen. Spannungen zwischen Buddhisten und Muslimen in Sri Lanka gibt es schon lange, das Verhältnis zwischen Muslimen und Christen, die beide jeweils weniger als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung stellen, war weitgehend problemlos.

Bis zum Ostersonntag.

insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
demiurg666 23.04.2019
1.
Das zeigt dass er IS nach wie vor aktiv ist. Ich sehe es als großes Problem in Deutschland, das man offiziell den IS als besiegt ansieht. Anders kann ich mir nicht erklären warum es dem deutschen Staat und der deutschen Gerichtsbarkeit scheinbar egal ist aktive IS-Anhänger wieder in Deutschland aufzunehmen. Auch Frauen können Bomben zur Explosion bringen. Ich weiß, ich höre mich wie ein AFD Wähler an. Aber ich möchte nicht, dass so etwas wie in Sri Lanka in Deutschland passiert, nur weil man annimmt Frauen können keine idealistischen, fantastischen Schläfer sein.
Ruhrsteiner 23.04.2019
2. sehr viele Widersprüchlichkeiten
Wer informiert ist, wie sich die Spannungen zwischen buddhistischen Bevölkerungsmehrheiten und muslimischen Minderheiten in SO-Asien entwickelt haben - ja, sogar in Myanmar gibt es dazu eine Vorgeschichte: Wird sich kaum etwas vorstellen können, auch unter "tourismusindustriellen" Gesichtspunkten - was die Singhalesen und Tamilen bald enger zusammenhalten lässt als das, was Ostersonntag passiert ist. Das was oben zu lesen ist klingt im Sinne einer Strategie kaum durchdacht. Abwarten, was bei den weiteren Ermittlungen heraus kommt....
s.l.bln 23.04.2019
3. Niemand hier würde behaupten, der IS ...
Zitat von demiurg666Das zeigt dass er IS nach wie vor aktiv ist. Ich sehe es als großes Problem in Deutschland, das man offiziell den IS als besiegt ansieht. Anders kann ich mir nicht erklären warum es dem deutschen Staat und der deutschen Gerichtsbarkeit scheinbar egal ist aktive IS-Anhänger wieder in Deutschland aufzunehmen. Auch Frauen können Bomben zur Explosion bringen. Ich weiß, ich höre mich wie ein AFD Wähler an. Aber ich möchte nicht, dass so etwas wie in Sri Lanka in Deutschland passiert, nur weil man annimmt Frauen können keine idealistischen, fantastischen Schläfer sein.
...sei besiegt. Sowas hört man nur aus der Trumpadministration. Der IS ist eher "Bewegung" als Organisation und seinen Nachwuchs rekrutiert er im Westen. Egal, wie viele Einreiseverbote Sie verhängen, die Gefahr bannen Sie damit nicht. Der IS braucht auch keine Schläfer. Der rekrutiert seine Jünger hier mitten aus der Gesellschaft.
spon_7302413 23.04.2019
4. Bekennerschreiben...
... von Trittbrettfahrern und den üblichen Verdächtigen, die nach Anschlägen diese für sich reklamieren, sollten nicht als Tatsachen verkauft, sondern mit der gebotenen Vorsicht behandelt werden. Das führt dann auch unweigerlich zur angemessenen Zurückhaltung für die gezogenen Schlussfolgerungen. Diese eigentlich selbstverständlichen Standards waren einst maßgeblich, um auch eine aussagefähige Unterscheidung des seriösen Journalismus von den Revolverblättern an der Hand zu haben. Was hat sich geändert? Hinsichtlich des gegewärtigen Kenntnisstandes ist es immerhin ungewöhnlich, dass ein derart öffentlichkeitswirksames Anschlagsszenario erst 48 Stunden später zu einem angeblichen Bekenntnis geführt haben soll. Gerade der IS ist bislang stets umgehend über die üblichen Plattformen präsent gewesen. Gibt das niemandem zu denken? .
vincentvega123 23.04.2019
5. Der sogenannte IS
Der sogenannte IS kann behaupten was er will. Oftmals lagen sie auch schon peinlich daneben wenn es drum ging, wer hinter einem Anschlag steckt. Klar, dass die jetzt drauf anspringen. Problem ist eher, dass es viele Nachahmer / Trittbrettfahrer des Ganzen gibt. Ob die sich jetzt IS, NTJ, JMI oder sonstwie heißen ist egal. Es gibt viel zu viel kaputte Menschen auf diesem Planeten.
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