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04. Oktober 2014, 09:01 Uhr

IS-Vormarsch in Syrien

Kobane darf nicht fallen

Ein Gastbeitrag von Michael Werz und Max Hoffman

Der "Islamische Staat" steht kurz davor, die syrisch-kurdische Stadt Kobane einzunehmen. Den Einwohnern drohen Folter und Mord. Die Untätigkeit von Amerikanern und Europäern ist unerträglich.

Das Ende scheint nahe für die nordsyrische Stadt Kobane. Kurdische Kämpfer der YPG, des militärischen Arms der Kurdenpartei PYD, wehren sich seit zwei Wochen gegen intensive Angriffe von Einheiten des "Islamischen Staats" (IS). Inzwischen ist die islamistische Miliz bis auf wenige Hundert Meter an die Stadtgrenzen vorgerückt. Der kurdische Kommandeur der Stadtverteidigung erwartet "massenhaftes Töten und Zerstörung", sollte die Stadt fallen. Die britische Menschenrechts-Organisation Syrian Observatory for Human Rights berichtete, dass Kobane von mindestens 60 Granaten getroffen wurde und IS-Einheiten die Stadt aus drei Richtungen angreifen. Aktuelle Berichte dokumentieren, dass die Terrorgruppe strategisch wichtige Anhöhen am westlichen Stadtrand eingenommen hat.

Die Reaktionen der Vereinigten Staaten, der Türkei sowie der internationalen Koalition, die den IS bekämpft, ist auch nach den nächtlichen US-Luftangriffen der vergangenen Stunden unzulänglich. In den vorausgegangenen Tagen hatten die USA nur bis zu sieben Attacken in Stadtnähe geflogen, und an zwei kritischen Tagen gab es keinerlei Anzeichen irgendwelcher Aktivitäten.

Bei einer Lagebesprechung im Pentagon am Dienstag erklärte Konteradmiral John Kirby die Logik der amerikanischen Luftschläge so: "Die erste Angriffswelle hatte strategische Ziele. Wir haben Kommando- und Kontrolleinrichtungen getroffen, Finanzzentren, Ausbildungslager und Ölraffinerien." Er sagte darüber hinaus, dass das Pentagon nach den anfänglichen strategischen Bombardements zu "dynamischerer und taktischer Zielauswahl" übergehen werde, um gepanzerte Fahrzeuge und Konvois zu treffen.

Es war höchste Zeit für solche Luftschläge in Kobane. Es ist die gleiche Situation wie beim Schutz der Jesiden am Sindschar-Gebirge vor wenigen Wochen: Die USA können ein Massensterben mit minimalen Kosten und ohne Gefährdung eigenen Personals verhindern. Das zu tun, ist nicht nur moralisches Gebot, sondern auch notwendig, um westliche Interessen zu wahren.

Es drohen Vergewaltigungen, Folter und Morden

Präsident Barack Obama und hochrangige Regierungsvertreter haben in den vergangenen Monaten mehr als einmal über das Fehlen verlässlicher Partner in Syrien geklagt. Die kurdischen Gruppen der Region haben das Potenzial, diese Lücke zu schließen. Auch wenn die in Nordsyrien politisch dominante PYD ihre problematischen Seiten hat, werden Zivilisten in den von der Partei kontrollierten Gebieten einigermaßen korrekt behandelt.

Die Organisation hat sich dem IS seit über einem Jahr entgegengestellt und bekämpft die gewalttätige salafistische Ideologie der syrischen Terrorgruppe konsequent. Wir haben bereits in einem im Juli publizierten Strategiepapier für die Obama-Regierung argumentiert, dass politische kurdische Gruppen wie Milizen einen wichtigen Beitrag zum Ende der syrischen Tragödie leisten werden.

Die Konsequenzen amerikanischer und europäischer Untätigkeit sind inakzeptabel. Sollte der IS Kobane einnehmen, werden die überlebenden Einwohner Vergewaltigungen, Folter und Morden ausgesetzt sein. Diejenigen, denen die Flucht gelingt, werden sich in die Türkei absetzen, das dortige Flüchtlingsproblem verstärken oder, sollte die türkische Regierung die Grenzen nicht öffnen, einer humanitären Katastrophe ausgeliefert sein. Die bisherigen Kampfhandlungen haben nach Aussage des Uno-Flüchtlingskommissars António Guterres bereits "zu einer der dramatischsten humanitären Tragödien geführt" und den "größten syrischen Flüchtlingsstrom innerhalb weniger Tage" nach sich gezogen.

Letzter Ort des Widerstandes

Hinzu kommt, dass der IS mit der Einnahme Kobanes ein umfangreiches Grenzgebiet zur Türkei kontrollieren würde. Die Einreise von islamistischen Freiwilligen und militärischer Ausrüstung wäre damit noch weniger einzudämmen. Gleiches gilt für illegale Ölverkäufe, mit denen der IS sich finanziert, sowie für das Risiko potenzieller Angriffe auf zivile Ziele in der Türkei.

Weiterhin würde der Fall von Kobane viele türkische Kurden aufbringen und dadurch den brüchigen Friedensprozess zwischen der türkischen Regierung und der kurdischen PKK ernsthaft gefährden. Bislang hat die Türkei keinen Finger gerührt, um das Morden auf der anderen Seite der Grenze zu beenden. Andererseits muss man anerkennen, dass die Regierung viele syrische Flüchtlinge aufgenommen hat - über die Million Vertriebene hinaus, die der Regionalkonflikt in den vergangenen Jahren bereits hervorgebracht hat.

Andererseits hat die türkische Regierung die Auslieferung von Hilfsgütern nach Kobane behindert und kurdische Demonstranten mit Tränengas angegriffen, die ihren Unmut gegen diese Politik kundtaten. Die PKK-Führung ist bereits unzufrieden mit dem schleichenden Gang der Friedensverhandlungen mit der Regierung. Ein Massenmord in Kobane würde den verbreiteten Eindruck einer unverbesserlich kurdenfeindlichen türkischen Regierung weiter verfestigen.

Kobane ist dem IS schon lange ein Dorn im Auge gewesen - einer der letzten Orte des Widerstands nördlich der islamistischen De-facto-Hauptstadt Rakka. Hierin liegt der Grund für die rücksichtslosen und massiven Angriffe zu einer Zeit, in welcher der IS gezwungen ist, den Kampf an mehreren Fronten zu führen. Mit der Einnahme Kobanes wäre der IS auch in der Lage, die eigenen Frontlinien an anderen Orten zu begradigen. Es wäre auch ein wichtiger Propagandaerfolg, denn die kurdischen YPG-Milizen sind eine der wenigen Gruppen, die erfolgreich Widerstand leisten. Eine Niederlage für die Kurden würde sofort eine militärische Stärkung der Islamisten bedeuten.

Und wie bereits gesagt: Syrische Kurden haben das Potenzial, zu einer Koalition gegen den IS beizutragen - ihre Niederlage würde eine US-amerikanische und westliche Kooperation mit kurdischen Organisationen auf absehbare Zeit unmöglich machen.

Die USA und Europa sind in der Pflicht

Angesichts all dieser Argumente für nachhaltige Luftangriffe zum Schutze Kobanes ist das schleichende Tempo der gegenwärtigen Mission nur schwer verständlich. Einige US-Militärs weisen auf lückenhafte Geheimdiensterkenntnisse hin. Aber auch wenn das Terrain in Nordsyrien schwierig ist, haben YPG-Kommandeure mehrfach erklärt, dass sie bereit sind, detaillierte Erkenntnisse über IS-Stellungen mit den USA und den Europäern zu teilen, um Luftschläge zu koordinieren. Kurdische Milizen haben auch darauf hingewiesen, dass nur der IS über Panzer, gepanzerte Fahrzeuge und schwere Artillerie verfügt, so dass eine Zielerfassung nicht schwierig ist.

Sollte die amerikanische Zurückhaltung einer Rücksichtnahme auf türkische Befindlichkeiten und der Sorge vor einer Stärkung des kurdischen Einflusses geschuldet sein, ist es höchste Zeit, diese Position zu überdenken. Zum einen hat es in dem von der PYD in unmittelbarer Nachbarschaft der Türkei gelegenen Gebiet seit zwei Jahren keinerlei ernsthafte Auseinandersetzungen gegeben. Und die Türkei sollte aus aufgeklärtem Eigeninteresse einen kurdischen Kanton an ihrer Südgrenze einem IS-Kalifat vorziehen. Selbst der türkische Premierminister Ahmet Davutoglu hat am Donnerstag endlich eingestanden, dass seine Regierung "den Fall Kobanes nicht zulassen wird und was immer möglich ist, tun wird, um dies zu verhindern".

Die Stadt aufzugeben, wäre eine humanitäre Tragödie und ein strategischer Rückschlag. Mit ihr ginge eine zentrale Bastion künftiger Stabilität verloren. Aus moralischen, politischen und strategischen Gründen können die USA und Europa dies nicht zulassen.

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