Sicherheitskonferenz Oberster US-Geheimdienstler warnt vor IS-Anschlag mit Chemiewaffen

Wie groß ist die Terrorgefahr durch den "Islamischen Staat" im Westen? Sehr groß, sagt der Koordinator der US-Nachrichtendienste, James Clapper: Die Miliz verfüge über Giftgas, das sie auch in Amerika einsetzen wolle.
US-Geheimdienstchef Clapper: "Das Unvorhersehbare, Instabile ist die neue Normalität"

US-Geheimdienstchef Clapper: "Das Unvorhersehbare, Instabile ist die neue Normalität"

Foto: Gabriella Demczuk/ AFP

James Clapper, 74, ist ein Großmeister der düsteren Szenarien. Und so legt der Koordinator der US-Nachrichtendienste gleich los, als er die Bühne der Sicherheitskonferenz in München betritt: Sieben Länder stünden weltweit kurz vor dem Zusammenbruch. Weitere 59 Staaten gelten als instabil. "Das Unvorhersehbare, Instabile ist die neue Normalität", sagt Clapper. Wie ein Vorstandsvorsitzender eines Großkonzerns rattert er die Parameter einer Welt in Unordnung herunter.

Doch ein Punkt ist in der Welt des Terrors neu: die Gefahr eines Anschlags mit Giftgas durch den "Islamischen Staat" (IS). "Der IS hat industriell hergestellte chemische Waffen verwendet", sagt Clapper. "Wir haben ausreichend Beweise dafür, dass solche Waffen mehrfach eingesetzt wurden." Und dann geht Clapper noch einen Schritt weiter: Die Bedrohung sei auch für die USA konkret. "Es sieht so aus, dass sie chemische Waffen gegen uns einsetzen wollen. Das verändert potenziell die Szenarien."

Clapper ist im Alarmmodus, er hat sich vorgenommen, die Öffentlichkeit auf einen möglichen Anschlag vorzubereiten. Der IS plane noch "in diesem Jahr" einen Terroranschlag in den USA, hatte er am Dienstag vor einem Senatsausschuss in Washington gesagt. Derzeit gebe es mehr Rückzugsräume für Terroristen, "als jemals zuvor in der Geschichte". Sein Kollege Vincent Stewart, Chef des Militärgeheimdienst DIA, hatte hinzugefügt: Der IS werde "wahrscheinlich versuchen, im Jahr 2016 weitere Anschläge in Europa und direkte Anschläge in den USA durchzuführen".

Nun also sitzt Clapper in München auf dem Podium, neben ihm der Chef des britischen Geheimdienstes GCHQ, Robert Hannigan, der Chef des niederländischen Geheimdienstes und Gerhard Conrad, der dem neu gegründeten Europäischen Intelligence Centre vorsteht.

Clapper ist ein Geheimdienstmann der alten Schule. Edward Snowden hält er für einen Verräter, die weltweite Aufregung um die NSA-Affäre hat er nie verstanden. Aber er hat in München auch eine Botschaft mitgebracht: Wir haben gelernt, zumindest ein bisschen.

"Wir brauchen eine Reform der Verschlüsselungstechnologien"

"Wir konzentrieren uns inzwischen verstärkt auf den Schutz der Privatsphäre und den Datenschutz", verspricht er. Die US-Dienste sollten "als Organisation transparenter werden". Frei übersetzt heißt das: Die Snowden-Enthüllungen haben etwas verändert.

Wie schwer sich die Geheimdienste mit der Balance zwischen Freiheit und Sicherheit tun, zeigt die Diskussion über Verschlüsselungstechnologien, die der GCHQ-Mann Hannigan führt: "Verschlüsselung ist ein wichtiges Element der Privatsphäre. Aber die Herausforderung ist, den Missbrauch zu verhindern." Hannigan sagt, es seien keine Hintertüren und keine neuen Gesetze geplant. Aber auf Nachfrage sagt er auch: "Wir brauchen eine Reform der Verschlüsselungstechnologien."

Man müsse die Menschen davon abhalten, starke Verschlüsselung zu benutzen. Und Clapper ergänzt: "Ich mache mir große Sorgen um die Ausbreitung von Verschlüsselungstechniken." Wenn er einen Wunsch frei habe, dann diesen: eine technische Lösung, die es ermögliche, Freiheit und Sicherheit gleichermaßen zu garantieren.

Clapper selbst wird diese Lösung wohl nicht mehr erleben - in ein paar Monaten geht er in den Ruhestand.

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