Irak Jesiden verweigern Kindern von IS-Überlebenden die Aufnahme

Wenn verschleppte Jesidinnen zu ihren Familien im Irak zurückkehren wollen, müssen sie ihre in IS-Gefangenschaft geborenen Kinder weiterhin zurücklassen. Das hat die Führung der Religionsgemeinschaft nun klargestellt.

Jesidinnen in Syrien: Menschenrechtler sprechen von einer katastrophalen Entscheidung
Delil SOULEIMAN / AFP

Jesidinnen in Syrien: Menschenrechtler sprechen von einer katastrophalen Entscheidung


Für ein paar Tage gab es Hoffnung für Tausende jesidische Frauen und Kinder: Am Mittwoch hatte der Oberste Geistliche Rat der Jesiden eine historische Erklärung veröffentlicht. Die Mitteilung wurde so interpretiert, dass Kinder, die durch die Vergewaltigung jesidischer Sklavinnen in Gefangenschaft der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gezeugt wurden, in die Religionsgemeinschaft aufgenommen und willkommen geheißen würden.

Die Erklärung markierte einen Bruch mit den Glaubensregeln der Gemeinschaft: Bislang ist weder eine Konversion zum Jesidentum noch eine Einheirat möglich. Nur Kinder, deren beide Elternteile Jesiden sind, gelten auch selbst als Jesiden. Kinder von IS-Kämpfern und deren jesidischen Gefangenen gelten demnach nicht als Jesiden und können auch nie Jesiden werden.

Und das wird auch so bleiben, stellte der Oberste Rat der Jesiden in einer zweiten Erklärung am Samstag klar. "Bezüglich der Entscheidung, weibliche Überlebende und ihre Kinder aufzunehmen, meinten wir nicht die Kinder, die als Ergebnis einer Vergewaltigung geboren wurden, sondern jene, die als Kinder jesidischer Eltern nach der Invasion von Sindschar durch den IS am 3. August 2014 verschleppt wurden." (Lesen Sie hier eine Reportage über das Schicksal entführter jesidischer Kinder, die schwer traumatisiert aus der IS-Gefangenschaft zurückgekehrt sind.)

In der ersten Erklärung hatte es geheißen, die jesidische Gemeinschaft akzeptiere "die Rückkehr aller IS-Überlebenden".

Im August 2014 verschleppte der IS 6000 Frauen und Kinder

Nach Einschätzung von Murad Ismael, dem Direktor der jesidischen Menschenrechtsorganisation Yazda, ist der Rückzieher eine Folge heftiger Kritik innerhalb der Religionsgemeinschaft. Jesidische Parteien, religiöse Führer und Stammesvertreter hätten in der Entscheidung einen Verstoß gegen die Glaubensregeln gesehen. Hinzu komme: "Das Ausmaß der IS-Verbrechen macht es für viele Menschen extrem schwer, Kinder aufzuziehen, die in irgendeiner Verbindung zum IS stehen", so Ismael auf Twitter.

Der Rat habe es vor der Veröffentlichung versäumt, alle maßgeblichen Vertreter der Gemeinde zu konsultieren. Außerdem seien juristische Probleme nicht geklärt worden. Schließlich würden laut irakischem Recht alle Kinder eines muslimischen Vaters automatisch als Muslime registriert - also auch Kinder von IS-Terroristen.

Für die betroffenen Frauen und ihre Kinder sei die Entscheidung eine "Katastrophe", so Ismail, gleichwohl akzeptiere er die Entscheidung der höchsten religiösen Autorität.

Nach der Eroberung des jesidischen Siedlungsgebiets um Sindschar im Nordirak hatte der IS vor fünf Jahren mehr als 6000 Frauen und Kinder verschleppt. Bald darauf erklärten die Führer der Gemeinschaft, den Frauen werde die Rückkehr ermöglicht, ihren in IS-Gefangenschaft geborenen Söhnen und Töchtern aber nicht.

Vergewaltigungen waren Teil des Genozids an den Jesiden

Nach Angaben von Yazda werden noch immer fast 3000 Frauen vermisst. Die Menschenrechtler vermuten, dass viele von ihnen davor zurückschrecken, in ihre Heimat zurückzukehren, weil sie dafür ihre Kinder zurücklassen müssten. Offenbar bleiben manche Jesidinnen sogar bei ihren Peinigen, aus Angst, sonst ihre Kinder zu verlieren. Andere leben im Flüchtlingslager al-Hol in Syrien.

Die Entscheidung des jesidischen Rates trägt mit dazu bei, dass die Schreckenstaten des IS nachwirken, lange nachdem die Terrormiliz militärisch besiegt worden ist. Die Dschihadisten hatten einkalkuliert, dass die jesidische Gemeinschaft Kinder verstoßen würde, die von Muslimen gezeugt wurden. Die Vergewaltigungen waren damit Teil ihres Völkermords an den Jesiden.

Yazda-Chef Ismael hofft nun darauf, dass Drittstaaten die Jesidinnen und ihre Kinder aufnehmen und ihnen eine Zukunft bieten - in Sicherheit vor dem Terror der Islamisten und der Intoleranz ihrer Religionsgemeinschaft.

syd

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