Kampf gegen den IS Jetzt wollen alle mit Putin reden

Der Kampf gegen den IS macht es möglich: Russland bietet sich dem Westen als Verbündeter an. Präsident Putin hofft, dass damit die Kritik an Moskaus Ukrainepolitik abklingt.
Putin (r.) mit Hollande (Archivbild vom Oktober 2015): Sie haben einen gemeinsamen Gegner

Putin (r.) mit Hollande (Archivbild vom Oktober 2015): Sie haben einen gemeinsamen Gegner

Foto: Etienne Laurent/ dpa

Der Terror des "Islamischen Staats" (IS) scheint selbst Russlands Opposition zu beschwichtigen: "Zeit, zu löschen", steht als Appell auf der ersten Seite der kremlkritischen Zeitung "Nowaja Gaseta". Das Titelbild zeigt einen Feuerlöscher mit den Fahnen Russlands, der USA und Frankreichs - also jener Staaten, die in Syrien Bombenangriffe fliegen. Auf dem Feuerlöscher ist aber auch noch Platz für andere Flaggen. Weitere Länder sollten sich den Angriffen anschließen, soll das wohl heißen.

Besser hätte auch der Kreml selbst seinen Standpunkt wohl nicht deutlich machen können: Seit Monaten wirbt Russland dafür, zusammen mit dem Westen in Syrien einzugreifen - ungeachtet der Differenzen in der Ukrainekrise. So hatte es Präsident Wladimir Putin bei seinem Auftritt vor der Uno-Vollversammlung Ende September formuliert: "Wir müssen unsere Anstrengungen vereinen und eine breite internationale Koalition gegen den Terror schaffen, ähnlich der Anti-Hitler-Koalition."

Öffnet Frankreich Russland die Türen zum Westen?

Der Westen reagierte auf Putins Appell verhalten. Doch das war vor den Anschlägen von Paris und der Attacke auf den russischen Airbus 321 über dem Sinai mit insgesamt rund 400 Todesopfern. Wie sehr der Terror der Dschihadisten die Lage verändert, zeigte der G20-Gipfel in der Türkei: Beim Treffen der Gruppe in Australien vor einem Jahr hatte Putin noch als Paria gegolten. Diesmal aber "wollten alle mit ihm reden", berichtete Putins Gipfel-Sherpa Swetlana Lukasch. Filmaufnahmen zeigten, wie Putin und US-Präsident Barack Obama abseits der offiziellen Termine fast vertraut die Köpfe zusammensteckten und intensiv diskutierten. "Das war ein ernster Durchbruch in den Beziehungen zwischen beiden Ländern", sagte Lukasch über das Gespräch zwischen den beiden Staatschefs.

Doch vorangetrieben wird die Annäherung durch Frankreichs Präsident François Hollande. Nach den Terrorangriffen in Paris kündigte er an, Ende November zu Gesprächen nach Moskau zu reisen. Putin hatte Hollande in der Nacht auf Samstag als einer der ersten sein Beileid bekundet und Beistand versprochen. Ähnlich schnell hatte der Kreml schon nach den Anschlägen vom 11. September 2001 reagiert. Darauf folgte eine kurze Phase fast inniger Freundschaft zwischen dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush und Putin, die mit dem Irakkrieg endete.

Russische Politiker setzen darauf, dass angesichts der Terrorgefahr die früheren Konflikte in den Hintergrund geraten, vor allem die hartnäckige Kritik des Westens an Russlands militärischen Übergriffen gegen die Ukraine. "Der Kampf gegen den Terrorismus ist jetzt das Hauptthema in den Beziehungen zu Europa", sagte etwa Alexej Puschkow, Chef des Außenausschusses des russischen Parlaments.

Moskau hofft, Frankreich könnte zu einer Art Türöffner zum Westen werden. Im Vergleich zu Kanzlerin Merkel ist das Verhältnis zwischen Putin und Hollande relativ unbelastet. Frankreichs Staatschef hatte Ende 2014 auch als einer der Ersten ein mögliches Ende der von Europa verhängten Sanktionen gegen Russland ins Spiel gebracht.

Russland will mit Frankreichs Streitkräften kooperieren

Am Dienstag besuchte Putin das neue Lagezentrum seines Generalstabs. Erst wurde er über den Stand der russischen Angriffe in Syrien unterrichtet. Dann ließ er sich vor den laufenden Kameras des Staatsfernsehen mit Russlands Marine im Mittelmeer verbinden. Dem Kommandanten des Raketenkreuzers "Moskwa" gab er die Order, er solle mit Frankreichs Streitkräften kooperieren "wie mit einem Verbündeten". Paris hat den Flugzeugträger "Charles de Gaulle" an die syrische Küste entsandt, um Luftangriffe auf den IS zu erleichtern.

Dabei ist es erst ein paar Wochen her, dass Russlands Außenministerium die Operationen der französischen Luftwaffe scharf kritisierte. "Das ist die Vernichtung internationalen Rechts", wetterte Sprecherin Maria Sacharowa. Nur Moskaus Luftschläge seien legitim, weil sie mit Einverständnis von Syriens Präsident Baschar al-Assad erfolgten.

Putin selbst ist nicht entgangen, dass der Westen seine Isolationsversuche ad acta gelegt hat - zumindest vorerst. Beim G20-Treffen "schien mir wirklich, dass es ein klares Interesse daran gibt, die Arbeit mit uns wieder aufzunehmen", sagte er mit erkennbarer Genugtuung. Es sei dabei auch keineswegs nur um Sicherheitsaspekte gegangen, sondern um "viele Richtungen, die Wirtschaft eingeschlossen".

Die Ukraine sei bei den Gesprächen nur noch am Rande ein Thema gewesen. So sei das eben in Krisenzeiten. Die Realität entwickle sich eben sehr schnell. Putin: "Das Leben geht weiter, alles ändert sich. Neue Herausforderungen tauchen auf, neue Bedrohungen, die man nur schwer allein lösen kann."

Video: Russland setzt Langstreckenbomber gegen IS ein

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Zusammengefasst: Seit Monaten wirbt Russland dafür, zusammen mit dem Westen in Syrien einzugreifen, bislang waren die Reaktionen verhalten. Jetzt, nach den Attentaten von Paris, scheint sich das zu ändern - der französische Präsident Hollande reist zu Gesprächen nach Moskau. Die Kritik an der russischen Ukrainepolitik ist in den Hintergrund gerückt.

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