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22. Mai 2015, 13:39 Uhr

Schiiten-Milizen vor Ramadi

Aufmarsch der Todes-Schwadronen

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Im Kampf gegen den IS setzen USA und Irak auf schiitische Milizen - die sollen die Dschihadisten endlich zurückdrängen. Doch die von Iran unterstützten Truppen sind ähnlich brutal wie der "Islamische Staat".

Die Hoffnung der irakischen Regierung heißt Hadi al-Amiri. Der etwa 60-Jährige mit den buschigen Augenbrauen ist Anführer der "Haschd al-Schaabi", der Mobilisierten Volkskräfte. So nennt sich ein im Juni 2014 gebildetes Bündnis von rund 40 schiitischen Milizen.

Bislang konzentrierten sich die schiitischen Milizen darauf, den Gürtel um Bagdad abzusichern. Doch im März kämpften sie plötzlich auch in Tikrit, 140 Kilometer nördlich der Hauptstadt.

Nun will die irakische Regierung sie für eine wohl noch wichtigere Aufgabe einsetzen: Hadi al-Amiris Männer sollen Ramadi von der Terrormiliz IS zurückerobern. Die Stadt liegt etwa 110 Kilometer westlich von Bagdad in der mehrheitlich sunnitischen Provinz Anbar. Tausende schiitische Milizionäre sollen schon vor Ramadi eingetroffen sein. Sie bereiten eine Offensive gegen den IS vor.

Die irakische Regierung setzt große Hoffnung auf die Mobilisierten Volkskräfte. Denn im Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS) hat sich die irakische Armee erneut als nicht sonderlich schlagkräftig erwiesen. Daran ist Bagdad selbst schuld: Religionspolitik und Korruption haben Iraks Armee geschwächt. Die von Schiiten dominierte Regierung rüstet lieber die eigenen Milizen auf als die nationale Armee.

60.000 bis 120.000 gut ausgerüstete Kämpfer sollen nach Schätzungen den Mobilisierten Volkskräften angehören. Das sind mehr, als das irakische Militär hat.

Die meisten schiitischen Milizen kämpften schon in Iraks letztem Bürgerkrieg (ungefähr 2005 bis 2007) - allen voran Hadi al-Amiri. Der Chef der Schiiten-Milizen-Allianz war vier Jahre lang Verkehrsminister in der letzten Regierung von Nuri al-Maliki.

Doch berüchtigt ist er für seine Rolle während des Bürgerkrieges. Eine US-Diplomatendepesche von 2009, die auf Wikileaks veröffentlicht wurde, hält über Amiri fest: "Eine seiner bevorzugten Methoden des Tötens soll es sein, mit einer Bohrmaschine die Schädel seiner Gegner anzubohren." Amiri soll die Ermordung von Tausenden sunnitischen Zivilisten angeordnet haben.

Er stand damals wie heute der größten schiitischen Miliz vor: Die Einheit nannte sich früher Badr-Brigaden und inzwischen Badr-Organisation.

Doch auch andere Mitglieder der Mobilisierten Volkskräfte sind gefährlich.

Bagdad lässt Dschihadisten für sich kämpfen

Noch immer ermorden, entführen und terrorisieren Iraks schiitische Milizen sunnitische Zivilisten, weil sie die Andersgläubigen pauschal für Feinde halten. Im Kampf gegen die radikalsunnitischen Dschihadisten des IS setzt Bagdad auf radikalschiitische Dschihadisten, die dem IS in Sachen Brutalität kaum nachstehen.

In einem Bericht über Menschenrechtsverletzungen im Irak im Sommer 2014 hielt die Uno-Menschenrechtsbehörde über die schiitischen Milizen fest: "Diese Kräfte haben außergerichtliche Hinrichtungen, Folter, Entführungen und Vertreibungen von einer großen Anzahl von Menschen begangen - und dies straffrei."

Im September 2014 wüteten die Schiiten in der Stadt Amerli: Sie brannten Häuser von geflohenen sunnitischen Zivilisten nieder, plünderten ihre Geschäfte und verwüsteten mindestens 47 mehrheitlich sunnitische Dörfer, berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW).

Was ist das Ziel der Schiiten-Miliz? "Die demografische Zusammensetzung von Iraks traditionell bunt gemischten Provinzen Salah al-Din und Kirkuk zu verändern", schrieb HRW - man könnte es auch als ethnische Vertreibungen bezeichnen.

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