Terror-Propaganda Wie der IS seine Schrecken inszeniert

Der "Islamische Staat" betreibt in Rakka ein Filmstudio und gibt Millionen für seine brutale Propaganda aus. In einer SPIEGEL-TV-Reportage schildern Aussteiger, wie perfide die Dschihadisten ihre Verbrechen inszenieren.


Schon lange vor dem Aufstieg des "Islamischen Staats" (IS) haben Terrororganisationen Menschen getötet und sich mit ihren Taten gebrüstet. Doch der IS hat die Inszenierung des Schreckens perfektioniert. Eine Dokumentation von SPIEGEL TV liefert exklusive Einblicke in die Propagandaabteilung der Terrormiliz. (Sonntag, 22.05 Uhr, RTL, SPIEGEL TV MAGAZIN)

Die Inszenierung des IS orientiert sich an Realityshows und Computerspielen. Die Terroristen marschieren für die Enthauptung von Gefangenen an einem Strand auf wie die Kandidaten der US-Show "Survivor". Der IS veranstaltet eine Schnitzeljagd für Kinder, die der Spielshow "Fort Boyard" gleicht - nur dass die Jungen im IS-Video am Ende der Prüfung einen angeblichen Spion erschießen. IS-Kämpfer filmen ihre Gefechte mit GoPro-Kameras, die sie an ihren Helmen oder Gewehren befestigen. Ihre Aufnahmen wirken dadurch wie Ausschnitte aus Egoshooter-Spielen wie "Doom", "Counterstrike" oder "Call of Duty".

In der Dokumentation kommen mehrere frühere IS-Mitglieder zu Wort, die schildern, wie die Propagandaabteilung der Terrororganisation arbeitet. Demnach investierte die IS-Führung mehrere Millionen US-Dollar pro Jahr in die Produktion und Verbreitung ihrer grausamen Videos. Das notwendige Equipment beschaffte die Miliz in der Türkei. Jede Kameraeinstellung wird sorgsam durchdacht, kein Schnittbild dem Zufall überlassen. Der Dreh eines Videos, in dem ausländische IS-Kämpfer syrische Soldaten enthaupten, zog sich über acht Stunden hin.

Ein Mann mit Hollywood-Erfahrung spielt die Schlüsselrolle

Die IS-Aussteiger berichten, dass die Miliz in ihrer inoffiziellen Hauptstadt Rakka ein richtiges Produktionszentrum unterhält. "Es ist eine riesige Anlage, mit einem großen Ton-, Radio- und Filmstudio", schildert der frühere IS-Kameramann Zyad. In ihren sogenannten Provinzen betreibt die Terrororganisation insgesamt 35 Medienbüros.

Eine Schlüsselrolle soll der US-Dschihadist mit dem Kampfnamen Abu Abd al-Rahman al-Amriki gespielt haben. Er habe einst in den Vereinigten Staaten beim Film gearbeitet, sei dann zum Islam konvertiert und habe sich dem IS angeschlossen. "Amriki besetzt eine sehr wichtige Position innerhalb des Medienbüros in Rakka. Man könnte sagen, er ist der Hauptverantwortliche in dem Büro", sagt IS-Aussteiger Zyad.

In den vergangenen Monaten ist die Terrororganisation auf dem Rückzug. Sie hat große Gebiete im Irak verloren, kurdische und arabische Milizen rücken in Syrien auf Rakka vor. Deshalb hat sich auch der Ausstoß der IS-Propagandaabteilung reduziert. Doch in ihren Filmen zeigen die Dschihadisten schon die nächste IS-Generation: Kinder und Waisen von westlichen Kämpfern. Die Botschaft dahinter: Selbst wenn die jetzige Generation des IS den Krieg verliert, werden ihre Söhne den Dschihad fortsetzen.

syd



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