Provinzstadt Rakka geflutet Wasser - die neue Waffe des IS

Verzweifelt verteidigen die IS-Terroristen die Stadt Rakka - und setzen auf Wasser als Kampfmittel: Ganze Viertel haben sie geflutet, dazu gibt es Gerüchte über Spreng- und Stromfallen.

Wasser auf den Straßen von Rakka
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Wasser auf den Straßen von Rakka

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Der Großangriff auf Rakka steht unmittelbar bevor. Seit Monaten rücken Milizionäre der kurdisch kontrollierten "Syrian Democratic Forces" (SDF) mit amerikanischer Unterstützung auf die selbst ernannte Hauptstadt des "Islamischen Staats" (IS) in Syrien vor. In ihrem verzweifelten Abwehrkampf greifen die Terroristen nun zu einer neuen Waffe: Wasser.

Am 19. Mai hat der IS über Nacht tiefer gelegene Teile West-Rakkas sowie mehrere Vororte mit Wasser aus dem Euphrat bis zu anderthalb Meter hoch fluten lassen. Angreifern soll so der Vormarsch erschwert werden. "Das Wasser stieg plötzlich nach Mitternacht", sagte der Vater einer vor zwei Tagen aus Rakka nach Norden geflohenen Familie dem SPIEGEL: "Keiner wusste, was los ist, mehrere Menschen sind in ihren Häusern ertrunken, darunter zwei kleine Kinder."

Wie sich herausstellte, hatten die IS-Kämpfer Kanäle blockiert, durch die aus dem Euphrat zur Bewässerung entnommenes Wasser sowie die Abwässer der Stadt für gewöhnlich wieder abfließen. So überspülte das Wasser jene Stadtviertel und Felder, die tiefer liegen als der Wasserpegel des Flusses: Dera'eya, Romaniye, Mafraq al-Jazara und andere, etwa zehn Quadratkilometer innerhalb der Stadt, ebenso etwa 80 Quadratkilometer in der Umgebung.

"Sie wollen verhindern, dass die SDF und die Amerikaner mit Fahrzeugen in die Stadt kommen können", so einer der Informanten des SPIEGEL: "Außerdem verdeckt das Wasser, wo sie gut isolierte Minen gelegt haben." Überdies plane der IS, im Falle des Angriffs die Wasserflächen unter Strom zu setzen, wollen Führer der kurdischen SDF erfahren haben: "Aber das wird hoffentlich daran scheitern, dass Rakka seinen meisten Strom weiterhin aus Damaskus geliefert bekommt und das Netz nicht vollständig kontrollieren kann", so eine Kommandeurin der SDF: "Und mit Generatorstrom allein wird es nicht funktionieren."

Rakka
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Rakka

Die schweren Regenfälle und Hagelstürme der vergangenen Tage über Rakka dürften dazu beitragen, dass der Wasserpegel nicht so schnell sinken wird. Auch lässt die Türkei seit etwa zwei Monaten wieder mehr Euphrat-Wasser aus ihren tief gestaffelten Stauseen gen Syrien abfließen. Die Lage in der Stadt werde zunehmend verzweifelt, berichten Flüchtlinge, die überall dort fliehen, wo die Front näher rückt und die bislang hermetische Kontrolle des IS nachlässt.

Der IS hatte Rakka, die als erste Provinzhauptstadt zuvor von Rebellen übernommen worden war, im Lauf des Sommers 2013 erobert. Im Januar 2014 konnten die Rebellen den IS kurzzeitig fast gänzlich aus der Stadt vertreiben, bevor die Dschihadisten die Stadt und weite Teile Ost-Syriens zurückeroberte. Seit vergangenem Winter drängen die "Syrian Democratic Forces" unter Führung der kurdischen YPG-Miliz den IS von Norden her zurück und werden immer stärker von den USA mit Waffen, Munition und Special Forces unterstützt - was wiederum das Verhältnis zwischen den USA und der Türkei nachhaltig verschlechtert hat. Ankara sieht in der YPG nichts anderes als den syrischen Ableger der im eigenen Land als Terrororganisation verfolgten Separatistenformation der PKK.


insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
_alexander_ 24.05.2017
1. Kann man...
"Der IS hatte Rakka, die als erste Provinzhauptstadt zuvor von Rebellen übernommen worden war, im Lauf des Sommers 2013 erobert. Im Januar 2014 konnten die Rebellen den IS kurzzeitig fast gänzlich aus der Stadt vertreiben, bevor die Dschihadisten die Stadt und weite Teile Ost-Syriens zurückeroberte. " ... überhaupt noch unterscheiden, wer in dem da unten stattfindenden Chaos was ist? Das wage ich doch sehr zu bezweifeln, obwohl diese "Rebellen" angeblich auch nicht viel besser sein sollen als die IS-Terroristen.
j.vantast 24.05.2017
2. Indirekte Unterstützung
Somit sieht es ja nach einer indirekten Unterstützung des IS durch die Türkei aus. Dass die Türkei im Syrien-Konflikt eher ihre eigenen Interessen vertritt ist ja nichts Neues. So langsam fragt man sich aber ob die Türkei ihre NATO-Mitgliedschaft nicht schamlos ausnutzt und mehr gegen die NATO-Partner arbeitet als sie zu unterstützen.
rantzau 24.05.2017
3. "Verzweifelt"
ist nicht so ganz das richtige Wort. Besser wäre, fanatisch, skrupellos, Verzweifelt ist ein Wort, das von der Konnotation Sympthie weckt. Falsche Wortwahl.
piccolo-mini 24.05.2017
4. Das entscheidende Ziel des IS wird sein...
...Muslime und Nicht-Muslime in Europa und Amerika so stark wie möglich zu entzweien. Sie freuen sich über möglichst starke Wahlergebnisse für die Rechtspopulisten, damit sich die (tatsächlich) aufgrund ihres Teints diskriminierten Bevölkerungsteile in diesen Regionen, vollends ausgeschlossen und vielleicht gar bedroht fühlen. Dann würden sicherlich vielmehr Muslime radikalisiert, als bislang. Ein möglicher Kampf der Kulturen (als Ziel des IS), den es in unserer Gesellschaft bislang überhaupt nicht gab, wird durch IS und AfD und Konsorten gleichermaßen überhaupt erst möglich gemacht.
KingTut 24.05.2017
5. Kurdische Rebellen
Zitat von j.vantastSomit sieht es ja nach einer indirekten Unterstützung des IS durch die Türkei aus. Dass die Türkei im Syrien-Konflikt eher ihre eigenen Interessen vertritt ist ja nichts Neues. So langsam fragt man sich aber ob die Türkei ihre NATO-Mitgliedschaft nicht schamlos ausnutzt und mehr gegen die NATO-Partner arbeitet als sie zu unterstützen.
Ich stimme Ihnen voll und ganz zu. Die kurdischen Rebellen haben einen hohen Blutzoll für die Bekämpfung des IS gezahlt. Ihre Gegnerschaft zum IS ist eindeutig, während ich mir da bei der Türkei nicht so sicher bin. Schlimm finde ich, dass so ein Land nichtsdestotrotz von unserer Wertegemeinschaft ohne Wenn und Aber hofiert und unterstützt wird.
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