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"Islamischer Staat": Dschihadisten unter Druck

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"Islamischer Staat" Erfolg nur an der Propaganda-Front

Nach den Anschlägen in Europa jubeln Anhänger des IS, der Dschihad sei erfolgreich. Doch in Syrien und im Irak sind die Extremisten militärisch in der Defensive.

Es geht bergab für die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS), zumindest in militärischer Hinsicht. In den vergangenen Wochen und Monaten hat sie strategisch bedeutsame Teile des von ihr kontrollierten Gebiets verloren.

Der Einsatz der internationalen Allianz gegen die Extremisten zeigt Wirkung: Mehrere wichtige Orte in Syrien und im Irak wurden zurückerobert, zuletzt Mitte November die Stadt Sindschar im Nordirak. Den Ort hatten die IS-Kämpfer über ein Jahr lang besetzt gehalten und die Einheimischen vertrieben oder ermordet. Inzwischen soll auch das Geld knapp werden.

Trotzdem sind viele Extremisten der Meinung, auf der Erfolgsspur zu sein. "Sehr glücklich" sei man darüber, dass Deutschland sich in den Krieg in Syrien eingeschaltet habe, sagt ein junger IS-Kämpfer. Er ist Tunesier, Anfang zwanzig und seit einem knappen Jahr im Einsatz. "Deutschland hat offiziell Position bezogen. Damit gibt es Klarheit: Deutschland ist unser Feind." Es handele sich dabei um eine "eindeutige Haltung gegen den Islam", behauptet er. "Je mehr Länder sich in den Krieg einschalten, desto besser für uns. Denn in Wahrheit gibt es nur zwei Parteien: die Muslime und die Ungläubigen."

SPIEGEL ONLINE sprach am Telefon mit IS-Anhängern, die sich nach eigenen Angaben "im Grenzgebiet zwischen der Türkei und Syrien" aufhalten. Sie zu treffen, davon raten IS-Experten und Sicherheitsleute seit der Ermordung von zwei syrischen Journalisten in der türkischen Stadt Sanliurfa im Oktober ab. Bis vor Kurzem waren noch Gespräche von Angesicht zu Angesicht möglich. Doch sei jetzt die Gefahr gestiegen, entführt zu werden, um ein Lösegeld zu erpressen - oder gleich getötet zu werden vor laufender Kamera, um der IS-Propaganda zu dienen.

Ein anderes IS-Mitglied, ein Afghane, 25 Jahre alt, sagt, nur der IS mit seinem Kalifat repräsentiere "den reinen Islam". Alle anderen - damit meint er konkurrierende extremistische Organisationen - seien "genauso zu bekämpfen wie die westlichen Ungläubigen". "Der Rest der Welt ist sowieso unser Feind, das ist ja klar."

Das Ziel der IS-Kämpfer ist die Apokalypse

Ein dritter IS-Anhänger, ein 29-jähriger Belgier, zählt auf, was der IS zuletzt alles erreicht habe: "Seit dem Angriff in Paris ist die westliche Welt in Panik. Brüssel lag tagelang lahm aus Angst. Viele Länder zerstreiten sich über ihre Syrienpolitik, die Türkei und Russland sind am Rande eines Krieges. In Frankreich werden die Rechtsextremisten stark, in den USA wird Donald Trump für seine anti-islamische Rhetorik gefeiert. Und ich höre, in Deutschland sind die Islamfeinde auch auf dem Vormarsch." Wer Muslim sei, bekomme "nun die Feindseligkeit der Ungläubigen zu spüren". "Das sieht man doch an all den Angriffen auf Muslime", sagt er. Und fügt hinzu: "Wir gewinnen."

Genau darum geht es dem IS: die Welt einzuteilen in Freund und Feind, in "die" und "wir" oder, wie es der tunesische Dschihadist sagt, in "Muslime und Ungläubige". Das Ziel der IS-Kämpfer ist die Apokalypse, der Kampf zwischen Gut und Böse, aus dem nicht unbedingt sie selbst als Sieger hervorgehen, aber doch ihre radikale Ideologie. Der Belgier sagt: "Uns kann man töten, unsere Denkweise nicht."

Der Aufstieg rechtsextremer Parteien in westlichen Ländern kommt ihnen da gerade recht. Er ist geradezu wie ein Beweis für ihre These, der Westen sei gegen den Islam. Alle IS-Kämpfer sagen, sie verfolgten die Reden der republikanischen Präsidentschaftsbewerber, "insbesondere die von Trump", sehr aufmerksam. Ebenso nutzen sie die Abschottungspolitik der EU vor Flüchtlingen zu Propagandazwecken - und ignorieren dabei, dass ein Teil der Menschen ihretwegen flüchtet.

"Die Lage des IS ist komplex"

Im Inneren des IS sollen die Kommandeure längst nicht so gut gelaunt sein, wie manche ihrer Kämpfer zu vermitteln versuchen. "Die Lage des IS ist komplex", sagt Journalist und IS-Experte Michael Weiss. "Einerseits verbucht er tatsächlich Erfolge dabei, den Westen zu spalten und sein Gedankengut zu verbreiten. In manchen Ländern wie Afghanistan, Jemen und Libyen breitet die Organisation sich aus. Im Kerngebiet, in Syrien und im Irak, sieht es dagegen eher schlecht aus für den IS."

Aus der IS-Hauptstadt Rakka ist zu hören, die Mächtigen seien "nervös" und bereiteten sich auf eine militärische Offensive der internationalen Anti-IS-Koalition zur Rückeroberung der Stadt vor. Ebenso rechnen die Dschihadisten mit dem Versuch, die Stadt Mossul im Westen des Irak zurückzuerobern. Gerüchte darüber kursieren schon seit Monaten. Aussagen wie die der IS-Anhänger vom bevorstehenden Sieg dienen offensichtlich dazu, die Stimmung unter den Kämpfern zu verbessern.

Die Ideologie des IS verbreitet sich auf unberechenbare Weise, wie zuletzt das Massaker von San Bernardino in Kalifornien, USA, gezeigt hat. Ein Ehepaar hatte Anfang Dezember eine Einrichtung für Behinderte gestürmt und 14 Menschen getötet. Die Frau, Mutter eines sechs Monate alten Babys, soll vor der Tat Sympathien gegenüber den IS bekundet haben. Die "New York Times" berichtete sogar, sie habe dem IS öffentlich auf Facebook die Treue geschworen, was sich später aber als falsch herausstellte.

Wieder waren sinnlos Menschen gestorben, hatte der IS weltweite Aufmerksamkeit und gewannen Ressentiments gegen Muslime an Zustimmung. "Diese Schlacht", sagt der Belgier, "haben wir jedenfalls gewonnen."