DIA-Dokument Das Märchen vom US-Masterplan für den "Islamischen Staat"

Haben die USA den Aufstieg des "Islamischen Staats" gefördert? Ein Papier des US-Militärgeheimdienstes DIA soll das beweisen. Doch das Dokument belegt vor allem Heuchelei und Versagen der US-Regierung.
IS-Kämpfer im Osten Syriens: "Das wird eine gewaltige Gefahr"

IS-Kämpfer im Osten Syriens: "Das wird eine gewaltige Gefahr"

Foto: AP/ Islamistische Propagandawebsite

Das Geheimdokument ist nur sieben Seiten lang, davon sind drei Blätter fast völlig weiß, weil zensiert. Doch die übrigen Zeilen sollen dafür sorgen, dass der Aufstieg der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) in einem neuen Licht erscheint. Das Dokument aus dem Jahr 2012 belegt angeblich, dass die USA den Aufstieg der Dschihadisten förderten. Davon sind zumindest Kritiker der US-Regierung überzeugt. Doch bei genauerer Betrachtung lässt sich diese Schlussfolgerung nicht halten.

Das Papier, um das es geht, wurde in der vergangenen Woche von der konservativen Organisation Judicial Watch veröffentlicht. Die Gruppe steht den Republikanern nahe und hatte erfolgreich auf die Herausgabe von Regierungsunterlagen zum tödlichen Anschlag auf das US-Konsulat im libyschen Bengasi 2012 geklagt. Unter den Dokumenten, die daraufhin von der Regierung herausgegeben wurden, ist auch ein Bericht der Defense Intelligence Agency (DIA). Die DIA ist die Dachorganisation der Nachrichtendienste der vier Teilstreitkräfte im US-Militär.

Der DIA-Bericht ist auf den 12. August 2012 datiert. Die Nachrichtendienstler betonen gleich zu Beginn, dass die darin enthaltenen Angaben noch nicht abschließend bewertet wurden. Es handelt sich vielmehr um ein Informationsblatt des Verteidigungsministeriums, das regelmäßig an die Pentagon-Spitze und das Weiße Haus gegeben werde. Es gibt mehr als ein Dutzend US-Geheimdienste, entsprechend hoch ist der tägliche Ausstoß an Berichten.

Das Papier trägt die Geheimhaltungsstufe "secret" - das ist die zweitniedrigste der DIA. Das deutet darauf hin, dass die darin enthaltenen Informationen weder als besonders geheim noch als brisant eingeschätzt wurden.

Zuerst stellen die Autoren des Berichts fest, dass sich der Konflikt zu einem Kampf zwischen den Konfessionsgemeinschaften entwickelt habe. Die folgenden Passagen haben es in sich:

  • "Die Salafisten, die Muslimbruderschaft und al-Qaida im Irak sind die treibenden Kräfte des Aufstands in Syrien."
  • "Der Westen, die Golfstaaten und die Türkei unterstützen die Opposition, während Russland, China und Iran das Regime unterstützen."

Kritiker der US-Regierung lesen aus diesen Sätzen heraus, dass der Westen und seine Verbündeten damals al-Qaida im Irak unterstützt hätten - jene Terrorgruppe, aus der sich später der IS entwickelte. Doch die Geheimdienstler unterscheiden in ihrem Bericht eben zwischen der Opposition - damit ist die "Freie Syrische Armee" gemeint - und den Aufständischen - damit sind die militanten Islamisten gemeint.

Die DIA-Einschätzung belegt allerdings, dass die US-Regierung geheuchelt hat: Washington hatte Ende 2012 öffentlich noch immer den Eindruck erweckt, der Aufstand gegen Assad sei von säkularen, westlich orientierten Oppositionellen getragen, obwohl die Geheimdienste da bereits vor dem Erstarken der Dschihadisten gewarnt hatten.

Dabei war der Einfluss radikaler Islamisten im syrischen Bürgerkrieg zu diesem Zeitpunkt längst öffentlich bekannt. So schrieb der SPIEGEL am 13. August 2012 , also einen Tag nachdem der DIA seine Einschätzung abgab: "Westliche Geheimdienste berichten, das von Osama Bin Laden gegründete Terrornetzwerk al-Qaida sei mit 'bis zu 1500 Kämpfern' am syrischen Bürgerkrieg beteiligt." Und später heißt es im selben Text über die Sunniten im syrisch-irakischen Grenzgebiet: "Sie alle wollen ein Kalifat, das die Sunniten Syriens und des Iraks vereinigen soll."

Für noch mehr Aufsehen sorgten die Sätze, die der Geheimdienst unter den Punkten "Zukunftshypothesen über die Krise" und "Folgen für den Irak" notiert hat. Da heißt es unter anderem:

  • "Das Regime wird überleben und Kontrolle über syrisches Territorium haben."

  • "Wenn sich die Situation entwickelt, besteht die Möglichkeit der Errichtung eines offiziell ausgerufenen oder inoffiziellen salafistischen Fürstentums in Ostsyrien. Und das ist genau das, was die Unterstützer der Opposition wollen, um das syrische Regime zu isolieren."

Heute existiert ein solches salafistisches Fürstentum - nicht nur in Ostsyrien, sondern auch im Westen und Norden des Irak: Das selbsternannte Kalifat des "Islamischen Staats". Aber ist das DIA-Papier nun der Masterplan für die Schaffung des IS, zu dem es Gegner der US-Regierung im Nachhinein erklären wollen?

Nein, denn in der Folge warnt der US-Geheimdienst ausdrücklich vor "den schrecklichen Folgen" einer solchen Entwicklung:

"Das schafft die idealen Voraussetzungen für al-Qaida im Irak, um in seine alten Nester in Mossul und Ramadi zurückzukehren." Dadurch würden die sunnitischen Dschihadisten im Irak, in Syrien und der arabischen Welt gestärkt. Schließlich könnte al-Qaida "auch einen Islamischen Staat ausrufen, in dem sie sich mit anderen Terrororganisationen im Irak und in Syrien verbündet. Das wird eine gewaltige Gefahr für die Einheit und territoriale Integrität des Irak schaffen."

So bleibt unter dem Strich: Die DIA hat die Entwicklungen in Syrien und im Irak seit 2012 erstaunlich genau vorhergesagt. Das Versagen liegt an anderer Stelle in der US-Regierung. Das Weiße Haus hat erst viel zu spät auf ihre verbündeten Golfstaaten und die Türkei eingewirkt, die Unterstützung für die Dschihadisten zu stoppen. Und Washington hat nur halbherzig und zu spät angefangen, den IS mit militärischen Mitteln zu bekämpfen.

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