US-Verteidigungsminister kritisiert Iraks Truppen "Keinen Willen zum Kampf gezeigt"

Mit seinem Eroberungszug in Syrien und im Irak kommt der IS momentan fast ungehindert voran. In Washington schwindet nun offenbar die Geduld: Verteidigungsminister Carter hat die irakischen Truppen ungewöhnlich scharf kritisiert. Die Reaktion folgte prompt.

Irakischer Soldat: Regierungschef verteidigt seine Truppen
AFP

Irakischer Soldat: Regierungschef verteidigt seine Truppen


US-Verteidigungsminister Ashton Carter hat die irakische Armee nach den jüngsten Niederlagen gegen den "Islamischen Staat" (IS) ungewöhnlich scharf kritisiert. Mit Blick auf den Kampf um die Stadt Ramadi sagte Carter in einem Interview mit CNN, die irakischen Truppen hätten "einfach keinen Willen zum Kampf gezeigt". Die Iraker seien der Terrormiliz zahlenmäßig weit überlegen gewesen. Sie hätten sich trotzdem zurückgezogen.

"Wir können sie ausbilden, wir können ihnen Ausrüstung geben, aber wir können ihnen keinen Willen zum Kampf geben", so Carter am Sonntag.

Die Reaktion kam prompt. Der irakische Regierungschef Haider al-Abadi entgegnete, Carter sei wohl "mit falschen Informationen gefüttert" worden. Er kündigte die Rückeroberung von Ramadi "innerhalb von Tagen" an, berichtete der Sender BBC.

Carter hält an US-Strategie fest

Kommentatoren in Washington bezeichnen die Äußerungen Carters als die bisher härteste öffentliche Kritik an den irakischen Truppen. Zwar kritisieren US-Regierungsvertreter immer wieder den Zustand der irakischen Armee, doch meist hinter vorgehaltener Hand. Dass Carter nun mit derart deutlichen Worten vorprescht, mag auch daran liegen, dass die Truppen in Ramadi viele Fahrzeuge zurückließen, die sie von den USA erhalten hatten, darunter auch Panzer. Sie sind nun aller Wahrscheinlichkeit nach in der Hand der Islamisten.

Carter machte gegenüber CNN deutlich, dass er trotz seiner Kritik weiter an der Strategie gegen den IS festhalten wolle: Die USA müssten ihre Unterstützung der irakischen Truppen verstärken, die Lieferung von Ausrüstung beschleunigen, die Ausbildung der Truppen fortsetzen. Er sprach sich gegen eine größere Präsenz des US-Militärs im Irak aus, um den IS zurückzudrängen. "Wir können dies nicht selbst durchführen. Wir können nur helfen, die Bedingungen zu schaffen, die es möglich machen."

IS kontrolliert Grenze

Zuletzt eroberte die Terrormiliz einen strategisch wichtigen syrisch-irakischen Grenzübergang und kontrolliert nun weite Teile der Route zwischen Bagdad und Damaskus. Die irakischen Sicherheitskräfte zogen sich von dem Posten Al-Walid komplett zurück, wie das irakische Militär am Sonntag in Bagdad erklärte.

"Sie haben die irakische Flagge runtergenommen und ihre eigene gehisst", sagte der Sprecher. Den Übergang Al-Tanf auf der syrischen Seite der Grenze hatte der IS bereits vor drei Tagen erobert, nachdem er zuvor die antike Wüstenstadt Palmyra und andere Gebiete der Provinz Homs unter seine Kontrolle gebracht hatte.

Die vollständige Kontrolle über die irakisch-syrische Grenze an dieser Stelle ist von enormer strategischer Bedeutung. In Friedenszeiten war Al-Walid/Al-Tanf der Grenzübergang für Reisende auf der direkten Strecke zwischen Bagdad und Damaskus. Nun kann der IS über diese Strecke beliebig Soldaten und Waffen zwischen der westirakischen Provinz Anbar und der syrischen Provinz Homs verschieben.

Die Karte zeigt die Machtverhältnisse in Syrien
SPIEGEL ONLINE

Die Karte zeigt die Machtverhältnisse in Syrien

bim/dpa/AP

insgesamt 183 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
stowolle 25.05.2015
1. Problem Nr.1 erkannt
Der innere Zustand der irakischen Streitkräfte ist desaströs. Feigheit vor dem Feind, mangelnde Motivation, schlechte Strukturen. Trotz erheblicher sachlicher Unterstützung seitens der Koalition verbucht die Armee des Irak keine Erfolge die dauerhaft sind - anders als etwa die kurdischen Einheiten im Norden. "Iraker rennen, Kurden kämpfen" - eine bekannte und sehr wahre Formel, die es auf den Punkt bringt.
politik-nein-danke 25.05.2015
2. Wofür denn kämpfen und sterben?
Der Großteil der irakischen Soldaten identifiziert sich nicht mit dem irakischen Staat. Der einzige Grund warum die in die Armee eingetreten sind, ist doch das die nach der Zerstörung jeglicher Gesellschaft durch die Amerikaner arbeitslos waren und nicht wussten wie sie ihre Familien ernähren sollten. Der Sold in der irakischen Armee ist überdurchschnittlich hoch im Vergleich zu sonstigen Möglichkeiten Geld zu verdienen.
Pfaffenwinkel 25.05.2015
3. Die Iraker
haben Jahre des Krieges und der Zerstörung durch die USA hinter sich. Wen wundert es, dass sie nun keinen "Kampfeswillen" mehr zeigen.
tolate 25.05.2015
4.
Bereits in Korea und in Indochina haben die USA bei ihrem Abzug ein Chaos hinterlassen, das die jeweiligen Regionen noch die nächsten Jahrzehnte beschäftigt hat und weiter beschäftigen wird. Das wurde und wird nahtlos fortgesetzt, jetzt aber deutlich näher an Europa, und unter aktiver Mitarbeit in Europa selbst, siehe Jugoslawien, Georgien. Ukraine. Atlantikbrückenpropagandisten haben dafür natürlich entschuldigende Erklärungen: ohne die USA wäre alles noch viel schlimmer.
merman2 25.05.2015
5. Wofür sollen die Soldaten eigentlich kämpfen?
Für den ungehinderten Zugang der USA zu den Rohstoff-Vorräten in der Region? Die Demotivation der Soldaten ist nachvollziehbar. Seit dem Überfall der USA, Großbritanniens und einer Koalition der Willigen im Jahr 2003 auf den Irak sollen die Soldaten bis heute ununterbrochen gegen irgendwen kämpfen. Und Wofür? Mal ganz nüchtern: Die US-/NATO-Kriege im Dreieck Irak, Afghanistan, Pakistan haben weit mehr als 1,5 Millionen Todesopfer, weit überwiegend Zivilisten, Frauen, Kinder, gefordert. Dieses "stolze" Ergebnis kann der IS nie erreichen! Zudem: Die USA haben Entstehung des Islamischen Staats bewusst nicht verhindert. Ein amerikanischer Geheimdienst-Bericht zeigt, dass der Westen bereits 2012 Anzeichen für das Entstehen eines Islamischen Staats hatte. Doch unternommen haben die Amerikaner nichts, im Gegenteil: Sie sahen in einem solchen Gebilde eine Chance, Syrien zu destabilisieren und Assad zu stürzen. Das Dokument gibt Zeugnis für eine komplett fehlgeleitete Politik, die der Grund für die Flüchtlingswelle nach Europa und die weltweite massive Beschränkung der Bürger- und Freiheitsrechte ist. (Quelle: DWN 25.05.2015)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.