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Besetzte irakische Stadt: Streit um Ramadi

Foto: AHMAD AL-RUBAYE/ AFP

"Islamischer Staat" in Ramadi Abrechnung nach der Schlacht

Wer ist schuld daran, dass die IS-Terrormiliz Ramadi erobert hat? Der US-Verteidigungsminister und der irakische Vizepremier geben feigen Soldaten die Schuld. Doch die wahren Verantwortlichen tragen keine Uniform.

Etwas mehr als hundert Kilometer trennen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) noch von der irakischen Hauptstadt Bagdad. Mit der Eroberung Ramadis haben die Dschihadisten einen militärischen Erfolg gefeiert, den es nach den Erfolgsmeldungen der US-Regierung in jüngster Zeit eigentlich gar nicht mehr hätte geben dürfen. Doch der IS ist in den vergangenen Wochen nicht zurückgedrängt worden - stattdessen hat er seinen Herrschaftsbereich um eine weitere irakische Großstadt erweitert.

Der Fall Ramadis hat in der Anti-IS-Koalition für Unruhe gesorgt. Die angekündigte Militäroperation zur Rückeroberung der Stadt lässt auf sich warten, die Miliz kann sich derweil auf die bevorstehende Schlacht vorbereiten. Zwischen amerikanischen, irakischen und iranischen Offiziellen ist derweil die Stunde der Abrechnung gekommen. Sie machen sich gegenseitig für die Niederlage verantwortlich.

Den Anfang machte US-Verteidigungsminister Ashton Carter: Er warf den irakischen Truppen vor, sie hätten in Ramadi keinen Kampfgeist gezeigt. "Wir können sie ausbilden, wir können ihnen Ausrüstung geben, aber wir können ihnen keinen Willen zum Kampf geben", sagte Carter.

Der irakische Ministerpräsident Haidar Al-Abadi wies die Vorwürfe zurück. Er behauptete, der US-Verteidigungsminister sei falsch informiert. Außerdem würden Regierungstruppen Ramadi schon innerhalb weniger Tage zurückerobern.

"Der Rückzug der Armee hat uns alle überrascht"

Qassem Suleimani, der iranische Kommandeur der Kuds-Brigaden, der den Einsatz iranischer Ausbilder im Irak leitet, sprang Abadi zur Seite: Es sei die US-Armee gewesen, die keinen Willen zum Kampf um Ramadi gezeigt und die irakischen Soldaten im Stich gelassen habe, sagte Suleimani der iranischen Zeitung "Javan".

US-Vizepräsident Joe Biden sah sich angesichts des Zwistes zum Einschreiten gezwungen: Er telefonierte am Montag mit Abadi und lobte dabei laut Mitteilung des Weißen Hauses den Kampfgeist der irakischen Soldaten. Die USA würden "die enormen Opfer und den Mut der irakischen Truppen in Ramadi und anderswo anerkennen", sagte Biden demnach.

In der Zwischenzeit hatte sich jedoch ausgerechnet ein ranghoher Regierungsvertreter aus Bagdad zu Wort gemeldet, der die Kritik des Pentagon an der irakischen Armee teilte. "Der Rückzug der Armee aus Ramadi hat uns alle überrascht", sagte Vizepremier Saleh Al-Mutlaq dem US-Sender CNN. "Es ist völlig unverständlich, dass diese Einheit, die seit Jahren von den Amerikanern trainiert worden ist und eine der besten Einheiten der Armee sein sollte, Ramadi auf diese Art und Weise verlässt." Das sei nicht das, was die Iraker von ihrem Militär erwarteten, kritisierte Mutlaq.

Eine sich selbsterfüllende Prophezeiung

Der ranghöchste Sunnit in der irakischen Regierung stammt selbst aus der Provinz Anbar, deren Hauptstadt Ramadi ist. Er beklagte, dass die Menschen in seiner Heimatregion langsam den Glauben daran verlören, dass die irakische Regierung die Lage zum Besseren wenden und den IS besiegen könnte. Es brauche eine politische Lösung für die Krise im Irak. "Diese Schlacht kann nicht nur militärisch gewonnen werden."

In der Tat ist der Fall Ramadis weniger die Folge fehlenden Kampfesmuts, sondern eine Konsequenz politischen Versagens. Sunnitische Stammesverbände hatten die Terrororganisation "al-Qaida im Irak" 2007 weitgehend aus Anbar vertrieben. Seither weigert sich die von Schiiten dominierte Zentralregierung in Bagdad allerdings beharrlich, diese Verteidigungskräfte adäquat auszurüsten. Mächtige schiitische Fraktionen lehnen das ab, weil sie an der Loyalität der Sunniten zweifeln. Sie unterstellen der sunnitischen Minderheit, sie hege Sympathien für die Radikalen des IS und werde die Waffen irgendwann auch gegen Schiiten einsetzen.

Die Folge: Die Einheiten in Ramadi, die ihre Stadt bis zuletzt gegen den IS verteidigten, waren am Ende zwar zahlenmäßig weit überlegen, aber militärisch hoffnungslos im Nachteil, weil sie den Dschihadisten mit deren Humvees, Artilleriegeschützen und Selbstmordattentätern nur Kalaschnikows entgegensetzen konnten.

Die Folge ist, dass die Befürchtungen der Schiiten zu sich selbsterfüllenden Prophezeiungen werden. Weil sie von der Regierung in Bagdad im Stich gelassen werden, ziehen es viele sunnitische Stämme im Westirak inzwischen vor, sich dem IS zu unterwerfen. Der Kampf gegen die Dschihadisten wird damit zwangsläufig zu einem Konflikt der Konfessionen: Der IS und verbündete sunnitische Stämme auf der einen gegen schiitische Milizen auf der andere Seite.


Zusammengefasst: Nach der Vertreibung irakischer Truppen aus Ramadi hat die Zeit der Schuldzuweisungen begonnen. Doch dass die Stadt durch den IS erobert wurde, liegt nicht an fehlendem Kampfesmut der Soldaten, sondern an falschen politischen Entscheidungen. Die Regierung in Bagdad hat die sunnitischen Kämpfer in Ramadi im Stich gelassen.