Schlag gegen IS in Rakka Das explosive Erbe der Extremisten

Der "Islamische Staat" ist aus Rakka vertrieben, am Ende ist die Terrormiliz damit aber noch lange nicht: Lokale Ableger und Ideologien bleiben - zudem droht ein Konflikt zwischen den Anti-IS-Allianzen.

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Rakka ist gefallen. Das Militärbündnis "Syrische Demokratische Kräfte" (SDF) hat nach monatelangem Kampf 90 Prozent der nordsyrischen Stadt erobert. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) hat damit ihre letzte Hochburg verloren, und das sogenannte Kalifat ist de facto zerfallen. Die Dschihadisten haben nur noch einige Gebiete in der syrisch-irakischen Grenzregion unter ihrer Kontrolle.

Zurück bleibt ein explosives Erbe. Zunächst einmal buchstäblich: Die IS-Kämpfer sollen in Rakka viele Sprengsätze hinterlassen haben - eine Taktik, die sie zuvor bereits im irakischen Mossul eingesetzt hatten.

Ebenso gefährlich ist allerdings das nun drohende Ringen um Rakka, zwischen den unterschiedlichen Allianzen, die bisher den IS bekämpfen. Denn die von den USA unterstützten Kurdenkämpfer, die beim SDF tonangebend sind, träumen davon, die Stadt in ihr autonomes Siedlungsgebiet Rojava einzugliedern. Die Türkei ist strikt dagegen.

Auch das von Iran sowie Russland unterstützte Regime des syrischen Machthabers Baschar al-Assad dürfte kein Interesse daran haben, Rakka den Kurden zu überlassen.

Nach dem Konflikt ist also vor dem Konflikt - was das bedeutet, lässt sich im Irak beobachten. Dort ist nach den Erfolgen gegen den IS und infolge des kurdischen Unabhängigkeitsreferendums ein Kampf um die Ölstadt Kirkuk zwischen der Zentralregierung in Bagdad und schiitischen Milizen auf der einen und den Kurden auf der anderen Seite entbrannt. Letztere haben bisher das Nachsehen.

Terroristisches Franchise-System

Diese Einzelinteressen hatte sich der IS lange zunutze gemacht. Der Fall von Rakka markiert für die Terrororganisation eine Zeitenwende. Aber auch wenn das sogenannte Kalifat als integrales Territorium Geschichte ist, haben die Männer mit den schwarzen Flaggen weiterhin lokale Ableger, die in vielen Ländern eine Bedrohung darstellen. Der Überblick:

  • Auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel kämpfen Dschihadisten der "Provinz Sinai", einem lokalen Ableger des IS. In den vergangenen Wochen gelangen ihnen mehrfach spektakuläre Anschläge.
  • In Afghanistan kämpft die Dschihadistenmiliz um Einfluss und baut ihre Strukturen im Norden des Landes offenbar aus.
  • In Libyen verlor der IS im Dezember 2016 zwar mit der Hafenstadt Sirt seine letzte Hochburg, in den vergangenen Monaten gingen die Islamisten aber wieder in die Offensive.
  • Im Bürgerkriegsland Jemen haben die USA nach eigenen Angaben zu Wochenbeginn zwei Trainingslager der Terrormiliz angegriffen. Dutzende Mitglieder des IS sollen getötet worden seien.
  • Auf den Philippinen hatte sich im Mai ein Ableger des IS in der Stadt Marawi eingenistet. Auch dort wurden nach Angaben der philippinischen Regierung zu Wochenbeginn zwei Top-Terroristen getötet.

Dieses terroristische Franchisesystem verdeutlicht, dass die radikalen Ideen der Dschihadisten weiter existieren. Auch in Europa ist mit dem Fall von Rakka die Gefahr vor islamistischen Anschlägen deshalb keineswegs gebannt.

SPIEGEL TV über IS-Kämpfer: Von Oberhausen nach Rakka

In diesem Jahr gab es bereits viele Attentate, die im Namen des IS ausgeführt wurden oder von diesem reklamiert wurden - was nicht bedeutet, dass die Anführer im Nahen Osten diese wirklich in Auftrag gegeben haben.

  • Im Januar erschoss ein Attentäter in weniger als zehn Minuten 39 Menschen in einem Nachtklub in Istanbul.
  • Im März tötete ein Angreifer in London fünf Menschen, als er mit einem Auto in eine Menschenmenge fuhr und einen Polizisten erstach.
  • Im April tötete ein Islamist auf den Champs-Élysées in Paris mit einem Sturmgewehr einen Polizisten.
  • Bei einem Anschlag auf ein Konzert in Manchester sprengte sich im Mai ein Selbstmordattentäter in die Luft - 22 Menschen starben.
  • Im Juni steuerten drei Männer in London einen Kleinlaster in Fußgänger und griffen anschließend Passanten an. Die Folge: acht Tote.
  • Im August ermordete eine mehrköpfige Terrorgruppe in Barcelona sowie in Cambrils 15 Menschen.

Diese Art von Anschlägen, entweder von hartgesottenen Dschihadisten oder jungen, im Internet radikalisierten Instant-Islamisten durchgeführt, dürfte vorerst nicht seltener werden. Im Gegenteil: Durch die mögliche Rückkehr von IS-Veteranen aus Syrien und dem Irak steigt die Gefahr weiterer Attentate.

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Kampf gegen den IS: Ringen um Rakka

Die zum größten Teil getöteten IS-Strategen haben vor ihrem Ableben eine Art islamistisches Perpetuum mobile in Gang gesetzt. Als Marke funktioniert der IS auch ohne eigenes Territorium zu Propagandazwecken weiter und kann zudem ersetzt werden - schließlich ging auch der "Islamische Staat" einst aus dem irakischen Qaida-Netzwerk des jordanischen Erzterroristen Abu Musab al-Zarqawi hervor.


Zusammengefasst: Rakka ist vom IS befreit - das ist die gute Nachricht. Allerdings gilt die syrische Stadt als schwer vermint. Zudem dürfte es sehr bald Streit über die zukünftige Kontrolle geben: Türkei und Assad-Regime wollen nicht, dass die Kurden Rakka für sich einnehmen. Und auch der IS ist zwar geschlagen - aber keineswegs besiegt. Es wird auch weiter Anschläge und Gewalt geben. Durch Rückkehrer aus dem Kriegsgebiet etwa könnte das Risiko von Attentaten in Europa noch wachsen.

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