Dschihadisten in Haft Warum die Kurden ihre IS-Gefangenen loswerden wollen

Was passiert mit europäischen IS-Kämpfern, die in Syrien inhaftiert sind? Die EU-Staaten würden sie am liebsten den Kurden überlassen. Doch die sind immer weniger bereit, sich um die Gefangenen zu kümmern.
IS-Angehörige in der Ortschaft Baghus

IS-Angehörige in der Ortschaft Baghus

Foto: BULENT KILIC/ AFP

Eine kleine Ortschaft im Euphrattal, irgendwo zwischen Syrien und dem Irak. Das ist alles, was vom Kalifat des Abu Bakr al-Baghdadi, dem sogenannten Islamischen Staat (IS), noch übrig ist.

Mehrere Hundert IS-Kämpfer haben sich in Baghus, einem Dorf in Nordostsyrien, verschanzt. Sie wehren sich unter anderem mit Selbstmordattacken gegen den Vormarsch der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), einem Militärbündnis unter Führung der kurdischen Miliz YPG. SDF-Vertreter rechnen damit, dass Baghus in den kommenden Tagen endgültig von den Dschihadisten befreit ist. IS-Führer Baghdadi ist längst auf der Flucht.

Das Kalifat löst sich auf, aber seine Anhängerschaft nicht. Tausende Dschihadisten sind in den Untergrund gegangen, von wo aus sie ihren Krieg fortsetzen dürften. "Wir wissen, dass der IS nicht geschlagen ist, aber dass er sein Gesicht, seine Vorgehensweise verändert", sagt Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU).

Während die SDF in Nordsyrien eine "finale Offensive" gegen den "Islamischen Staat" führen, streitet der Westen: Was soll mit den ausländischen IS-Anhängern geschehen, die nicht gefallen oder geflohen sind - sondern sich in Nordsyrien in Gefangenschaft der Kurden befinden?

Die SDF halten nach eigenen Angaben in ihren Haftanstalten rund 800 ausländische Dschihadisten fest. Hinzu kämen 700 Frauen und 1500 Kinder, die in Flüchtlingslagern untergebracht seien. Regierungssprecher Steffen Seibert sagt, man wisse von einer "mittleren zweistelligen Zahl" von Deutschen, die für den IS gekämpft hätten und sich nun im Gewahrsam der Kurden in Syrien befänden.

Kurdische Kämpfer in Rakka

Kurdische Kämpfer in Rakka

Foto: Goran Tomasevic/ REUTERS

US-Präsident Donald Trump hat EU-Staaten aufgefordert, die IS-Anhänger zurückzunehmen. Europäische Politiker halten das kaum für möglich. Sie würden die Dschihadisten am liebsten weiter den Kurden in Nordsyrien überlassen. Doch diese Strategie lässt sich immer schlechter durchhalten.

Ein Vertreter der Kurden in Syrien bezeichnete die IS-Kämpfer als "Zeitbomben". Etliche der Häftlinge haben schwere Kriegsverbrechen begangen. Aber die Kurden haben nicht die Mittel, sie vor Gericht zu stellen und dauerhaft zu internieren.

Die Bundesregierung spielt auf Zeit

Dschalal Ajaf, der Direktor eines Flüchtlings- und Internierungslagers in der Stadt Ain Issa im Norden Syriens, empörte sich bereits vor eineinhalb Jahren über eine Schar weiblicher Gefangener. Es sind ein Dutzend Frauen, überwiegend aus Frankreich, Russland, Deutschland, und den Niederlanden, die sich 2014 und 2015 dem IS angeschlossen hatten. Jetzt leben sie mit mehr als 30 Kindern in einem abgetrennten Teil des Lagers, nachdem sie sich kurdischen Kämpfern ergeben hatten.

"Was sollen die hier?", fragte Ajaf im Gespräch mit dem SPIEGEL. Die Frauen und Kinder, die in seinem Lager landeten, hätten selbst keine Verbrechen begangen - außer sich dem Kalifat anzuschließen. "Warum? Weil sie mit einem Mann mitgingen. Weil sie selbst noch Jugendliche waren. Weil sie dumm waren. Was sollen wir mit ihnen anfangen?"

Wie kompliziert es mitunter ist, über potenzielle Rückkehrer zu urteilen, zeigt der Fall der Deutschen Nadja Ramadan: Als Siebenjährige war Ramadan von ihrem Vater in den Libanon entführt, mit 14 zwangsverheiratet worden. 2014 hatte sie im Internet einen Mann kennengelernt, der ihr vom Leben im Gottesstaat vorschwärmte, und war allein nach Rakka gereist. Dort heiratete sie, bekam zwei Kinder und verließ nach eigenen Angaben die Wohnung selten. Der Mann, damals totgeglaubt, hatte sie und die Kinder im Sommer 2017 auf den Weg in die Türkei geschickt. Weit vor der Grenze wurde sie von kurdischen Milizionären gefasst. Nun sitzt sie in einem Lager für Ex-IS-Familien nahe der irakischen Grenze fest - und will nur noch nach Hause zu ihrer Mutter.

Die Kurden würden Ramadan gerne ziehen lassen, die Bundesregierung weigert sich jedoch, sie zurückzunehmen. Sie spielt - auch in diesem Fall - auf Zeit.

Den Kurden droht ein Zweifrontenkrieg

Es ist ein Spiel, das sich nicht ewig durchhalten lässt. Zumal sich die Kurden in Syrien schon bald in einem Zweifrontenkrieg wiederfinden könnten. Die YPG muss schon jetzt den IS im Schach halten, der sich im Untergrund neu formiert. Gleichzeitig droht ihr die Türkei mit einem Militärschlag.

Präsident Recep Tayyip Erdogan betrachtet die YPG als den syrischen Ableger der PKK, die in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Anschläge in der Türkei verübt hat und von den USA und der EU als Terrororganisation eingestuft wird. Er will eine kurdische Autonomieregion unter Führung der YPG in Syrien verhindern. Bereits vor einem Jahr marschierten türkische Soldaten in die syrische Stadt Afrin ein, die bis dahin unter der Herrschaft der YPG stand. Erdogan würde den Einsatz gerne auf das Gebiet östlich des Flusses Euphrat ausdehnen.

Die YPG kämpft in Syrien um ihre Existenz. Sie hat, das haben ihre Vertreter bereits klargestellt, nur wenig Interesse daran, sich auch noch um ausländische IS-Kämpfer zu kümmern.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Merkliste
Speichern Sie Ihre Lieblingsartikel in der persönlichen Merkliste, um sie später zu lesen und einfach wiederzufinden.
Jetzt anmelden
Sie haben noch kein SPIEGEL-Konto? Jetzt registrieren