IS-Vormarsch in Syrien Warum Palmyra so wichtig ist

Die Oasenstadt Palmyra ist in den Händen des IS. Wie gefährdet ist das Weltkulturerbe - die Tempel, Säulen und Statuen? Wie wichtig ist die Stadt strategisch für die Dschihadisten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

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Tagelang war die syrische Stadt Palmyra umkämpft - nun ist sie in den Händen der Miliz "Islamischer Staat" (IS). Die Oasenstadt liegt nur wenige hundert Meter von einem großen Ruinenfeld entfernt, das zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Die Sorge um die Kulturgüter ist groß.

Der IS kontrolliert inzwischen die Hälfte der Fläche Syriens. Mit Palmyra haben die Terroristen eine Stadt erobert, die nicht nur symbolisch, sondern auch strategisch von großer Wichtigkeit ist.

Welche strategische Bedeutung hat Palmyra für den IS?

Von Palmyra aus führen Verbindungsstraßen nach Homs und in die Hauptstadt Damaskus. Dorthin wollen die Dschihadisten als nächstes vorrücken.

Zudem befand sich in Palmyra ein Militärflugplatz des syrischen Regimes, der nun nicht mehr genutzt werden kann. Für die Machthaber in der Hauptstadt ist der Verlust von Palmyra eine herbe Niederlage.

In der Umgebung von Palmyra befinden sich außerdem große Gasfelder, die bisher unter Assads Kontrolle. Nun will der IS sie sich als Einnahmequelle sichern.

Machtverhältnisse in Syrien (Stand: 21. Mai 2015)
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Machtverhältnisse in Syrien (Stand: 21. Mai 2015)

Was bedeutet Palmyra kulturell?

Die Oasenstadt ist eine der bedeutendsten antiken Kulturstätten im Nahen Osten. Vor Beginn des Bürgerkriegs strömten viele Touristen nach Palmyra, um das Weltkulturerbe zu bewundern: Der Baal-Tempel, die von Kolonnaden gesäumte Prachtstraße und das Amphitheater stammen aus den ersten Jahrhunderten nach Christus. Damals lag die Stadt auf einer der wichtigsten Handelsrouten der Region. Bereits 2013 hatte die Unesco die Anlage auf die Liste der bedrohten Weltkulturerbestätten gesetzt: Durch die Gefechte wurden bereits mehrere Säulen beschädigt.

Nun wächst die Angst, dass der IS die antike Stadt verwüsten könnte. Im Februar hatte die Miliz bereits Kulturstätten im Irak zerstört, darunter die Grabungsstätte Ninive und die Jahrtausende alte Stadt Nimrud. Experten befürchten zudem, dass die Islamisten die Kulturgüter plündern und als zusätzliche Einnahmequelle verwenden könnten.

Der Bürgerkrieg hatte bereits katastrophale Auswirkungen auf Syriens Kulturerbe: Das Amphitheater von Bosra, die Burg Krak des Chevaliers bei Homs sowie die alten Dörfer im Norden des Landes gehören ebenso zu den sieben syrischen Unesco-Weltkulturerbestätten wie die Altstädte von Damaskus und Aleppo. Viele der Orte wurden durch den Konflikt stark beschädigt, wie Satellitenaufnahmen zeigen.

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Ruinen und Trümmer: Syriens zerstörtes Welterbe
Wie geht es den Zivilisten in Palmyra?

In der Stadt leben vor allem sunnitische Muslime. Als die Region dort noch relativ sicher war, flohen zudem Tausende Syrer aus anderen Landesteilen dorthin. Die Angaben darüber, wie hoch die Einwohnerzahl zuletzt war und wie viele Menschen die Stadt wegen der jüngsten Kämpfe verlassen haben, sind sehr unterschiedlich. Laut dem Gouverneur der Region Homs sind von den etwa 65.000 Einwohnern 1300 in den vergangenen Tagen geflohen. Die Uno geht von 200.000 Einwohnern aus, die zuletzt in Palmyra lebten - und schätzt, dass ein Drittel von ihnen geflohen sein könnte.

In Palmyra befindet sich auch eines der berüchtigtsten Foltergefängnisse des Assad-Regimes. Hunderte Syrer, die an den Protesten gegen das syrische Regime 2011 teilgenommen hatten, wurden dort eingesperrt. Wie viele Menschen in dem abgelegenen Gefängnis derzeit noch einsitzen, weiß niemand.

Wie geht es jetzt weiter?

Ob es den Assad-treuen Kämpfern gelingt, Palmyra zurückzuerobern, bleibt abzuwarten. Die Stadt war schon häufiger umkämpft. Eine Zeitlang war sie bereits in der Hand der syrischen Rebellen, die dann jedoch wieder vom IS und von den Assad-Kämpfern verdrängt wurden.

Eine Rückeroberung würde dieses Mal schwieriger: Assads Truppen sind im fünften Jahr des Konflikts erschöpft und konzentrieren sich auf die Kernregionen des Regimes zwischen Damaskus, Homs und der syrischen Küste. Bombardierungen sind schwierig, ohne das Weltkulturerbe zu beschädigen. Es ist unwahrscheinlich, dass die USA stärker in Palmyra eingreifen. Denn damit würde man Diktator Assad helfen, was auch nicht die Linie Washingtons ist.

Video: IS vertreibt Regierungstruppen aus Palmyra

(mit Material von AP)

insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
d_grat 21.05.2015
1. Wie soll das funktionieren?
Wie kann man IS stoppen, wenn man nicht mit Assad kooperieren will?
Sumerer 21.05.2015
2.
Viel wichtiger als die alten Gemäuer, sind die vom Krieg betroffenen Menschen. Obwohl die Ruinen kulturelle Identität vermitteln - die ja auch einen Wert hat. Ich war noch nicht in Palmyra. Das Amphittheater dort erinnert mich an Ephesus, was, so denke ich, nicht verwunderlich ist. Zunächst geht es jedoch um die Menschen und dann, viel später, um deren kulturelle Identität.
rolf.scheid.bonn 21.05.2015
3. Das
... ist ein Theater! Amphi kommt aus dem Griechischen und bedeutet "von beiden Seiten". Die Sitzreihen in einem Amphitheater laufen ganz rundum, und Amphitheater haben keine solche Bühne. Das Kolosseum ist ein Amphitheater, in Trier und Xanten gibt es auch noch welche, aber DAS in Palmyra ist keines.
fürkül 21.05.2015
4. Im Prinzip kann man da wohl gar nichts machen
es ist wohl so, dass alles was man tut, letztlich gleich falsch ist. Mich würde interressieren: Gibt es denn überhaupt eine Seite, die es irgendwie verdient hat, dass man sie unterstützt? Die armen, armen Leute, die dort wohnen? Die johlen und geifern, wen einer geköpft oder gesteinigt oder gekreuzigt wird?
s_v_l 21.05.2015
5. Wenn das Land Syrien
irgendwann mal wieder befriedet ist - was ich allen dort lebenden und friedfertigen Menschen wünsche - dann ist es sicherlich hilfreich, wenn es Kulturgüter gibt, die noch intakt und besuchenswert sind. Touristen sind in Syrien jahrzehntelang eine gute Einnahmequelle gewesen - was außer Öl hat das Land denn sonst zu bieten. Allerdings ist schon soviel kaputt (Aleppo, Damaskus...), dass es vermutlich 50 Jahre dauert, bis Touristen wieder kommen würden. Trostlos, traurig, schade.
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