Niedergang des "Islamischen Staats" Die Angst vor dem Tag danach

Der Kampf gegen den "Islamischen Staat" macht Fortschritte - aber was kommt nach dem IS? In den Hochburgen der Dschihadisten fürchten die Menschen die nahenden Befreier.
Syrerin in Manbidsch

Syrerin in Manbidsch

Foto: DELIL SOULEIMAN/ AFP

Der US-Präsident gab sich so siegesgewiss wie noch nie: "Sogar die IS-Anführer wissen, dass sie weiter verlieren werden. In ihren Botschaften an ihre Anhänger geben sie selbst zu, dass sie Mossul und Rakka verlieren könnten. Und der IS hat recht: Sie werden verlieren", sagte Barack Obama Ende vergangener Woche nach einem Treffen mit seinem Nationalen Sicherheitsrat im Pentagon.

Diese Zuversicht hat gute Gründe: Im Irak hat die Terrormiliz seit Jahresanfang die Kontrolle über die Städte Hit, Rutba und Falludscha verloren. In Syrien wurde der IS zunächst aus Palmyra vertrieben, in Manbidsch halten die Terroristen nur noch einige Straßenzüge.

Die irakische Armee sowie kurdische und schiitische Milizen bereiten nun die Rückeroberung von Mossul vor. Die Metropole im Nordirak ist die größte Stadt, die vom IS beherrscht wird. Bevor die Dschihadisten Mossul im Sommer 2014 im Handstreich eroberten, lebten dort mehr als zwei Millionen Menschen.

Verluste des IS im Irak und in Syrien

Verluste des IS im Irak und in Syrien

In Syrien stehen die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), ein Zusammenschluss kurdischer und arabischer Milizen, nur noch rund 60 Kilometer vor Rakka, der zweiten IS-Hochburg. Sowohl im Irak als auch in Syrien werden die IS-Gegner von US-Spezialkräften als auch von Luftangriffen der US-Armee unterstützt.

Nach Einschätzung der US-Regierung und zahlreicher Informanten aus dem Herrschaftsgebiet des IS ist der Untergang des selbsternannten Kalifats nur noch eine Frage der Zeit. (Lesen Sie hier eine ausführliche Analyse zum Niedergang des IS)

Doch wer rückt an die Stelle der Dschihadisten?

Obama erweckte bei seinem Termin im Pentagon den Eindruck, als gebe es einen Plan für "den Tag danach". Bei einer Geberkonferenz in Washington sicherten 24 Staaten der irakischen Regierung zwei Milliarden Dollar zu. Die Gelder sollten Bagdad dabei helfen, das Land zu stabilisieren. Nach der Befreiung Mossuls müsse es humanitäre Hilfe für die Menschen dort geben. Politische Anstrengungen sollten unternommen werden, um Zivilisten zu schützen und die irakischen Sunniten angemessen in der Regierung zu vertreten, forderte der US-Präsident, "damit der IS nicht zurückkehren kann, indem er die Spaltungen und neues Leid ausnutzt."

Doch der bisherige Verlauf des Feldzugs gegen den IS im Irak macht wenig Hoffnung, dass Obamas Plan aufgeht. Schiitische Milizen bilden das militärische Rückgrat der Militärkoalition. Sie haben bei ihrem Vormarsch auf Ramadi und Falludscha in den vergangenen Monaten Hunderte männliche Flüchtlinge festgenommen. Sie töteten Dutzende Jungen und Männer kaltblütig, weil sie angeblich dem IS angehört haben sollen. Hadi al-Ameri, einer der Kommandeure der schiitischen Milizen, ist seit mehr als einem Jahrzehnt dafür berüchtigt, Opfer eigenhändig mit der Bohrmaschine zu Tode zu foltern .

Die von Obama angemahnte Einbindung der sunnitischen Minderheit in die irakische Politik ist auch nicht in Sicht. Unter dem sunnitischen Diktator Saddam Hussein wurden sie protegiert, seit 2003 hat die schiitische Mehrheit sie immer weiter an den Rand gedrängt. Deshalb warnen sunnitische Politiker auch davor, das Geld für den Wiederaufbau der sunnitischen Gebiete an die Regierung in Bagdad zu überweisen. Sie fürchten, dass die Finanzmittel zweckentfremdet werden und nicht dort ankommen, wo sie benötigt werden.

Doch auch die sunnitische Minderheit im Irak selbst ist tief gespalten. Ein Teil der Stämme hatte sich in den vergangenen Jahren mit dem IS arrangiert, andere kämpfen an der Seite der irakischen Armee gegen die Terrormiliz. Die Aussöhnung beider Lager droht schon jetzt das Land zu überfordern. Es fehlt eine Identifikationsfigur, die das Format hätte, die irakischen Sunniten zu einen.

Die Folgen zeigen sich am Beispiel von Ramadi

Im Dezember 2015 wurde der IS aus Ramadi vertrieben, doch bislang sind nach offiziellen Angaben nur rund 50.000 von 250.000 Einwohnern zurückgekehrt. Das liegt nicht nur am schleppenden Wiederaufbau, sondern auch daran, dass sich die Flüchtlinge scheuen, in den Ort zurückkehren, in dem noch immer Menschen leben, die durch Verrat überhaupt erst den Einmarsch der Dschihadisten ermöglichten.

Immerhin gibt es im Irak eine Regierung, mit der die USA und Europa im Kampf gegen den IS zusammenarbeiten können. In Syrien ist der Westen komplett auf nichtstaatliche Akteure angewiesen. Die SDF, die von Norden auf Rakka vorrücken, werden noch dazu von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten angeführt. Damit könnten schon bald arabische Orte unter kurdische Kontrolle geraten. Das birgt erhebliche Risiken, denn die Kurden haben in den vergangenen Monaten bereits versucht, Araber aus den Gebieten zwischen ihren kurdischen Hochburgen zu vertreiben.

Eine Perspektive hat Syrien ohnehin erst nach dem Sturz von Diktator Baschar al-Assad. So lange er die Sunniten mit Unterstützung aus Russland bekämpft und vertreibt, existiert auch der Nährboden, der den IS überhaupt erst wachsen ließ.


Zusammengefasst: Der Zusammenbruch des "Islamischen Staats" scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Doch bislang gibt es keinen Plan für die Zeit danach. Die Sunniten im Irak fürchten den Vormarsch der schiitischen Milizen, in Syrien ist es bislang nicht gelungen sunnitische Kampfverbände in die Anti-IS-Koalition einzubinden. Das sind keine guten Voraussetzungen für den Wiederaufbau.