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09. März 2015, 15:38 Uhr

IS-Zerstörungen im Irak

"Politik der verbrannten Erde"

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Jetzt soll es auch die Ruinen von Hatra getroffen haben: IS-Milizen zerstören Iraks Kulturschätze. Die Unesco ist besorgt - sie rechnet mit weiteren Verwüstungen.

Mossul, Ninive, Nimrud und nun womöglich auch Hatra: Der "Islamische Staat" (IS) verwüstet Iraks archäologische Stätten. "Wir befürchten, dass es in den nächsten Tagen und Wochen so weitergeht", sagt Axel Plathe, 58, Leiter des Unesco-Büros im Irak. "Der IS steht derzeit unter Druck im Irak", erläutert der Mitarbeiter der Kulturorganisation. "Das scheint eine Art Politik der verbrannten Erde zu sein."

Ninive und Nimrud waren einst Hauptstädte der Assyrer, mit riesigen, Jahrtausende alten Palastanlagen. Die Architektur der Ruinen von Hatra vereint römische, hellenische, arabische und persische Einflüsse.

Seit fast einem Jahr hat der IS das Gebiet unter seiner Kontrolle. Gleich nach ihrem Einmarsch in Mossul im Juli 2014 zerstörten die Dschihadisten dort eine Jahrhunderte alte Moschee mit dem Grab des Propheten Jona. Doch erst jetzt scheinen die Dschihadisten dem kulturellen Reichtum des Irak systematisch den Krieg erklärt zu haben.

Denn Anfang des Monats hatte die bisher größte irakische Offensive gegen den IS begonnen: Mit iranischer Unterstützung soll zuerst die Stadt Tikrit zurückerobert werden, danach Mossul. Im Nordirak hatten kurdische Einheiten im Februar über 15.000 Quadratkilometer zurückerobert und rücken jetzt weiter vor. Die internationale Koalition fliegt zudem weiter Angriffe.

Vor allem die assyrischen Ruinen befinden sich in Gebieten, die der IS noch kontrolliert. Drei von Iraks vier Weltkulturerbe-Stätten sind dadurch bedroht. "Die Gefahr ist groß, dass noch sehr viel verloren geht", sagt Axel Plathe von der Unesco. Die archäologischen Stätten seien den Dschihadisten völlig ausgeliefert: "Es gibt keinen Schutz."

"Geiselnahme des kulturellen Erbes"

Eine Einschätzung der Schäden ist schwierig, weil es in den IS-Gebieten keine eigenen Experten der Uno mehr gibt. Die irakische Regierung hat zwar noch Kontakte - doch für die ist es lebensgefährlich, Fotos der beschädigten Ruinen zu machen. Erwischt der IS sie dabei, werden sie von der Terrormiliz als Spitzel Bagdads ermordet.

Die Unesco setzt daher auf aktuelle Satellitenbilder, um sich einen Überblick zu verschaffen. "In Hatra wissen wir noch nicht genau, was zerstört worden ist. Wir haben noch keine Aufnahmen gesehen", sagt Plathe.

Der IS instrumentalisiert Iraks Kulturerbe auf zynische Weise: Einerseits behaupten die Dschihadisten, es handele sich um Götzen, die vernichtet werden müssen. "Andererseits füllen sie mit dem Verkauf von Gegenständen auf dem Schwarzmarkt ihre Kriegskasse", sagt Plathe. Wie hoch die Einnahmen des IS durch den illegalen Handel sind, ist unklar.

In Hatra habe der IS sogar mitten in den Ruinen sein Lager errichtet, berichtet der Unesco-Experte. "Wenn das stimmt, wäre dies eine Geiselnahme des kulturellen Erbes", sagt Plathe. Denn die internationale Koalition kennt die Koordinaten der archäologischen Stätten genau - sie sollen von den Luftschlägen verschont werden.

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