Islamismus-Experte Steinberg "Bei al-Qaida kann niemand Bin Laden ersetzen"

Der Tod Bin Ladens trifft al-Qaida hart: Schon beim arabischen Frühling hatte das Netzwerk keine Rolle gespielt, nun fehlt ihm auch noch der charismatische Anführer. Terrorismus-Experte Guido Steinberg erklärt, wer die Lücke zu füllen versucht - und warum der Erfolg US-Präsident Obama gehört.

Qaida-Führer Bin Laden: Wer wird seine Nachfolge bei al-Qaida übernehmen?
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Qaida-Führer Bin Laden: Wer wird seine Nachfolge bei al-Qaida übernehmen?


SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet Osama Bin Ladens Tod für die Demokratie-Bewegung in der arabischen Welt?

Guido Steinberg: Das bekräftigt ein Ergebnis der Revolutionen: Wir haben gesehen, dass al-Qaida in all diesen Ländern in den vergangenen Monaten überhaupt keine Rolle gespielt hat - weil die Organisation politisch völlig irrelevant geworden ist. Der Tod Bin Ladens setzt da ein Ausrufezeichen. Al-Qaida wird künftig noch weniger in der Lage sein, die Geschicke der Region zu beeinflussen.

SPIEGEL ONLINE: Aber müsste al-Qaida nicht versuchen, nun erst recht zu einem Faktor beim Umbruch zu werden?

Steinberg: Das wird ihnen nicht gelingen. Die revolutionären Bewegungen werden von den Gegnern al-Qaidas getragen: Säkularisten, Frauen, Demokraten, Mainstream-Islamisten. Ihr Credo ist Gewaltlosigkeit. Damit haben sie beispielsweise in Ägypten den Sturz des Mubarak-Regimes erreicht - was al-Qaida ebenso versucht, aber nicht geschafft hat. Ohne Bin Laden wird die Organisation noch weniger wahr zu nehmen sein. Das gilt aber nicht für den terroristischen Bereich. Al-Qaida wird weiterhin Anschläge verüben, möglicherweise wird das sogar eskalieren.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Steinberg: Weil die Operationsbedingungen für al-Qaida in vielen Staaten der arabischen Welt aufgrund der Umbruchphase besser geworden sind.

SPIEGEL ONLINE: Also könnte es passieren, dass die befürchteten Vergeltungsanschläge gerade diese arabischen Staaten treffen?

Steinberg: Das wichtigste Ziel von al-Qaida wird jetzt natürlich sein, amerikanische Ziele zu treffen. Und natürlich gibt es beispielsweise in Ägypten oder Tunesien entsprechende US-Einrichtungen. Auch wenn die sehr gut geschützt sind, spricht einiges dafür, dass al-Qaida solche Ziele für Vergeltungsanschläge nutzen wird. Gerade im Jemen, wo die Organisation eine sehr starke Filiale hat. Allerdings glaube ich nicht, dass die terroristische Gewalt über das Maß der vergangenen Jahre hinausgehen wird. Dazu ist al-Qaida nicht mehr in der Lage.

SPIEGEL ONLINE: Bin Laden war wohl am Ende nicht mehr der operative Kopf des Netzwerks - was macht sein Tod dann mit Blick auf die Schlagkraft al-Qaidas für einen Unterschied?

Steinberg: Kurzfristig ändert das tatsächlich nichts. Die Planer und Operationschefs des Netzwerks haben den Terror in den vergangenen Jahren von Nord-Waziristan aus fortgeführt - wahrscheinlich ohne jeglichen Einfluss Bin Ladens. Auch die Regional-Organisationen erledigen ihre terroristischen Aktivitäten im Irak, in Jemen oder Algerien weitgehend unabhängig. Diese Bedrohung, auch für Deutschland und andere westliche Staaten, bleibt also auch nach dem Tod Bin Ladens. Langfristig aber bedeutet der Ausfall Bin Ladens eine Riesenschwächung für al-Qaida. So lange er sich den Amerikanern widersetzen konnte, war er ein Ermutiger für die Bewegung. Damit ist es nun vorbei. Dazu kommt, dass niemand bei al-Qaida das Charisma Bin Ladens ersetzen kann.

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Bin Ladens Versteck: Blut auf dem Teppichboden
SPIEGEL ONLINE: Wer wird an seine Stelle rücken?

Steinberg: Natürlich gibt es einige Kandidaten. Aber sie werden die Lücke auch deshalb nicht ausfüllen können, weil Bin Laden für al-Qaida eine wichtige Integrationsfigur war. Immer wieder gab es Konflikte in der Organisation, beispielsweise wegen der Dominanz der Ägypter. Aiman al-Sawahiri zum Beispiel ist eben keine Integrationsfigur, sondern ein Führer der ägyptischen Gruppe, außerdem ist er keine charismatische Persönlichkeit. Dennoch sehe ich ihn als Nachfolger Bin Ladens. Dann gibt es noch die wichtigste religiöse Autorität al-Qaidas: Abu Jahja al-Libi. Der Libyer spielt, seitdem er 2005 aus dem Gefängnis in Bagram fliehen konnte, eine ganz wichtige Rolle als Propagandist des Netzwerks.

SPIEGEL ONLINE: Wird sich in Afghanistan etwas an der Bedrohungslage für die westliche Militär-Allianz ändern?

Steinberg: Nein. Al-Qaida spielt in Afghanistan ohnehin nur eine unterstützende Rolle: Die Organisation transferiert terroristisches Know-How an die Aufständischen, finanziert Anschläge und bildet Attentäter aus. Bin Laden hatte darauf keinen Einfluss.

SPIEGEL ONLINE: In den USA wird der Tod Bin Ladens gefeiert, als ob damit der Terrorismus besiegt sei. Was bedeutet der Schlag gegen den Qaida-Führer tatsächlich?

Steinberg: Für die USA ist es ohne Zweifel der größte Erfolg im Kampf gegen den Terrorismus - auch wenn dieser natürlich lange nicht aufhören wird. Es war eines der Hauptprobleme der amerikanischen Terrorismusbekämpfung, dass sie im Jahr 2002 den Fokus verloren hat. Die USA zogen viel nachrichtendienstliches Personal und Spezialkräfte aus Afghanistan und Pakistan ab und konzentrierten es im Irak. Die Bush-Administration hat zwar immer vom Krieg gegen den Terror gesprochen, aber vor allem Krieg im Irak geführt. Die Obama-Regierung hat das korrigiert und nun einen großen Erfolg eingefahren.

SPIEGEL ONLINE: Also ist es auch ein persönlicher Erfolg von Präsident Obama?

Steinberg: Absolut. Seine Prioritäten stimmten im Gegensatz zu denen seines Vorgängers - nur so konnte Bin Laden ausgeschaltet werden.

Das Interview führte Florian Gathmann

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Greg84 02.05.2011
1.
Schlag gegen den Terror? Eher nicht. Ich glaube kaum, dass bin Laden noch an der Spitze der al-Qaida stand, vielleicht hatte er sich auch komplett aus dem "Geschäft" zurück gezogen. Das einzige was der Schlag gegen bin Laden gebracht hat ist die Schaffung eines weiteren Märtyrers. Für Obama hätte der Zeitpunkt allerdings kaum besser sein können. Politisch läuft es für verdienten Träger des Friedensnobellpreises nicht grade perfekt, da hilft so ne positive Nachricht schon unheimlich weiter.
endbenutzer 02.05.2011
2. Mission beendet
Hat George W. Bush eigentlich schon der Familie Bin Laden sein Beileid ausgesprochen? Unter alten (Geschäfts-) Freunden ist das doch so üblich. Oder lebt Bin Laden doch noch und man wollte eigentlich nur die nunmehr fast genau 10-jährige Mission "Krieg gegen Terror" zum bürgerfreundlichen Abschluss bringen? Merkwürdig: Gerade jetzt, da Obama und die gesamten USA in punkto Staatsverschuldung praktisch mit dem Rücken zur Wand stehen, wird für den amerikanischen Otto Normalverbraucher wieder einmal ein toller Grund geliefert, die Fahne zu schwingen und mit der Hand auf dem Herzen die Nationalhymne zu singen. Super Drehbuch...
G_Schwurbel 02.05.2011
3. weder noch
Zitat von sysopEr war der meistgesuchte Mann der Welt: Osama Bin Laden, der Anführer des Terrornetzwerks al-Qaida, ist tot. US-Spezialkräfte haben ihn bei einer Kommandoaktion in Pakistan getötet. Wir die weltweite Terrorgefahr nun geringer?
Die Welt wird durch seinen Tod weder sicherer noch unsicherer. Al Quaida ist ein Netzwerk, es würde mich wundern, gäbe es für Bin Laden keinen Nachfolger (seinen Tod hat er schließlich einkalkuliert). Vielleicht hat er auch vorher als Rache für seine Tötung den Auftrag erteilt, direkt danach Attentate zu verüben? Alles denkbar...
Hubatz 02.05.2011
4. Beweise
Dieser Mann ist ein Mysterium. Ich halte nicht viel von Verschwörungstheorien aber Beweisfotos oder besser Videos würden mich erfreuen.
lucario.75 02.05.2011
5. bin laden
Die Fernsehbilder der Freude hunderter Amerikaner, (nachvollziehbar) werder viele radikale Islamisten für ihre Propaganda nutzen um die Angst der Menschen auf der ganzen Welt weiter zu schüren und Terroranschläge zu planen. Ich selber Wohne nur ein paar Strassen weiter wo vor ein paar tagen Terroristen festgenommen worden sind, die konkrete Anschlägen zu Zeitnahen Ereignissen mit erheblichen Menschenaufkommen verübt werden sollte.
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