Islamistische Bekennerschreiben Geheimdienste zweifeln an Putins Qaida-These
Berlin - Als gestern Abend während der Hauptverkehrszeit in Moskau eine Bombe nahe der großen Bahnstation Rischskaja explodierte, weilte Russlands Präsident Wladimir Putin noch bei sommerlichen Temperaturen und mit hohem Besuch in Sotschi am Schwarzen Meer. Die Irak-Kriegsgegner Bundeskanzler Gerhard Schröder und Frankreichs Staatschef Jacques Chirac waren zum Gipfel eingeflogen. Die Troika der ungleichen Herren spazierte am Meer entlang und lächelte bei jeder Gelegenheit für die Kameras. Als am Abend dann eine Pressekonferenz einberufen wurde, gab es nicht viel mitzuteilen - kritische Themen wie Menschenrechte oder die von Russland gesteuerte Wahl in der Kaukasusrepublik waren vor lauter Freundschaft gar nicht erst zur Sprache gekommen.
Umso überraschender kam da eine Bemerkung Putins zum Terror im eigenen Land. Ohne Nachfrage zog der Ex-KGB-Mann eine Verbindung zwischen den Rebellen in Tschetschenien und dem Terrornetzwerk al-Qaida. So trage schon die Durchführung der Flugzeugattacken klar die Handschrift der Qaida, welche auch schon am 11. September 2001 in den USA benutzt worden sei. Laut Putin sind aber vor allem die beiden Bekennerschreiben, die nach den Anschlägen auf zwei Flugzeuge und auch nach der Bombe in Moskau im Internet aufgetaucht sind, Beweise für "die Verbindungen zwischen speziellen Kräften in Tschetschenien und dem internationalen Terrorismus". Von den beiden anderen Staatschefs hatte niemand etwas an dieser Theorie zu mäkeln.
Was Putin aber als Beweis für eine Verbindung der Gotteskrieger von Osama Bin Laden und den ethnisch motivierten tschetschenischen Rebellen im äußersten Süden des ehemaligen Sowjetreichs sieht, wird außerhalb des Kremls ganz anders bewertet. Übereinstimmend schätzten Experten der Geheimdienste und auch Regierungsbeamte in Berlin die beiden im Netz erschienenen Bekennerschreiben als "das Werk von Trittbrettfahrern" ein. Aufgrund der Schreiben können die Analysten der Dienste keinesfalls eine Beteiligung der Qaida oder eine indirekte Hilfe für die tschetschenischen Untergrundkämpfer bei den beiden Terrorakten erkennen, sagten mehrere Beamte gegenüber SPIEGEL ONLINE.
Allgemeine Erklärungen ohne Täterwissen
Das erste Schreiben der so genannten "Islambuli-Brigaden" war mehr als einen Tag nach den beiden Flugzeugabstürzen, die zeitgleich stattfanden, aufgetaucht. Demnach hätten jeweils fünf bewaffnete Mudschahidin die entführten Flugzeuge gesprengt, da die russische Armee Gräueltaten gegen die Glaubensbrüder in Tschetschenien zu verantworten hätte. Das zweite Schreiben mit der Überschrift zur "heldenhaften Operation von Moskau" tauchte nur Stunden nach dem Bombenanschlag in der russischen Hauptstadt auf. "Nachdem wir von unserem militärischen Zweig informiert wurden, erklären wir, die "Islambuli-Brigaden" nunmehr unsere Verantwortung für diese Operation, nachdem wir dies zuvor verneint hatten, weil zu jenem Zeitpunkt die entsprechenden Informationen noch nicht bei uns eingelaufen waren." Der Anschlag werde nicht der letzte sein, drohen die "Islambuli-Brigaden" an. Russland sei für die Unterdrückung der Muslime verantwortlich und habe sich damit in die Schusslinie gebracht.
Genau diese vagen Beschreibungen lassen die Experten an der Authentizität der Schreiben zweifeln. "Im ersten Bekennerbrief offenbaren die Verfasser weder Täterwissen noch irgendetwas, was ihre Beteiligung beweisen könnte", so ein Geheimdienstler. Vor allem aber die neuesten Ermittlungsergebnisse, nach denen jeweils eine Frau allein die Sprengsätze in die Todes-Jets brachte, widersprechen dem Bekennerschreiben eindeutig. Ähnlich sei dies beim zweiten Schreiben, so ein Beamter. In diesem würde kein einziges Detail des Anschlags genannt, wie dies bei islamistischen Bekennerschreiben aus der Vergangenheit üblich war. "Die Verfasser wollen ganz offensichtlich die muslimische Welt wieder mehr in den Konflikt Russland-Tschetschenien einbinden", so das Fazit bei den Geheimdienstlern.
Erinnerungen an das Sadat-Attentat
Unzweifelhaft ist hingegen die Entstehung des Namens der Organisation, in dem die unbekannten Verfasser an den ägyptischen Extremisten Khaled Islambuli erinnern. Dieser hatte im Jahr 1981 den ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat bei einer Ehrenzeremonie vor den Augen der Welt in Kairo erschossen und wurde dafür hingerichtet. Einige Experten vermuten den Bruder des Attentäters, Schauki Islambuli, hinter der neuen Gruppe. Er wolle vielleicht nun den Eindruck vermitteln, diese sei Teil des Terrornetzwerks al-Qaida, so eine Theorie. Bisher allerdings hat "Islambuli-Brigade" lediglich ein ebenfalls zweifelhaftes Bekennerschreiben zu einem missglückten Anschlag auf den pakistanischen Premierminister Schaukat Aziz herausgegeben. Beweise für eigene terroristische Aktivitäten fehlen.
Abseits des dubiosen Bekennerschreibens, auf das sich Putin stützt, lässt sich die Verbindung von Qaida-Kämpfern zu tschetschenischen Rebellen keineswegs ausschließen. So ist in Propagandafilmen des Bin-Laden-Fanclubs immer wieder von Tschetschenien die Rede. Viele junge Dschihadis hat es zudem in den vergangenen Jahren in den Kaukasus verschlagen - quasi zum Praxistest der in Qaida-Lagern erlernten Kampftechniken. Auch im Grenzgebiet von Pakistan zu Afghanistan tauchen immer mal wieder tschetschenische Krieger auf, die jedoch im Gegensatz zu den arabischen Bin Laden-Anhängern wesentlich schlechter ausgerüstet sind.
Vollkommen unbewiesen ist bisher, dass Osama Bin Laden und seine Vertrauten die tschetschenischen Rebellen direkt mit Geld oder Waffen unterstützen oder gar mit ihren Führern in Kontakt stehen. Kenner des Tschetschenienkonflikts glauben auch, dass dies von den Kaukasus-Rebellen nicht unbedingt gewünscht wäre - im Gegensatz zu Bin Ladens Terrorgruppe kämpfen sie nämlich nur gegen Russland und nicht gegen alle Nichtmuslime oder die USA. "Freundschaftliche Verbindungen unter den Fußsoldaten gibt es immer wieder, doch das gilt für islamistische Kämpfer auf allen Teilen dieser Welt", so ein Terror-Fahnder.
Rechtfertigung für hartes Vorgehen rund um Grozny?
Ganz anders stellt sich die Lage für den Präsidenten Putin dar. Schon nach dem 11. September nutzte er den internationalen Krieg gegen den Terror, um im Schatten des Afghanistan-Kriegs noch schonungsloser in Tschetschenien vorzugehen. Neue Indizien für eine Terror-Verbindung der Rebellen zu al-Qaida kämen ihm aktuell wieder sehr recht, denn die massiven Anschläge haben seinem Ruf als Terrorbekämpfer und selbst erklärten Sieger im Tschetschenienkonflikt sehr geschadet. Mit dem Diskurs über die Verbindung bemüht er sich nun erneut, den rücksichtslosen Kampf in Tschetschenien für die internationale Gemeinschaft als Maßnahme gegen den internationalen Terror darzustellen. Dass Schröder und Chirac gestern gute Miene zu diesem Spiel machten, wird Putin gefreut haben. Glaubwürdiger wird seine Theorie dadurch jedoch nicht.