Island-Krise Frauen greifen nach der Macht

Die Männer haben es verbockt, sagen Islands Frauen und verordnen ihrem Land einen weiblichen Weg aus der Krise. Nach dem Beinahe-Bankrott wollen sie den Staat umkrempeln. Die Sozialdemokratin Johanna Sigurdardottir ist der neue Star - und wird wohl auch nach der Wahl das Land regieren.

Es ist nicht Schadenfreude, die zwischen den Zeilen mitschwingt, wenn Halla Tomasdottir über die isländische Finanzkrise und den Bankrott ihres Landes spricht, aber vielleicht ein bisschen Genugtuung. "Vieles lief falsch, manches machte keinen Sinn, so konnte das nicht weitergehen", sagt die Ökonomin, "wir haben immer gewarnt."

Halla war Generaldirektorin der Handelskammer, als sich niemand für ihre Ratschläge interessierte. Also ging sie ihren eigenen Weg und gründete mit der Bankerin Kristin Petursdottir eine Firma. Kristin war Managerin bei der britischen Tochter der Krisenbank Kaupthing. Gemeinsam waren Halla und Kristin nun Audur Capital, eine Finanz- und Investmentgesellschaft auf neuem Kurs.

Das war fast auf den Tag genau vor zwei Jahren. Heute ist Audur Capital eine der wenigen Firmen im isländischen Finanzsektor, die noch Gewinne macht, vielleicht sogar die einzige, niemand vermag das noch genau zu sagen. Das Unternehmen wächst, 22 Mitarbeiter sind es immerhin, und "wir stellen weiter ein", sagt Halla Tomasdottir stolz. Das Anlagevermögen beläuft sich derzeit auf 15 Milliarden Island-Kronen, das sind rund 90 Millionen Euro.

Nur IWF und Verstaatlichung retteten Island vor dem Kollaps

Audurs Erfolgskonzept klingt schlicht. "Wir haben mehr weibliche Werte in die Finanzwelt gebracht", sagt Halla. Nicht für kurzfristige Anlagen mit schnellen Zinsgewinnen und Renditen interessiert sich ihre Firma, sondern für nachhaltige Investitionen in Projekte, die sozial oder ökologisch ebenso viel Sinn ergeben wie für Anleger selbst. "Gefühlskapital" nennen die Frauen ihre Geschäftsmaxime oder "Profit mit Prinzipien" - ein Rezept, das zur Gesundung eines ganzen Landes taugt?

Zumindest führte das alte System die Nordatlantik-Insel so tief in die Krise wie wohl kein anderes Land in Europa und auch sonst keine Industrienation. Ein Staatsbankrott konnte nur mit Hilfe eines Milliardenkredits des Internationalen Währungsfonds abgewendet werden, die Banken sind verstaatlicht, wichtige Unternehmen bis hin zum größten Autohändler praktisch auch.

Die Arbeitslosigkeit kletterte dramatisch von 1,2 auf etwa zehn Prozent, im Sommer, wenn die Schulabgänger und Uni-Absolventen dazukommen, wird sie womöglich gar 17 Prozent erreichen, die Inflation liegt bei 15,2 Prozent. Die Krone ist im freien Fall, die Kaufkraft ebenso. Ein Ende ist kaum abzusehen.

Es ist längst nicht mehr nur die Frage, wie tief das Land noch fallen kann, die vor der Neuwahl am kommenden Wochenende die öffentliche Debatte beherrscht, sondern auch die, wer die Schuldigen sind.

Zentralbankchef David Oddsson, der fast 13 Jahre lang das Land regiert und zuletzt fast autokratisch geführt hatte, musste nach wochenlangen Demonstrationen als einer der Hauptverantwortlichen seinen Hut nehmen. Genauso wie Premier Geir Haarde von der konservativen Unabhängigkeitspartei. Aber auch die Bankmanager und Finanzjongleure, fast ausnahmslos Männer, stehen am Pranger, ein ganzer Berufsstand kollabiert.

Schuld ist der immerwährende "Penis-Wettkampf"

"Die Krise ist männlich", behauptet die Bankerin Halla, 40, die sich wie alle Isländer nur beim Vornamen rufen lässt: "Es sind immer die gleichen Typen. 99 Prozent haben die gleiche Schule besucht, fahren die gleichen Autos, tragen die gleichen Anzüge und haben die gleichen Attitüden. Sie haben uns in diese Situation gebracht - und sie hatten auch noch Spaß dabei." Sie kritisiert ein System, das "aggressiv und rücksichtslos" auf kurzfristige Profitmaximierung setzte, ohne Rücksicht auf Verluste, orientiert an kurzlebigen Börsenkursen und lukrativen Bonusausschüttungen. "Männlich eben", sagt Halla, sie nennt das einen immerwährenden "Penis-Wettkampf", Motto: Wer hat den Größten.

Nun drängen Frauen nach vorn, in die erste Reihe, auch in der Politik, und wollen alles besser machen. Als "neuer Star", sagt Schriftsteller Hallgrimur Helgason, gilt Johanna Sigurdardottir, 66, eine Sozialdemokratin, die die Isländer bislang vor allem als redliche und eher unscheinbare Politikerin kannten. "Meine Zeit wird kommen", hat sie Gegnern einmal wütend entgegengeschleudert, das ist inzwischen fast 20 Jahre her.

Wie die Krise Islands Frauen stark machte

Anfang Februar löste sie Haarde als regierenden Konkursverwalter ab - als erste Frau in der Rolle des isländischen Regierungschefs. Die Sozialdemokratin gilt als personifizierte vertrauensbildende Maßnahme. Eine deutliche Mehrheit der Wähler, 60 bis 70 Prozent je nach Umfrage, möchten sie auch nach der Wahl am Samstag an der Spitze sehen, unabhängig von der Parteienkonstellation.

"Die Menschen hier sind müde, sie misstrauen dem alten System", sagt Hallgrimur, der mit seinem Bestseller "101 Reykjavík" schon vor Jahren von Versagern und verlorenen Existenzen schrieb: "Johanna hat uns aber alle überrascht."

Die elegante Weißhaarige sitzt schon seit 31 Jahren im Parlament, war mehrfach Sozialministerin und verkörpert dennoch die Sehnsucht der Isländer nach einem Neuanfang. Sie ist unbelastet von Affären und Filz, sie steht für Vertrauen, Bescheidenheit, soziale Kompetenz. Seit ihrer Amtsübernahme vor knapp drei Monaten hat sie keine Interviews für Zeitungen oder Fernsehen gegeben, sie jagt nicht nach Schlagzeilen.

Die Frauen übernehmen das Kommando

Die hat sie aber trotzdem gemacht - als bekennende Lesbe. In Umfragen rangieren ihre Sozialdemokraten derzeit bei bis zu 35 Prozent, ein Allzeithoch. Die Unabhängigkeitspartei, die fast 18 Jahre ununterbrochen an der Macht war, liegt nur noch bei etwa 26 Prozent.

Es wird viel geredet von neuer Kultur und neuen Werten in diesen Tagen in Island, von einem Wechsel. Frauen wollen ihn symbolisieren. An die Spitzen der beiden größten Chaos-Banken, Glitnir und Landsbanki, rückten zumindest vorübergehend Frauen. Fünf von elf Mitgliedern in Johannas Übergangsregierung sind weiblich - so viele Frauen in der politischen Führung gab es in Island noch nie.

Die neue Erziehungs- und Wissenschaftsministerin Katrin Jakobsdottir gehört dazu. Die 33-jährige Literaturwissenschaftlerin ist Vizechefin der Links-Grünen und soll ihre Partei neben Finanzminister Steingrimur J. Sigfusson in eine rotgrüne Koalition führen.

Steingrimur ist ein alter politischer Fahrensmann und Ex-Marxist - eigentlich ein Relikt der politischen Geschichte, der nun den Kapitalismus retten will. "Einer muss es ja machen", sagt Steingrimur pragmatisch, wie Isländer gern sind. Und schließlich habe er schon einmal bewiesen, dass er es kann. 1988 kam, nach einem Wirtschaftsboom ohnegleichen, der große Einbruch. Die Exporte schrumpften, das Wachstum auch, der Wert der Krone fiel dramatisch.

Als Landwirtschaftsminister half Steingrimur damals mit, die Inflation wieder zu drücken und den Grundstein für das spätere isländische Erfolgsmodell zu legen. "Ich habe bewiesen, dass ich es kann", sagt er selbstbewusst. Und recht habe er auch behalten, als er in einem Buch vor drei Jahren vor dem riskanten Finanzkurs des Landes warnte. "Wir waren die schärfsten Kritiker der Ideologie, die zum Kollaps geführt hat", sagt er. "Jetzt zahlen wir den Preis dafür."

Steingrimur führt mit seiner Erfahrung und seinem Selbstbewusstsein die Partei. Aber ohne die Frau an seiner Seite lägen die Links-Grünen derzeit kaum bei 26 bis 28 Prozent in den Umfragen. Sie sind damit auf dem besten Weg, die Koalition auf Zeit mit den Sozialdemokraten nach der Wahl in einer stabilen Regierung fortzusetzen.

Katrin, die Erziehungsministerin, ist wesentlicher Garant dafür. Sie ist der grüne Tupfer, sie symbolisiert den Neuanfang. Seit zwei Jahren erst sitzt sie im Parlament und gibt doch schon den neuen Ton vor. Sie fordert einen echten Wertewandel.

Björk unterstützt die neue isländische Weiblichkeit

"Das Krisenmanagement muss grün sein", sagt sie und will Islands schier unerschöpflichen Vorrat an natürlichen Ressourcen für den Aufschwung nutzen - Wasserenergie und Erdwärme zum Beispiel, und die unberührte Natur für den Tourismus. Ob Frauen den Regierungsjob besser können? "Wir hatten uns zu sehr in alten Strukturen eingerichtet", sagt sie und das darf getrost doppeldeutig verstanden werden.

Das finden auch die Macherinnen von Audur Capital. Sie wollen wirtschaftlichen Erfolg, aber nicht um jeden Preis. "Wir wollen in nichts investieren, was wir nicht verstehen", sagt Halla. Und heute keine Geschäfte machen, "die morgen auf Kosten anderer gehen", sagt ihre Partnerin Kristin, 43.

Zusammen mit der exzentrischen Pop-Diva Björk gründeten beide deshalb zum Beispiel einen nach der Musikerin benannten Fonds, der in nachhaltige Umweltprojekte oder lokale Kulturunternehmen investieren soll. Profite mit Prinzipien eben.

Es ist "eine neue Balance", die Frauen wie Halla für ihr Land fordern. "Das hat nichts mit Feminismus zu tun", sagt sie dann aber schnell, "ich will nichts für Frauen tun, sondern etwas für die Gesellschaft."