Israel tötet Terror-Chef in Gaza Blutige Botschaft

An seinem letzten Arbeitstag als Interims-Verteidigungsminister hat Benjamin Netanyahu einen Führer des Islamischen Dschihads gezielt töten lassen. Der eigentliche Adressat: Iran, Hamas - und die israelischen Wähler.

Das Haus von Baha Abu al-Ata im Gazastreifen nach dem israelischen Angriff
MOHAMMED SABER/EPA-EFE/REX

Das Haus von Baha Abu al-Ata im Gazastreifen nach dem israelischen Angriff

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Der Beruf, dem Baha Abu al-Ata nachging, war risikobehaftet: Der stämmige Mann mit dem feinrasierten Bart war bis zum frühen Dienstagmorgen Chef der al-Kuds-Brigaden im Norden des Gazastreifens. Die Kampftruppe des Islamischen Dschihads hat tausende Männer unter Waffen, verfügt über Drohnen, Scharfschützen, Raketenexperten - und Unterstützung aus Iran.

Israels Armee und Sicherheitsbehörden versuchten bereits zwei Mal, al-Ata zu töten. Vor zehn Tagen soll israelischen Regierungsangaben zufolge die Entscheidung gefallen sein, es ein weiteres Mal zu probieren und den fünffachen Vater zu liquidieren. Der Grund: Al-Ata, der für zahlreiche Angriffe auf Israel verantwortlich gewesen sein soll, plante offenbar weitere Attacken. Seit vier Uhr am Dienstagmorgen ist er tot.

Die israelische Luftwaffe bombardierte gezielt ein dreistöckiges Haus im Stadtteil Sadschaija von Gaza-Stadt, wo der 42-Jährige neben seiner Frau geschlafen haben soll. Sie kam bei dem Angriff ebenfalls ums Leben. "Er war eine tickende Zeitbombe", sagte Israels Premierminister Benjamin Netanyahu, der die Operation verantwortete.

Premier Netanyahu, Armeechef Kochavi (r.) und "Shin Beth"-Chef Argaman bei der Pressekonferenz nach der Tötung al-Altas.
Getty Images

Premier Netanyahu, Armeechef Kochavi (r.) und "Shin Beth"-Chef Argaman bei der Pressekonferenz nach der Tötung al-Altas.

Es war Netanyahus letzte Amtshandlung als Interims-Verteidigungsminister. Am Dienstagmittag übernahm Naftali Bennett die Geschäfte des Ressorts. Bereits am Sonntag hatte das Kabinett die Personalentscheidung von Netanyahu gebilligt. Bennett, 47, ist ein nationalreligiöser Hardliner.

Neuer Verteidigungsminister in heikler Mission

Als junger Mann diente Bennett in einer Eliteeinheit des Militärs, machte dann Millionen als IT-Unternehmer, wechselte anschließend in die Politik, wurde Stabschef von Netanyahu, später Bildungsminister - und überwarf sich schließlich mit seinem einstigen Mentor.

Hat seinen Traumjob bekommen: Israels neuer Verteidigungsminister Naftali Bennett
Abir Sultan/ Pool/ REUTERS

Hat seinen Traumjob bekommen: Israels neuer Verteidigungsminister Naftali Bennett

Der hat Bennett nun zurück in sein Kabinett geholt und mit dessen Traumposten versorgt, um ihn an sich zu binden im innenpolitischen Kampf mit Benny Gantz. Der Zentrumspolitiker versucht gegenwärtig, eine Regierung zu bilden, nachdem Netanyahu gescheitert war. (Lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen)

150 Geschosse auf Israel abgefeuert

Bennett muss nun in seinem neuen Amt mit den Folgen der gezielten Tötung al-Atas in Gaza umgehen - und mit einem mysteriösen Angriff in Syrien, der ebenfalls am frühen Dienstagmorgen stattgefunden hat.

  • Nach Angaben staatlicher syrischer Medien wurde um vier Uhr morgens ein Haus in der Hauptstadt Damaskus aus der Luft mit Raketen angegriffen.
  • Der Eigentümer: Akram Al-Adschuri, ein politischer Anführer des Islamischen Dschihad im Exil.
  • Er soll dabei nicht ums Leben gekommen sein, mindestens aber einer seiner Söhne.

Israel führt seit Jahren einen Schattenkrieg gegen Iran und dessen Milizen in Syrien. (Lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen) Bislang hat sich das israelische Militär zu diesem Angriff jedoch nicht geäußert. Der Islamische Dschihad schon: Die Gruppe schoss Raketen auf israelische Grenzstädte und nahm auch den Großraum Tel Aviv massiv unter Beschuss.

Israelische Feuerwehrmänner beim Einsatz in der Grenzstadt Sderot
AFP

Israelische Feuerwehrmänner beim Einsatz in der Grenzstadt Sderot

Schulen blieben geschlossen, Bunker wurden geöffnet, das Raketenabwehrsystem "Eiserne Kuppel" ist in Betrieb und hat nach Militärangaben bislang rund 60 der insgesamt 150 Geschosse abgefangen.

"Das Blut der Märtyrer ist noch nicht getrocknet"

Die Dschihadisten wollen von einer Waffenpause bisher nichts wissen. "Das Blut der Märtyrer ist noch nicht getrocknet", sagte ein Sprecher der Gruppe dem TV-Sender al-Jazeera.

Trauerprozession im Gazastreifen mit dem Leichnam von Baha Abu al-Ata
MOHAMMED SABER/EPA-EFE/REX

Trauerprozession im Gazastreifen mit dem Leichnam von Baha Abu al-Ata

Der Islamische Dschihad, Ende der Siebzigerjahre gegründet, wird vom schiitischen Gottesstaat Iran unterstützt - obwohl er eine sunnitische Terrorgruppe ist. Der Grund: Israel soll Teherans langen Arm an so vielen Fronten wie möglich spüren. Auch im Gazastreifen, wo eigentlich die militärisch wesentlich stärkere Hamas das Sagen hat.

In den vergangenen zehn Jahren hat die Hamas drei Kriege mit Israel geführt. Immer hat Ägypten anschließend zwischen den beiden Konfliktparteien vermittelt. Auch jetzt sollen die ägyptischen Emissäre wieder als Pendeldiplomaten im Hintergrund aktiv sein.

Je länger der Konflikt dauert, desto größer die Chance einer Einheitsregierung

Klar ist, dass weder die israelische Regierung unter Netanyahu noch die Hamas Interesse an einem Krieg haben. Vielmehr scheint die Tötung von Baha Abu al-Ata eine blutige Botschaft gewesen zu sein. Die Adressaten:

  • Iran und dessen Handlanger vom Islamischen Dschihad, die sich nicht mehr sicher fühlen sollen.
  • Die Hamas-Führung, die ebendiese Terrorgruppe effektiver kontrollieren soll und mitverantwortlich für die weitere Lage in der Mittelmeerenklave ist.
  • Außerdem: Netanyahus Wähler und innenpolitische Rivalen.

Denn schließlich gibt es immer noch die realistische Möglichkeit, dass es ein drittes Mal zu Neuwahlen kommt, wenn Benny Gantz bei seinem Versuch, eine Regierung zu bilden, scheitert.

Der unter dreifachem Korruptionsverdacht stehende Langzeitpremier Netanyahu könnte sich dann abermals als "Mr. Security" inszenieren, oder, bei einer weiteren Eskalation der Sicherheitslage in den kommenden Tagen, Gantz dazu bewegen, eine Einheitsregierung zu bilden.

Im Video: Rakete aus Gaza schlägt neben Autobahn ein

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