Israel nach Teenager-Morden "Wir sollten keinen Krieg anzetteln"

Soll Israel blutige Rache nehmen für die Ermordung dreier Jugendlicher? Die Frage nach einem neuen Krieg gegen die Palästinenser spaltet die israelische Gesellschaft. Eines aber scheint die Menschen zu einen - tiefe Resignation.

Proteste in Jerusalem: Mischung aus Frust und Resignation
Corbis/ ZUMA Press

Proteste in Jerusalem: Mischung aus Frust und Resignation

Aus Jerusalem berichtet


Igal (Name geändert - d. Red.) war früher Soldat in der israelischen Armee. Jetzt steht er hinter dem Rezeptionstresen eines Hotels in Tel Aviv - ein junger Mann Ende 20 mit dunklen, traurigen Augen und ernstem Gesicht. Was er über den jüngsten Mord an drei israelischen Jugendlichen denke? Igal zögert. "Die vielen Menschen, die jetzt die Armee nach Gaza schicken wollen und Rache fordern, wissen nicht, was das bedeutet." Er sei an zwei großen Militäroperationen im Gazastreifen beteiligt gewesen. Der ständige Raketenbeschuss, die Todesangst, der Schlafmangel - "man muss im Kampf gewesen sein, um zu wissen, wie das ist."

Zum Pazifisten hat ihn diese Erfahrung allerdings nicht gemacht. "In den letzten Kriegen haben wir nicht gekämpft, wir sind nur weggelaufen", meint Igal. "Wir müssen wieder kämpfen." Ob man damit aber das eigentliche Problem lösen könne? "Das lösen wir sowieso nie", sagt Igal. "Wir haben den Palästinensern alles gegeben, aber wir werden keinen Frieden finden." Er sei zwar sehr patriotisch - aber er wolle einfach nur noch weg. "Ich bin dieses Landes müde."

Diese Mischung aus Frust und Resignation ist derzeit auf den Straßen Tel Avivs und Jerusalems mit Händen greifbar. Nachdem sich der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern in den vergangenen Jahren ein wenig abgekühlt zu haben schien, bricht sich der Hass nun auf beiden Seiten wieder Bahn.

An echten Friedensschluss glaubt kaum jemand

Nach der Entführung von Eyal Yifrah, Gilad Shaar und Naftali Fraenkel hat das Land zunächst 18 bange Tage der Ungewissheit durchlebt. Nach dem Fund ihrer Leichen kam es dann zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen Muslime und einem Mord an einem jungen Palästinenser, womöglich verübt von rechtsextremen Juden. Inzwischen stellt sich Israel verstört die Frage, wie stark es von anti-arabischem Rassismus befallen ist.

Gespräche mit Menschen auf den Straßen laufen schnell in die immer gleiche Richtung: An einen echten Friedensschluss glaubt kaum noch jemand. Viele scheinen sich im Status quo - einem endlosen Kleinkrieg von niedriger Intensität - eingerichtet zu haben und wollen keine Eskalation. "Der Tod der drei Jungs ist traurig", sagt Moran, Parfümerie-Angestellte in einem Einkaufszentrum in Modi'in, auf halbem Weg zwischen Tel Aviv und Jerusalem. "Die Schuldigen müssen bestraft werden. Aber wir sollten deswegen keinen Krieg anzetteln." Zumindest keinen großen. "Echten Frieden", sagt sie, "wird es aber nie geben. Wir haben es so lange vergeblich versucht."

In der Jerusalemer Altstadt mit ihren zahlreichen religiösen Heiligtümern herrscht am Donnerstagabend angespannte Ruhe. An fast jeder Ecke steht ein Trupp schwerbewaffneter Soldaten und Polizisten. "Das sind nicht mehr Sicherheitskräfte als sonst auch", sagt ein russischstämmiger Polizist und lächelt. "Das hier ist eben Israel und nicht Deutschland." Eine muslimische Frau in mittleren Jahren deutet auf die halbleeren Gassen. "Die Situation ist schrecklich. Eigentlich sollte hier alles voll mit Menschen sein", sagt sie. "Stattdessen ist kaum jemand hier. Vieles ist abgesperrt, weil es mal wieder Ärger gibt."

Polizisten haben ihre ganz eigenen Theorien

Und davon könnte es schon am Freitag noch mehr geben: Nach dem ersten Freitagsgebet im Fastenmonat Ramadan könnte es zu Unruhen kommen. Der Concierge in einem großen Hotel rät dringend vom Besuch des Tempelbergs ab: "Big problem", sagt er und schüttelt den Kopf. "Don't go!"

Zwei junge israelische Polizisten geben sich dagegen betont lässig. "Wir müssen sowieso immer dazwischen gehen, egal, wer wen angreift", sagt einer. Zur Ermordung des arabischen Jugendlichen haben die beiden allerdings schon ihre ganz eigene Theorie, die sie als gesicherte Erkenntnis ausgeben: Der Junge sei nicht etwa von radikalreligiösen Israelis, sondern von einem Mitglied der eigenen Familie ermordet worden - weil er schwul gewesen sei. "Das haben die untereinander eben nicht so gern", lautet der lakonische Kommentar einer der beiden Polizisten. Ansonsten aber könnten sie sich keine persönliche Meinung zu den Vorfällen der vergangenen Tage erlauben: "Wir müssen neutral bleiben."

Der Hotelangestellte Igal hat dagegen eine klare Meinung. Es könne keinen Frieden geben zwischen Israelis und Palästinensern. Deshalb müsse man weiterkämpfen. "Außerdem", meint Igal, "hat uns die heilige Schrift dieses Land versprochen."



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