Bürgermeisterwahl in Jerusalem Kampf um den Sabbat

Die ultraorthodoxe Bevölkerung in Jerusalem wächst. Säkulare Juden fühlen sich in ihrer Lebensweise bedroht. Der Streit dominiert die Bürgermeisterwahl am Dienstag.

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Aus Jerusalem berichtet


Nichts deutet darauf hin, dass das Gelände des historischen Jerusalemer Bahnhofs Schauplatz eines Kulturkampfes ist. In gepflegten Restaurants essen Großfamilien zu Abend, Kinder fahren Roller, ältere Damen sitzen in der Eisdiele der "First Station", wie die zu einem Kultur- und Kulinarikzentrum umgebaute alte Bahnstation heißt.

Alles unspektakulär, wäre nicht Freitagabend. Und damit Beginn des jüdischen Ruhetages, der für strenggläubige Juden höchste Bedeutung hat.

Am Sabbat steht in Jerusalem das öffentliche Leben still. Straßenbahnen und Busse stellen ihren Betrieb ein. Ultraorthodoxe Stadtteile werden für den Autoverkehr abgeriegelt. Die allermeisten Restaurants und Cafés schließen.

Die wenigen, die - wie die "First Station" - diesen Geboten trotzen, sind längst zur Zielscheibe Ultraorthodoxer geworden, die ihre extreme Glaubensauslegung auch jenseits ihrer eigenen Stadtteile durchsetzen wollen.

Mehrmals sind in den vergangenen Monaten Gruppen radikaler Ultraorthodoxer vor Restaurants und Bars im Zentrum gezogen, haben Personal und Gäste bedroht und belästigt. Im Fall der "First Station" sind ultraorthodoxe Politiker mit dem Versuch, die Schließung der dortigen Restaurants zu erzwingen, vor Kurzem gescheitert.

Am Dienstag wählen die Einwohner Jerusalems den Nachfolger des in die nationale Politik strebenden Bürgermeisters Nir Barkat, sowie einen neuen Stadtrat.

Ultraorthodoxe Bevölkerung wächst rasant

Eines der großen Themen ist - neben dem Kampf gegen die Armut, Wohnungsnot, mangelhafte Ausstattung der Schulen - der Konflikt zwischen den Interessen der rasant wachsenden ultraorthodoxen und dem Rest der jüdischen Bevölkerung. "Der religiöse Druck in Jerusalem ist gewachsen", sagt der reformorientierte Rabbi und Jurist Uri Regev, von der Organisation "Hiddush", die sich für Religionsfreiheit in Israel einsetzt.

Die ultraorthodoxe Gemeinschaft ist höchst vielschichtig. Während sich ein Teil der Strenggläubigen vorsichtig liberalisiert, agieren andere Strömungen radikal. Immer wieder gibt es Berichte über Gewalt, verübt von einer Minderheit, zum Beispiel gegen israelische Sicherheitskräfte.

Der Einfluss der Ultraorthodoxen, ihre besonderen Rechte, etwa die Ausnahme vom Armeedienst, sorgen israelweit für Debatten. In Jerusalem hat das Thema besondere Brisanz. Hier sind rund 37 Prozent aller jüdischen Bewohner ultraorthodox - im Landesschnitt sind es 10 Prozent.

Ihr politisches Gewicht ist umso größer, weil die allermeisten Palästinenser, die knapp 40 Prozent aller Einwohner Jerusalems ausmachen, die Kommunalwahlen aus politischen Gründen boykottieren.

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Jerusalem: Wahlkampf in der heiligen Stadt

Aktuell haben die ultraorthodoxen Parteien 14 von 31 Sitzen im Stadtrat, in der Koalition von Barkat sogar die Mehrheit. Dabei seien sie "auf ihre ganz eigene Art politisch und würden wohl mit jedem zusammenarbeiten, der verspricht, dass ihre fundamentalistische Religionsauslegung umgesetzt wird", sagt der Wissenschaftler Micha Brumlik.

Werden die Haredim, wie die Ultraorthodoxen auf Hebräisch heißen, im Stadtparlament noch einflussreicher? Kann nach 2003 gar das zweite Mal ein Ultraorthodoxer Bürgermeister Jerusalems werden?

Gleich vier Kandidaten liefern sich ein enges Rennen

Auf die im ersten Wahlgang erforderlichen 40 Prozent kommt Umfragen zufolge kein Bewerber - trotz mächtiger Unterstützung.

  • Der parteilose Moshe Lion hat den Rückhalt des ultraorthodoxen Innenministers Deri und von Verteidigungsminister Liberman.
  • Für den national-religiösen Likud-Politiker Zeev Elkin haben sich Premierminister Netanyahu und Amtsinhaber Barkat ausgesprochen.

Dass sich bisher kein klarer Favorit abzeichnet, liegt auch daran, dass die verschiedenen ultraorthodoxen Gruppen intern zerstritten sind und sich erstmals nicht auf eine Wahlempfehlung einigen konnten. Nur eine von drei wichtigen Fraktionen hat sich

  • für die Wahl des ultraorthodoxen Kandidaten Yossi Deitch ausgesprochen, die anderen zwei stützen Lion.
  • Ein Umstand, der Ofer Berkovitch zu nutzen scheint. Der erst 35-Jährige präsentiert sich als Mann der Mitte, als Kandidat der Zionisten. Er ist der einzige Säkulare unter den Kandidaten, und der einzige, der den wachsenden Druck durch die Haredim offensiv anspricht. Er wolle die Erpressung im Stadtrat durch die ultraorthodoxen Politiker beenden, verspricht er.

Mit dieser Ansage zielt Berkovitch auf unterschiedliche politische Gruppen: Sie eint die Angst, dass nach der Ära des säkularen Barkat immer mehr Entscheidungen zugunsten der Ultraorthodoxen getroffen werden. Dass etwa liberale Kulturveranstaltungen bei der Geldvergabe benachteiligt werden, weitere Straßen am Sabbat gesperrt werden, säkulare Schulen schließen, Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum forciert wird.

Moderne Juden bangen um Freiräume

"Für mich ist die wichtigste aller politischen Fragen, dass auch Nicht-Religiöse ihren Freiraum haben", sagt Noa, eine Lehrerin. "Die Lage für uns moderne Juden hat sich in den letzten Jahren verschlechtert", sagt Leah, Studentin.

Yanky, Glatze und in jedem Ohr ein Ring, sitzt in seiner Bar auf dem Mehane Yehuda Markt in Jerusalem. Er wolle Berkovitch wählen, auch wenn er politisch linker sei als der Kandidat.

Wie die "First Station" ist auch der Markt umkämpfte Zone. Die Strenggläubigen wettern gegen das rege Nachtleben im Markt. Yanky erzählt die Anekdote, wie er eines Freitagabends noch eine Mitarbeiterbesprechung hatte. Sein Lokal war längst geschlossen. Plötzlich hämmerte ein ultraorthodoxer Mann gegen sein Fenster, schrie, es sei doch Sabbat.

Die Säkularen, die 20 Prozent der jüdischen Bevölkerung Jerusalems ausmachen, sind Berkovitchs wichtigste Wählergruppe - sie muss er aktivieren. Aber um zu gewinnen, müsste er auch einen sehr großen Teil der gemäßigten Religiösen auf seine Seite ziehen. Das wird schwierig - erst recht in einer Stichwahl gegen Elkin oder Lion.

Auch viele moderne orthodoxe Juden äußern Unbehagen über den wachsenden Druck der Ultrareligiösen, aber das Thema ist für sie nicht so bestimmend wie für die Säkularen. "Der Einfluss der Haredim wird doch aufgebauscht", sagt Yossi, ein Mann mit Kippa. Israel hingegen meint: "Ich bin dagegen, dass Ultraorthodoxe anderen ihren Lebensstil aufzwingen und entscheiden, wann ein Kino geöffnet hat. Wenn es genug Leute gibt, die am Sabbat hingehen, warum nicht?" Er will zwar für Berkovitchs Partei stimmen, aber gleichzeitig dem ultraorthodoxen Kandidaten Deitch seine Stimme geben. "Der setzt sich nämlich dafür ein, dass mehr Haredim Bildungsabschlüsse machen und diese Modernisierung ist wichtig", sagt er.

"Wir müssen alle irgendwie klarkommen. Ich vermeide es eben in die Viertel der Ultraorthodoxen zu gehen," sagt Tal, eine junge orthodoxe Jüdin.

Aber Ausweichen ist längst nicht überall mehr möglich.

Viele "mixed neighbourhoods"

Viele Jerusalemer Stadtteile sind inzwischen "mixed neighbourhoods". Weil es in ihren Vierteln keinen Wohnraum mehr gab, sind viele Ultraorthodoxe in ehemals liberal geprägte Gegenden gezogen. Ein Beispiel dafür ist Kiryat HaYovel im Süden Jerusalems. Hier wurde dieser Konflikt zwischen Alteingesessenen und Zuzüglern teils aggressiv ausgetragen.

Auf einem Platz im Zentrum sitzen Zvi und Miriam, Mitte sechzig. Zvi sorgt sich um die soziale Frage: "Die ultraorthodoxen Frauen bekommen im Schnitt sieben Kinder, die meisten Männer arbeiten nicht, um den ganzen Tag die Thora studieren zu können. Sie zahlen oft kaum Steuern, nehmen aber gleichzeitig viele staatliche Leistungen in Anspruch. Wie soll das mit der Armut in unserer Stadt weitergehen?"

Miriam sagt: "Wir Säkularen müssen immer bangen. Was wird nächstes Jahr sein, müssen wir dann wieder um einen unserer Treffpunkte kämpfen?"

Yanky sitzt in seiner Bar: "In zehn Jahren bin ich fertig mit Jerusalem. Es ist gesetzt, dass die Stadt immer religiöser wird. Ich werde meinen alten Freunden folgen. Von ihnen lebt keiner mehr in Jerusalem. Keiner von 25."



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