Israel Der Minister und das angebliche Gemetzel an Ägyptern

Israels Minister Ben-Elieser sei für ein Massaker an ägyptischen Kriegsgefangenen im Sechs-Tage-Krieg verantwortlich, behaupten Kairoer Zeitungen. Das belege ein Film. Der Regisseur beteuert, sein Werk sei falsch verstanden worden - doch das interessiert niemand.

Von Amira El Ahl und , Kairo und Jerusalem


Jerusalem/Kairo - Es ist ein Sturm der Entrüstung, der seit drei Tagen durch die ägyptische Öffentlichkeit fegt. "Massaker" titelte die regierungsnahe Tageszeitung "Al-Ahram", im Parlament kam es zu hitzigen Debatten und das Außenministerium lud den israelischen Botschafter vor.

Ben-Elieser: Reise nach Ägypten verschoben
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Ben-Elieser: Reise nach Ägypten verschoben

Anlass war die Ausstrahlung eines israelischen Dokumentarfilms in der vergangenen Woche. Der Film liefere, so behaupten die ägyptischen Medien unisono, Beweise für ein Massaker, das eine israelische Einheit während des Juni-Kriegs von 1967 an 250 ägyptischen Kriegsgefangenen auf der Sinai-Halbinsel verübt haben soll.

Was besonders pikant ist: Kommandeur jener israelischen Einheit war der heutige israelische Minister für Infrastruktur, Benjamin Ben-Elieser. Er, den sie in Israel wegen seiner irakischen Abstammung nur "Fuad" nennen, sollte an diesem Donnerstag zu einem offiziellen Regierungsbesuch nach Kairo fliegen. Doch diese Reise hat er erstmal abgesagt.

Der Vorsitzende des Parlamentsauschusses für auswärtige Angelegenheiten, Mostafa al-Fiqqi, sprach von einem "israelischen Gemetzel". Es sei nicht das erste Mal, dass Israel derlei Meldungen durchsickern lasse, was beweise, dass israelische Hände mit dem Blut ägyptischer Kriegsgefangener beschmutzt seien. Al-Fiqqi verlangte sogar, die Vorwürfe vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu bringen. Unterstützung bekam er von Ex-Außenminister Ahmed Maher. Kriegsverbrechen verjährten nicht, drohte Maher.

Andere ägyptische Abgeordnete, darunter der Fraktionsvorsitzende der Moslembruderschaft im Parlament, Mohammed al-Baltagi, forderten die Regierung in Kairo auf, den ägyptischen Botschafter aus Tel Aviv abzuziehen. Ebenso solle das Friedensabkommen von 1979 und andere bilaterale Vereinbarungen eingefroren werden.

Demgegenüber nahm sich die offizielle Reaktion der ägyptischen Regierung harmlos aus. Der israelische Botschafter, Schalom Cohen, wurde ins Außenministerium einbestellt. Er wurde aufgefordert, die Vorwürfe aufzuklären. Die israelische Außenministerin Zipi Livni solle einen Untersuchungsbericht anfertigen und nach Kairo senden, hieß es.

"Wir haben niemals Kriegsgefangene getötet"

Gesehen hatte den Film wohl keiner der ägyptischen Gesprächspartner, diesen Eindruck jedenfalls hatte man in der israelischen Botschaft in Kairo. Denn in dem Streifen ist weder von Kriegsgefangenen noch von Ägyptern die Rede. Es geht um die Geschichte der israelischen Aufklärungseinheit "Shaked". Die Abkürzung steht für "Shomrei Kaw Darom", was übersetzt soviel heißt wie "Wächter der südlichen Linie". Bis zum Friedensschluss mit Ägypten 1979 hatte die Einheit die Aufgabe, ägyptische und palästinensische Kämpfer aufzuspüren, die Anschläge gegen israelische Soldaten oder die Grenze zu Israel planten.

An einer Stelle des Films geht es um die Endphase des Sechs-Tage-Krieges. Ein palästinensisches Kommando griff damals die israelische "Shaked"-Einheit an. Viele dieser palästinensischen Fedayin kamen im anschließenden Gefecht ums Leben. In dem Film bezeichnen einige der israelischen Offiziere die damals angewandte Gewalt im Rückblick als zu exzessiv. Schließlich seien die Palästinenser klar unterlegen gewesen, so das Argument der Offiziere a.D.

Diese Aussagen seien von den ägyptischen Medien verdreht worden, kritisiert der Regisseur des Films, Ran Edelist. "Wir haben niemals Kriegsgefangene getötet", sagt auch Jehuda Melamed, damals "Shaked"-Soldat und heute Arzt in einem der größten israelischen Krankenhäuser. "Das ist eine Lüge."

Trotzdem fallen die Vorwürfe auf fruchtbaren Boden. Erstens wurde das Schicksal vieler ägyptischer Soldaten bis heute nicht aufgeklärt, und zweitens hatte bereits 1995 der israelische Militärwissenschaftler Arie Jitzchaki behauptet, Ben Eliesers "Shaked"-Einheit habe bis zu 300 ägyptische und palästinensische Kriegsgefangene getötet. Eine ägyptische Zeitung warf dem damaligen israelischen Botschafter in Kairo, David Sultan, vor, im Suez-Krieg von 1956 etwa 100 Kriegsgefangene umgebracht zu haben. Obwohl die israelische Regierung die Vorwürfe bestritt, trat der Botschafter einige Wochen später zurück, weil er, wie er sagte, seines Lebens nicht mehr sicher sei.

Gegen die "Massaker"-Vorwürfe spricht zudem, dass der Film in Israel für keinerlei Aufsehen sorgte. Er war bereits Anfang vergangener Woche im Ersten Israelischen Fernsehkanal ausgestrahlt worden. Tage vergingen, ohne dass andere israelische Medien den Film aufgriffen, weder die sonst extrem Skandal-fixierten Massenblätter "Jediot Acharonot" und "Maariv", noch die für ihre scharfe Kritik an der eigenen Armee bekannte Tageszeitung "Haaretz". Hätte der Film auch nur im geringsten Hinweise auf Kriegsverbrechen präsentiert, so hätte sich das keine israelische Zeitung entgehen lassen.

Die öffentliche Aufregung über den israelischen Film zeigt, wie unbeliebt der Friedensvertrag mit Israel in Ägypten noch immer ist. 28 Jahre ist es jetzt her, dass der damalige ägyptische Präsident Anwar al-Sadat mit Jerusalem Frieden schloss. Sadat wurde wenig später von islamistischen Fanatikern ermordet, und sein Nachfolger Husni Mubarak übt sich seitdem in einer ständigen Gratwanderung: Einerseits ist er, rational, von der Notwendigkeit des Abkommens mit dem Judenstaat überzeugt, nicht zuletzt weil es die jährliche Milliarden-Spritze aus Washington sichert, andererseits lässt Präsident Husni Mubarak der größtenteils staatlich kontrollierten Presse freien Lauf, wenn sie gegen Israel Stimmung macht, um den anti-israelischen Emotionen ein Ventil zu eröffnen.

In der israelischen Regierung versteht man diese Gesetzmäßigkeit und hält sich mit Kritik zurück. Zu sehr ist man von Kairo abhängig: Ägypten hat maßgeblichen Einfluss auf die arabische Welt und wird derzeit vor allem als Gegengewicht zum Machtstrebens Irans gebraucht. Zudem ist es der Regierung Mubarak zu verdanken, dass große Fortschritte in den Verhandlungen um die Freilassung des im Gaza-Streifen verschleppten Soldaten Gilad Shalit erreicht wurden.

So gab Minister Ben-Elieser denn auch sofort der Bitte des ägyptischen Geheimdienstchefs Omar Suleiman nach, seinen Besuch in Kairo zu verschieben. Auch im israelischen Verteidigungsministerium gab man sich milde angesichts der Absage Suleimans für ein Treffen mit hochrangigen israelischen Militärs.

Die Israelis wollen die Affäre durch Fakten aus der Welt schaffen. Ben-Elieser will ein ihn entlastendes Dokument der israelischen Armee nach Kairo kabeln. Und Außenministerin Livni versprach ihrem ägyptischen Kollegen Ahmed Aboul Gheit, ihm eine Kopie des Films zuzuschicken.



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