Heftige Raketengefechte im Golan Darum kämpfen Israel und Iran in Syrien

Israel greift massiv Ziele in Syrien an und droht, den "iranischen Geist zurück in die Flasche zu jagen". Was steckt hinter der Konfrontation - und welche Rolle spielt Russland?
Israelischer Posten auf den besetzten Golanhöhen

Israelischer Posten auf den besetzten Golanhöhen

Foto: RONEN ZVULUN/ REUTERS

Die ungewöhnlich heftigen israelischen Raketenangriffe auf Stellungen in Syrien schüren Ängste, der Konflikt könnte weiter eskalieren - und in einem Krieg der Regionalmächte Israel und Iran münden. Bundeskanzlerin Angela Merkel rief alle Seiten zu "Zurückhaltung" auf. Die Lage sei "extrem kompliziert".

Israels Verteidigungsminister Avigdor Lieberman warnte Syrien und seine iranischen Verbündeten, ihrerseits Ziele auf von Israel kontrolliertem Boden unter Beschuss zu nehmen. "Wenn auf uns Regen fällt, wird über sie der Sturm kommen", so Lieberman.

Welche Ziele hat Israel bombardiert?

Die Angriffe galten Zielen im Südwesten Syriens. Israels Militär spricht von ingesamt etwa 50 beschossenen Zielen. Laut Lieberman sei "nahezu die gesamte iranische Infrastruktur" in der Region getroffen worden. Gleichwohl war der Umfang der Operation begrenzt. Insgesamt kamen laut übereinstimmenden syrischen und israelischen Angaben etwa 70 Raketen zum Einsatz, darunter Marschflugkörper und Luft-Boden-Raketen, die von Kampfflugzeugen abgefeuert wurden.

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Laut israelischen Angaben soll es sich bei den Zielen um Stützpunkte der iranischen Revolutionsgarden handeln, die in Syrien an der Seite von Präsident Baschar al-Assad operieren. Getroffen wurden daneben auch mehrere syrische Flugabwehrbatterien, darunter solche älterer sowjetischer Bauart.

Was sind die Hintergründe des Konflikts?

Anders als etwa die Türkei hat Israel es vermieden, im syrischen Bürgerkrieg offen Partei zu ergreifen. Dennoch hat das Land seit 2011 rund hundert Luftangriffe auf Ziele in Syrien geflogen. Grund dafür ist die massive Unterstützung Irans für Assads Truppen. Israel befürchtet, Teheran könnte in Syrien dauerhaft einen militärischen Brückenkopf errichten - und von dort Angriffe auf israelisches Territorium starten.

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Israel, Iran, Syrien: Attacken in der Nacht

Foto: JALAA MAREY/ AFP

In den vergangenen Wochen und Monaten hat sich die Lage an der syrisch-israelischen Grenze verschärft. Mit Assad verbündete Verbände - darunter Iraner und Kämpfer der israelfeindlichen Hisbollah - verzeichnen Geländegewinne. Ihre Stellungen rücken damit näher an die Golanhöhen, die Syrien beansprucht, aber von Israel annektiert wurden.

Israel gibt an, seine Siedlungen auf den Golanhöhen seien zuletzt häufiger Ziel von Angriffen geworden. Dem israelischen Raketenangriff soll ein Beschuss durch 20 Raketen unmittelbar vorausgegangen sein.

Warum wird um die Golanhöhen gestritten?

Der Gebirgszug an der Grenze zu Syrien ist von strategisch großer Bedeutung, weil sich von den Anhöhen sowohl der nördliche Teil Israels als auch die angrenzenden Gebiete Syriens und Libanons kontrollieren lassen. Die Berge erreichen eine Höhe von bis zu 2800 Meter.

In einer Pufferzone zwischen israelisch- und syrisch-kontrolliertem Gelände sind Uno-Truppen stationiert. Aufgrund der Gefährdungslage während des Bürgerkriegs in Syrien haben sich die Uno-Einheiten allerdings an die westliche Grenze der Pufferzone zurückgezogen.

Israel hat die Region 1981 annektiert und baut dort Siedlungen. Syrien beansprucht das Gebiet allerdings weiter für sich. International wird die israelische Annexion nicht anerkannt.

Israels Sicht auf das Gebiet ist geprägt von Erfahrungen strategischer Verwundbarkeit. Nach der Gründung des Staates Israel wurde das Land von auf den Golanhöhen stationierten syrischen Einheiten beschossen. 1967 eroberten die israelischen Streitkräfte das Gebiet. 1973 wurden sie im Yom-Kippur-Krieg von arabischen Verbänden überrannt, dann aber wurde das Gebiet in einer Gegenoffensive zurück erobert.

Seit 1974 gilt ein Waffenstillstand. Allerdings haben beide Staaten offiziell nie geschlossen.

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Was ist Israels Strategie?

Der syrische Bürgerkrieg stellt Israel vor ein Dilemma: Alle möglichen Ausgänge sind schlecht für das Land. Sollte Assad im Kampf unterliegen, könnten radikale Islamisten die Oberhand gewinnen. Gewinnen kann Assad den Krieg aber nur mit massiver Unterstützung von Iran - und müsste im Gegenzug akzeptieren, dass Teheran dauerhaft militärisch in Syrien präsent bleibt.

In der Vergangenheit hat Israel deshalb zwar keine Seite im Bürgerkrieg offen unterstützt - aber immer wieder Warnungen an die Adresse des syrischen Machthabers gerichtet. Seit sich Assads militärischer Sieg abzeichnet wird Israel immer aktiver. Sollte Assad weiter "iranische Operationen aus Syrien heraus" erlauben, werde dies "sein Ende" bedeuten, sagte etwa Israels Energieminister Yuval Steinitz.

Die Regierung um Premier Benjamin Netanjahu und die Militärführung fürchten, im Falle eines Krieges könnten Iran und seine Verbündeten von Syrien aus eine dritte Front gegen Israel errichten - neben dem Libanon, in dem die Hisbollah operiert, und den Palästinensergebieten Westjordanland und Gazastreifen. "Wir werden nicht zulassen, dass Iran Syrien zu seinem vorgeschobenen Stützpunkt macht", sagt Verteidigungsminister Liebermann.

Israels Militär hat deshalb in der Vergangenheit immer dann militärisch eingegriffen, wenn das Land den Eindruck hatte, Iran liefere Hightechwaffen an die Hisbollah oder baue in Syrien Stützpunkte für eine mögliche Attacke gegen israelische Ziele auf. Seit 2011 hat Israel etwa hundert solcher Angriffe durchgeführt, im April beispielsweise auf den Luftwaffenstützpunkt T4 in der Provinz Homs. Sieben Iraner starben. "Wir treiben den iranischen Geist zurück in die Flasche", twitterte der israelische Minister Yoav Galant.

Wie blickt Iran auf den Konflikt?

Teheran pocht darauf, seine Einheiten seien "auf Einladung der syrischen Regierung" im Land. Damit sei die Truppenpräsenz legitim - im Gegensatz zu jener der Türkei oder der USA. Nach Einschätzung des angesehenen Think Tanks Crisis Group treibt Iran die Sorge um, Israel im Falle eines offenen Kriegs deutlich unterlegen zu sein.

Teheran strebe nach Stützpunkten in Syrien, um im Falle eines Konflikts mit Israel eine weitere Front eröffnen zu können. Iran "braucht diese, weil Israel Atomwaffen besitzt und seine Überlegenheit im Bereich der konventionelle Streitkräfte aufrecht erhält", heißt es in einem Crisis-Group-Report.

Welche Rolle spielt Russland?

Russland kämpft an der Seite Assads und damit - wenigstens indirekt - auch mit Iran. In den vergangenen Jahren ist Russlands Gewicht in dem Konflikt deutlich gestiegen. Die Beziehungen zu den USA und Europa sind zwar so schlecht wie lange nicht. Wichtige Akteure im Syrienkrieg wie die Türkei und Israel stimmen sich allerdings eng mit dem Kreml ab.

Zu beobachten war das am Mittwoch in Moskau. Israels Premierminister Netanjahu - eigentlich immer eisern an der Seite Amerikas - übte in der russischen Hauptstadt den Schulterschluss mit Amerikas Rivalen. Beim Treffen mit Wladimir Putin legte Netanjahu sogar das russische Georgsband an. Das ist einerseits ein Erinnerungssymbol der Russen an den Sieg im Zweiten Weltkrieg. Es ist aber auch das Erkennungszeichen prorussischer Verbände, die in der Ostukraine kämpfen - gegen die von den USA unterstützte Kiewer Regierung.

Viel spricht dafür, dass Netanjahu vor dem Luftschlag Moskaus Einverständnis eingeholt hat. Israels Verteidigungsministerium gab bald nach dem Angriff bekannt, man habe die russische Seite vorab über die Operation informiert - um tote und verletzte russische Soldaten und Söldner zu vermeiden.

Wenige Stunden nach Netanjahus Auftritt mit dem Georgsband an der Brust schlugen die Raketen ein, nicht nur in iranischen Stellungen, getroffen wurden auch Flugabwehrbatterien der syrischen Armee. Die hatte - zu Ehren Russlands - gerade ebenfalls Georgsbänder an ihre Soldaten verteilt.

Die Frontlinien in dem Konflikt werden immer verworrener.

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