Israel gegen Iran Drohgebärden für Diplomaten

Israel droht Iran und fühlt sich durch die neuen Berichte über Teherans Nukleartests bestätigt. Doch ein Angriff ist zurzeit unwahrscheinlich. Jerusalem versucht mit dem Säbelrasseln offenbar, seine Ziele auf diplomatischem Weg zu erreichen: Die internationale Gemeinschaft soll das Atomprogramm stoppen.

Netanjahu: "Wenn jemand dich umbringen will, töte ihn zuerst"
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Netanjahu: "Wenn jemand dich umbringen will, töte ihn zuerst"

Von Gil Yaron, Tel Aviv


Israel übt den Krieg: Alle paar Tage heulen in den Städten Luftschutzsirenen auf, wenn der Zivilschutz die Reaktion auf Raketenangriffe probt. Immer wieder melden Medien Vorbereitungen für einen Präventivschlag gegen Iran: Zuerst testete Israel eine ballistische Rakete, offenbar eine verbesserte Version der "Jericho 3". Die soll 7000 Kilometer Reichweite und die Fähigkeit haben, nukleare Sprengköpfe zu tragen, von denen Israel laut ausländischen Quellen 200 Stück besitzt.

Kurz zuvor nahmen 16 Kampfbomber vom Typ F-16 des 117. Geschwaders über Sardinien an einem Manöver teil und übten das Auftanken in der Luft, Luftraumüberwachung und den Angriff weit entfernter Ziele. Genau das also, was für einen Angriff auf Iran notwendig wäre. Militärexperten weisen darauf hin, dass mit dem Abzug der USA aus dem Irak Ende des Jahres auch die Flugverbotszone über Mesopotamien außer Kraft gesetzt würde - womit israelische Kampfbomber wieder den kürzesten Weg nach Iran nutzen könnten.

Politiker schüren die Angst vor einem Überraschungsangriff. Sie sehen sich durch die neuen Erkenntnisse der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA über die Nuklearwaffen Teherans bestätigt. In der Knesset mahnte Premier Benjamin Netanjahu bereits vor wenigen Tagen, dass "Iran weiterhin versucht, sich atomar zu rüsten. Ein Iran mit Atombomben ist eine Gefahr für den Nahen Osten und die ganze Welt. Und stellt natürlich auch für uns eine schwere, direkte Bedrohung dar". Jerusalem betrachtet eine iranische Bombe als existentielle Gefahr, stellt Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad doch alle paar Tage Israels Existenzrecht in Frage und prophezeit den nahen Untergang des "zionistischen Geschwürs". Selbst Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger Schimon Peres ließ sich zur Aussage hinreißen, man sei der "militärischen Option" bedeutend näher gekommen.

"Ein Angriff auf Iran ist die schlechteste Option", warnte der ehemalige Vorsitzende des Verteidigungsausschusses der Knesset, Tzachi Hanegbi, am Dienstag im Radio. "Nur eine Option wäre schlechter: Wenn Iran tatsächlich eine Bombe hätte." Das wäre in der Tat eine tödliche Bedrohung, behaupten Militärs, Experten und Politiker fast einhellig. Umso verhängnisvoller klingt deswegen Israels Verteidigungsdoktrin, wie Netanjahu sie in seiner Rede vor der Knesset zusammenfasste: "Wenn jemand dich umbringen will, töte ihn zuerst."

Warum ein Angriff die gesamte Region destabilisieren würde

Doch es gibt auch andere Meinungen zu den Drohungen gegenüber Teheran. Viele Experten warnen vor den Konsequenzen eines Angriffs. Es sei fraglich, ob Israel überhaupt zu einer Attacke fähig sei. In einem später dementierten Interview gewährte Netanjahus Vorgänger Ehud Olmert 2007 einen seltenen Einblick in die Planung der Israelis. Man könne das Atomprogramm Irans nicht völlig ausschalten, aber um Jahre zurückwerfen, sagte Olmert: "Es würde zehn Tage dauern und den Abschuss von rund tausend Marschflugkörpern beinhalten."

Auf dem Weg nach Iran müssten Israels Kampfflugzeuge den Luftraum neutraler oder feindlicher Staaten überbrücken: Irak, Saudi-Arabien oder die Türkei. Zwar sind die Israelis durchaus fähig, unentdeckt über feindliches Gebiet zu fliegen, um einen Überraschungsangriff auszuführen, wie die Beispiele 1981 in Osirak im Irak und 2007 in Deir al-Sor in Syrien zeigten. Doch den Luftraum anderer Staaten über einen längeren Zeitraum zu verletzen, dürfte Israel vor gewaltige militärische und diplomatische Herausforderungen stellen. Ein Angriff würde die gesamte Region destabilisieren. Teherans Verbündete wie die Hisbollah im Libanon, die über mehr als 50.000 Raketen verfügt, und der belagerte syrische Diktator Baschar al-Assad, der ebenfalls ein großes Raketenarsenal und chemische Waffen besitzt, könnten sich in den Kampf stürzen, um von inneren Problemen abzulenken. Israel würde mitten in der Weltwirtschaftskrise für einen explodierenden Ölpreis beschuldigt werden und international an den Pranger gestellt. Selbst der ehemalige Mossad-Chef Meir Dagan, sonst kaum für Zimperlichkeit bekannt, bezeichnete es deswegen als "Dummheit", Iran mit Luftangriffen stoppen zu wollen.

Drohungen sind das einzige Mittel, das Netanjahu übrig bleibt

Allen Drohungen zum Trotz scheint Israel aber zurzeit gar nicht angreifen zu können. Nur die USA zusammen mit ihren westlichen Verbündeten wären in der Lage, Iran wochenlang zu bombardieren. Der Minister für strategische Angelegenheiten und ehemalige Generalstabschef, Mosche Yaalon, zitierte den Talmud, um Israels diplomatische Strategie zu erklären: "Die Aufgaben der Rechtschaffenen werden von anderen erledigt."

Die Drohungen gegen Iran sind das einzige Mittel, das Premier Benjamin Netanjahu bleibt. Angesichts der neuen IAEA-Erkenntnisse zieht er alle Register, um seine Verbündeten zum Handeln zu bewegen. Nach zehn Monaten, in denen die Welt sich auf den Arabischen Frühling konzentrierte, ist es ihm gelungen, die Aufmerksamkeit wieder auf Irans Atomprogramm zu lenken. "Wir wollen keinen Krieg", beruhigte Verteidigungsminister Ehud Barak in einem Radiointerview. "Wir haben noch keinen Entschluss gefasst, loszuschlagen." Man habe jetzt "die letzte Gelegenheit für koordinierte, weltweite und harte Sanktionen, die Iran dazu zwingen könnten, einzuhalten".

Vorerst scheint Israels militante Haltung eher ein Appell zu entschlossener Diplomatie als die Vorbereitung eines Feldzugs zu sein. "In der noch verbleibenden Zeit müssen wir die Welt zum Handeln drängen. Das Versprechen uns gegenüber, dass Iran keine Atombombe haben wird, muss eingelöst werden", sagte Peres. "Wenn solche Zusagen nicht eingehalten werden, kann man die Welt nicht mehr verwalten."

Wen die Berichte aus Israel dennoch alarmieren, der sollte bedenken, dass sie vom Militärzensor freigegeben wurden. Der Gefangenenaustausch mit der Hamas, der Einmarsch in Gaza 2009, die Bombardierung der Reaktoren in Syrien und im Irak zeigen deutlich, dass Israel Angelegenheiten von nationaler Bedeutung, wie die Vorbereitungen wichtiger Militäraktionen, geheim zu halten weiß.

Sollte Israel sich doch einmal gezwungen sehen, Iran anzugreifen, wird es Teheran vorher wahrscheinlich nicht warnen. Sorgen sollte man sich also erst machen, wenn in Israels Zeitungen gar nicht mehr von der iranischen Bedrohung geschrieben wird.

insgesamt 55 Beiträge
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RaMaDa 09.11.2011
1. Wie würden wir reagieren?
Wenn der radikale Präsident eines unserer Nachbarstaaten ständig damit drohen würde Deutschland von der Landkarte auszulöschen und nachweislich am Bau einer Atombombe arbeitet, würden wir dann auch mit Ruhe und Gelassenheit reagieren und uns auf das Blabla der anderen Regierungen verlassen?
nahal, 09.11.2011
2. nur Israel?
Zitat von sysopIsrael droht Iran*und fühlt sich durch die neuen Berichte über Teherans Nukleartests bestätigt.*Doch ein Angriff ist zurzeit unwahrscheinlich. Jerusalem versucht mit dem Säbelrasseln*offenbar, seine Ziele auf diplomatischen Weg zu erreichen: Die internationale Gemeinschaft soll das Atomprogramm stoppen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,796634,00.html
Ob dieser Aussenminister auch ein Israeli sei? "We cannot accept this situation which is a threat," said Juppe." Oder sogar der chinesische Aussenminister Hong Lei sagte: ""It is clear that contention between the various sides over the Iranian nuclear issue has reached white hot levels and could even be on the precipice of a showdown," "Shwodown" und "hot levels" sind keine Worte eines israelischen Politikers.
peterhausdoerfer 09.11.2011
3. Wozu
Zitat von sysopIsrael droht Iran*und fühlt sich durch die neuen Berichte über Teherans Nukleartests bestätigt.*Doch ein Angriff ist zurzeit unwahrscheinlich. Jerusalem versucht mit dem Säbelrasseln*offenbar, seine Ziele auf diplomatischen Weg zu erreichen: Die internationale Gemeinschaft soll das Atomprogramm stoppen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,796634,00.html
braucht Israel Trägersysteme für Massenvernichtungswaffen die eine Reichweite von 7000 km haben ? Welcher Staat in dieser Entfernung bedroht Israels Sicherheit ?
nahal, 09.11.2011
4. Ofek 1-9
Zitat von peterhausdoerferbraucht Israel Trägersysteme für Massenvernichtungswaffen die eine Reichweite von 7000 km haben ? Welcher Staat in dieser Entfernung bedroht Israels Sicherheit ?
Nein, Israel braucht keine solche Trägersysteme für massenvernichtungswaffen, aber für das Ofek-Program.
timorieth 09.11.2011
5. nein
Zitat von nahalNein, Israel braucht keine solche Trägersysteme für massenvernichtungswaffen, aber für das Ofek-Program.
Also die Satelliten hat Israel mit sog. "Shavit" Raketen ins All befördert. http://de.wikipedia.org/wiki/Shavit Im Artikel ist hingegen von einer verbesserten Jericho3-Rakete die Rede. Dabei handelt es sich um Boden-Boden-Raketen.
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