Vermisster israelischer Soldat In den Händen der Hamas

Israels Armee hat eingeräumt, dass in Gaza ein Soldat vermisst wird. Es ist unklar, ob er noch lebt. Wahrscheinlich ist er der Hamas in die Hände gefallen, in diesem Fall müsste Israel für seine Heimkehr einen hohen Preis zahlen.

Israelische Soldaten nahe des Gazastreifens: "Ultimative strategische Waffe" der Hamas
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Israelische Soldaten nahe des Gazastreifens: "Ultimative strategische Waffe" der Hamas


Es hat gedauert, doch am Dienstag gab die israelische Armee (IDF) bekannt, dass sie seit Sonntag einen ihrer Soldaten im Gazastreifen vermisst. Er heißt Oron Schaul und ist laut israelischen Medien 20 Jahre alt. Seinen Angehörigen steht nun wohl ein langes, nervenzerrüttendes Warten bevor. Das Eingeständnis des israelischen Militärs hat einen Prozess in Gang gesetzt, der so bekannt wie schmerzlich ist. Wann immer ein Angehöriger der IDF in die Hände von Israels Feinden fällt, beginnt im Anschluss das lange Verhandeln über die Heimkehr des Verschleppten.

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Israels Kontrahenten wissen, dass Israel seinen Bürgern garantiert, alles in seiner Macht stehende zu tun, um Landsleute nach Hause zu holen. Das gilt für Gefangene genauso wie für die Leichen gefallener Soldaten. Jerusalem ist in solchen Fällen bereit, weitreichende Zugeständnisse zu machen. Die Armee nennt entführte israelische Soldaten deshalb die "ultimative strategische Waffe" der Hamas. Sie nimmt lieber den Tod ihrer Männer in Kauf als eine Entführung.

Für die Freilassung des 2006 von der Hamas entführten Gilad Schalit entließ Israel 1027 palästinensische Gefangene - viele von ihnen verurteilte Terroristen. Schalit wurde von der Hamas fünf Jahre in Geiselhaft gehalten. Palästinenser sehen in den Kidnappings die einzige Möglichkeit, Israel zu Gefangenenaustauschen zu zwingen. Die Feinde Israels haben sich deshalb zum Ziel gesetzt, israelische Soldaten oder deren sterbliche Überreste in ihre Gewalt zu bringen. Meist werden solche Attacken vereitelt, und die Angreifer sterben beim Versuch, sich ihren Opfern zu nähern.

Doch in den frühen Morgenstunden des Sonntags haben die Extremisten ihr Ziel erreicht. Im Morgengrauen attackierten palästinensische Kämpfer in dem im Norden von Gaza-Stadt gelegenen Viertel Schudschaje ein israelisches Panzerfahrzeug. Der Transporter wurde hinten und an einer Seite von Granaten getroffen.

Erst hieß es, dabei seien alle sieben Insassen ums Leben gekommen. Doch israelische Truppen, die nach dem Angriff in das Gebiet vordrangen, konnten nur sechs Leichen finden. Diese sind inzwischen identifiziert, die Namen der Gefallenen veröffentlicht. Der letzte, siebte Insasse des Panzerfahrzeugs, Oron Schaul, gilt seit heute als vermisst.

Das Panzerfahrzeug der israelischen Soldaten war 50 Jahre alt

Jetzt beginnen die Spekulationen, ob der Angehörige der Eliteeinheit Golani bei seiner Gefangennahme leicht oder schwer verletzt war oder gar bereits tot ist. Bis die Hamas entsprechende Informationen herausgibt, kann viel Zeit vergehen. Im Fall Schalit lieferten die Islamisten erst nach über zwei Monaten ein Lebenszeichen: einen handgeschriebenen Brief von ihm. Als ein Hamas-Sprecher am Sonntag bekanntgab, seine Kämpfer hätten einen Israeli entführt, hielt er zum Beweis nur eine Erkennungsmarke in die Kamera und nannte den Namen Schaul.

Sollte der jetzt Vermisste tot sein, würde die Hamas vermutlich versuchen, das zu verheimlichen. So war es im Fall Ehud Goldwasser und Eldad Regev. Die beiden Reservisten waren im Juli 2006 an der Grenze zum Libanon auf Patrouille, als sie von Hisbollah-Kämpfern angegriffen und verschleppt wurden. Zwei Jahre lang verhandelte die Hisbollah mit Israel über die Bedingungen ihrer Heimkehr. Vermittler war damals - nicht zum ersten Mal - Gerhard C., ein hochrangiger Mitarbeiter des deutschen Bundesnachrichtendienstes. Bis zum Schluss ließ die Hisbollah Jerusalem im Ungewissen, ob Regev und Goldwasser lebten oder bei ihrer Entführung getötet worden waren. So konnte sie in dem makaberen Tauschhandel den Preis hochtreiben.

Einsatz in veraltetem Panzerfahrzeug

Die IDF hatte den Familien Regev und Goldwasser schon früh im Vertrauen mitgeteilt, dass sie anhand der schieren Menge des am Tatort gefundenen Bluts davon ausgehe, dass die beiden Soldaten tödlich verwundet worden waren. Im jetzigen Fall dürfte eine solche Analyse von Indizien dadurch erschwert werden, dass der Ort des Angriffs nach wie vor Kampfgebiet ist.

Bevor bekannt wurde, dass bei dem Vorfall ein Mann abhanden kam, hatte der sonntägliche Angriff auf das Panzerfahrzeug die israelischen Medien aus anderen Gründen bewegt. Denn den Transportpanzer des Typs M113, mit dem die Golanis an die Front geschickt wurden, gibt es schon seit mehr als 50 Jahren. Er wurde einst in den USA entwickelt und findet bis heute weltweit Verwendung - auch bei der IDF, wo er eines der ältesten noch benutzten Fahrzeuge ist.

Zwar wurde der M113 in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach technisch aufgewertet und gilt zudem als relativ leicht und wendig. Allerdings ist er auch weniger stark gepanzert als modernere Truppentransporter. Spezialisten stellten nach dem erneuten Zwischenfall die Frage, ob die Armeeführung fahrlässig gehandelt habe, als sie ihre Elitekämpfer mit einem M113 in den Gazastreifen schickte. Bereits 2004 waren elf Israelis bei Attacken auf zwei M113 getötet worden.

Anmerkung der Redaktion: SPIEGEL ONLINE hatte nach einer Meldung über die Mitteilung der Hamas und einer weiteren Meldung über das Dementi Israels in diesem Artikel berichtet, es werde kein israelischer Soldat vermisst, und von einer "Lüge" der Hamas gesprochen. Das entspricht nach aktuellem Kenntnisstand nicht der Faktenlage. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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