Israel Jüdische Feministinnen an Klagemauer festgenommen

Jüdische Aktivistinnen fordern Gleichberechtigung an der Klagemauer: Sie wollen an dem heiligsten Ort des Judentums laut beten. Doch das ist Männern vorbehalten - Ultraorthodoxe wachen darüber, dass die Regel eingehalten wird. Also rückte die Polizei an und nahm fünf Frauen fest.

Jüdin in Begleitung von Polizistinnen: Aktivistinnen wollen laut singend, mit Schals und Riemen beten
AP

Jüdin in Begleitung von Polizistinnen: Aktivistinnen wollen laut singend, mit Schals und Riemen beten


Jerusalem - Sie werden "Frauen der Mauer" genannt: Etwa 200 jüdische Aktivistinnen der Gruppe Neschot Hakotel zogen am Donnerstag zur Klagemauer in der Altstadt von Jerusalem - wie seit 25 Jahren an jedem Monatsersten des Jüdischen Kalenders. Ihr Ziel: in Gebetsschals gehüllt laut zu beten. Die Folge: Fünf Feministinnen wurden von der Polizei am heiligsten Ort des Judentums festgenommen.

Die Frauen hätten gegen Auflagen verstoßen, erklärte eine Sprecherin. Die Regeln bekräftigte der Oberste Gerichtshof Israels 2003. Demnach ist das Tragen der Gebetsschals und das laute Lesen aus der Tora Männern vorbehalten.

Der Rabbi der Klagemauer hat dies mit Verweis auf althergebrachte, religiöse Praktiken so verfügt, die Polizei muss es dem Richterspruch zufolge durchsetzen. Zuwiderhandlungen gegen den Gerichtsbeschluss können mit bis zu sechs Monaten Gefängnis und rund 2300 Euro Geldstrafe geahndet werden.

Die private Organisation "Frauen der Mauer" will die Regeln ändern. Sie setzt sich dafür ein, dass auch Frauen an der Klagemauer so beten können wie die Männer. Die Frauen beten zwar auch an der Mauer, haben ihren Bereich, sie verneigen sich gen Osten, bewegen ihre Lippen - doch sie tun es stumm.

Allein in den vergangenen sechs Monaten wurden 48 Aktivistinnen von der Klagemauer abgeführt. Seit gut zwei Jahren konnte die Frauengruppe nicht ein einziges Mal beten, ohne dass eine von ihnen festgenommen worden wäre.

Der Vorsitzende der Einwanderungsbehörde Jewish Agency, Nathan Scharanski, soll den jahrelangen Streit schlichten. Zusätzlich zu den Männer- und Frauensektionen an der Mauer solle ein dritter Bereich eingerichtet werden, wo beide Geschlechter gleich behandelt werden, schlug er vor. Die Kontrahenten hätten das positiv aufgenommen, schrieb die Zeitung "Jerusalem Post". Ungeklärt aber ist, ob dieser neue Bereich am Rande oder im Zentrum der Mauer sein könne.

Wie festgefahren der Streit ist, zeigt sich an einem weiteren Vorfall vom Donnerstag: Auch ein ultraorthodoxer Jude wurde festgenommen, der versuchte, eine der althebräischen Bibeln der Frauen in Brand zu setzen. Der Polizei zufolge wurde er zum Verhör abgeführt. Strenggläubige Juden an der Mauer versuchten durch lauteres Beten die Gesänge der Frauengruppe vor der Westmauer des Tempelbergs zu übertönen.

Die Klagemauer ist die westliche Begrenzungsmauer des Zweiten Tempels der Juden, den die Römer im Jahr 70 zerstörten, wobei nur dieser bauliche Rest erhalten blieb.

heb/AFP/dpa

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