Soldaten im Westjordanland "Legt das Gewehr weg und schlagt zu"

Jüdische Siedler bestimmen maßgeblich das Handeln der israelischen Armee im Westjordanland. Zeugenaussagen von Soldaten belegen das Ausmaß der Zusammenarbeit in den besetzten Gebieten.

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"Er lebt noch, der Hund", schreit eine Stimme im Video, "vielleicht trägt er eine Bombe." Kurze Zeit später fällt ein Schuss. Der israelische Soldat Elor Azaria exekutiert den wehrlos am Boden liegenden Palästinenser Abdel Fattah Al-Sharif aus nächster Nähe. Am Tatort stehen nicht nur Soldaten, sondern auch zahlreiche ortsansässige Siedler aus Hebron. Die Stimme, die im Video zu hören ist, gehört zu einem von ihnen. Nach der Tat legt der Soldat Azaria seine Waffe weg und schüttelt die Hand von Baruch Mazel, dem als radikal geltenden Anführer der jüdischen Siedler in der Stadt.

Der Soldat Elor Azaria wurde kürzlich von einem Gericht in Tel Aviv wegen Totschlags verurteilt. Der umstrittene Fall löste Diskussionen und Proteste in Israel aus - viele sehen in Azaria einen Helden. Was bisher aber kaum in Frage gestellt wurde, ist die Rolle, welche die Siedler am Tatort spielten. Deren Einmischung in Angelegenheiten der Armee ist kein Einzelfall. Neue Zeugenaussagen von israelischen Soldaten - gesammelt von der NGO Breaking the Silence - zeigen nun, wie problematisch das Verhältnis zwischen Siedlern und Soldaten in den besetzten Gebieten ist.

Dean Issacharoff, 25, war vier Jahre lang bei den israelischen Streitkräften tätig und als Soldat unter anderem in Hebron stationiert. Er berichtet von der Beziehung zu den Siedlern: "Anfangs waren sie sehr freundlich. Sie haben uns zum Grillen eingeladen und am Schabat waren wir zum Mittagessen in Baruch Mazels Haus." Jenen Soldaten, die Nachtschichten an den Kontrollpunkten schoben, hätten die Siedler Tee und Kekse gebracht. Doch das sei nur die eine Seite der Medaille.

"Siedler nannten mich einen Nazi"

"Wenn man nicht in ihrem Interesse handelt, dann üben sie Druck aus", erzählt Issacharoff. Oft seien sie extrem aggressiv. Die Palästinenser vor Ort hätten Angst vor ihnen. Einmal habe er mit seinem Zug eine palästinensische Familie zu deren Haus begleitet, um sie vor wütenden Jugendlichen zu schützen. Siedler hätten gesagt, "ich solle mich schämen. Sie nannten mich einen Nazi." Viele Soldaten wüssten nicht, wie sie mit solchen Situationen umgehen sollen. Sie seien jung und hätten wenig Ahnung von Politik. "Man wird trainiert für den Krieg, und dann wird man eingesetzt als eine Art Polizist."

IM VIDEO: Dean Issacharoff über seine Erlebnisse als Soldat in Hebron

Für die Palästinenser im Westjordanland gilt Militärrecht. Das heißt, sie können von Soldaten angehalten, kontrolliert und verhaftet werden. "Das Grundproblem ist, dass wir für die Siedler nicht zuständig sind", so Issacharoff. Denn für die Siedler im Westjordanland gilt ziviles Recht. Das heißt, die Soldaten müssen die Polizei rufen, wenn einer von ihnen gewalttätig wird. Doch die Beamten würden oft erst viel zu spät eintreffen. "Ich habe die nie einen Siedler festnehmen sehen", sagt Issacharoff.

Die Probleme reichen noch tiefer. Breaking the Silence beschreibt in einem neuen Bericht, wie intensiv Siedler und Armee zusammenarbeiten. "Seite an Seite mit der Armee nehmen einige von ihnen direkt daran teil, die Herrschaft des Militärs über die palästinensische Bevölkerung durchzusetzen." Laut Zeugenaussagen seien die Siedler an militärischen Operationen beteiligt, fungierten als Führer und erteilten den Soldaten sogar Befehle.

Soldaten schildern Verstöße gegen internationales Recht

Ex-Soldatin Bubis: Die Siedler waren für sie keine Zivilisten, sie gingen beim Militär ein und aus.

Ex-Soldatin Bubis: Die Siedler waren für sie keine Zivilisten, sie gingen beim Militär ein und aus.

Die ehemalige Soldatin Frima Bubis, 23, diente in der Nähe der Stadt Nablus. Sie beschreibt, wie die sogenannten "zivilen Sicherheitschefs" der Siedler auf der Armeebasis ein- und ausgingen. "Wir sahen sie nicht als Zivilisten, sie hatten Zugang zur Operationszentrale", berichtet Bubis. Sie hätten an Planungstreffen und militärischen Übungen teilgenommen und den Armeefunk mitgehört. Außerdem hätten solche bewaffneten Sicherheitsleute der Siedler gemeinsam mit den Soldaten in arabischen Dörfern patrouilliert. Das stellt eine Verletzung internationalen Rechts dar, das eine solche Vermischung von militärischen und privaten Sicherheitskräften untersagt.

Ex-Soldat Erez: Wir fragten, was sollen wir tun? Die Antwort: Legt die Uniform ab und schlagt zu.

Ex-Soldat Erez: Wir fragten, was sollen wir tun? Die Antwort: Legt die Uniform ab und schlagt zu.

Wie machtlos die Soldaten gegenüber den Siedlern sind, beschreibt Ori Erez, 30, der in einer Aufklärungseinheit diente, die unter anderem für die Siedlung Yitzhar zuständig war. Yitzhar gilt als Hochburg von jüdischen Extremisten. Regelmäßig kommt es zu gewalttätigen Zusammenstößen mit Palästinensern - und mit der Armee. Mehrfach schnitten Siedler die Autoreifen von Militärfahrzeugen auf, warfen Steine, streuten Nägel und Scherben auf die Straße.

Jugendliche bedrohten einen von Erez' Kameraden sogar mit Messern. Der habe daraufhin in die Luft geschossen - und sich von seinen Kommandeuren eine Rüge eingeholt. Schließlich sei die Armee für die Siedler nicht zuständig. "Wir haben dann gefragt, was wir in so einem Fall tun sollen", erzählt Erez. "Die Antwort lautete: Legt euer Gewehr weg und schlagt zu. Als Soldaten sei es uns nicht erlaubt zu reagieren, nur als Zivilisten." Dass diese Variante schwer durchführbar sei, erkläre sich von selbst.

Israels Armee weist die Vorwürfe zurück

Der Chef der Armee, Gadi Eizenkot, erklärt zu den Vorwürfen von Breaking the Silence in einem Brief: "Die Behauptung, dass die bestehende Beziehung die Soldaten bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben störe, ist unwahr." Zivile Sicherheitschefs hätten keine Befehlsgewalt über Soldaten, seien aber als legale Sicherheitskräfte anerkannt. Zu ihren Aufgaben gehöre es, der Armee zu helfen und Informationen weiterzugeben. Die Beziehung zwischen Militär und Siedlern sei "ein signifikanter Faktor für die Kapazität der Armee bei der Erfüllung der Sicherheitsverantwortung in den Gebieten".

Soldaten sei es nicht verboten, an Veranstaltungen der Gemeinden teilzunehmen oder Einladungen von Siedlern nach Hause anzunehmen, so die Armee zu SPIEGEL ONLINE. Geschenke anzunehmen sei aber nicht erlaubt - weder von Siedlern noch von Palästinensern.

"Das zeigt, dass der Chef der Armee weit weg ist von der Realität vor Ort", sagt Dean Issacharoff, der Soldat, der einst in Hebron diente. Ähnlicher Meinung waren auch viele Soldaten, als sich Elor Azaria wegen Totschlags vor Gericht verantworten musste. Sie empfanden den Prozess als ungerecht. Die Armeeführung, die sich umgehend von der Tat distanzierte, hätte den jungen Soldaten im Stich gelassen.

"Natürlich ist Elor Azaria verantwortlich und muss zur Rechenschaft gezogen werden", findet Issacharoff. Doch der tödliche Schuss auf einen wehrlosen Palästinenser in Hebron habe ihn keinesfalls überrascht. "Solche Vorfälle sind angesichts der Umstände unvermeidbar", sagt er, "das ist das Ergebnis von 50 Jahren Besatzung."

IM VIDEO: Ehemalige Soldaten brechen ihr Schweigen über Hebron

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