Israel Netanjahu geißelt Scharon als Anwalt Groß-Palästinas

Israels ehemaliger Regierungschef Netanjahu zieht in die Schlacht gegen Ministerpräsident Scharon. Er besuchte eigens ein höchst umstrittenes Siedlungsgebiet bei Jerusalem, um Scharon vorzuwerfen, ein "Groß-Palästina" zu ermöglichen.


Netanjahu bei der Siedlung Maale Adumim: Provokativer Auftritt
AP

Netanjahu bei der Siedlung Maale Adumim: Provokativer Auftritt

Jerusalem - Im partei-internen Machtkampf mit dem israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon greift Benjamin Netanjahu eine Begrifflichkeit auf, mit der man seinen Gegner in Verbindung brachte: Scharon wolle mit seiner offensiven Siedlungspolitik ein Groß-Israel schaffen, hieß es immer. Nun wirft ihm Netanjahu vor: "Scharon hat die Schaffung von Groß-Jerusalem verhindert, stattdessen ermöglicht er ein Groß-Palästina."

Die Angriffe auf seinen bisherigen Regierungschef - Netanjahu zog sich erst kürzlich aus dem Kabinett Scharon zurück - fuhr der Hardliner innerhalb des Likud-Blocks demonstrativ in einem sehr umstrittenen Siedlungsgebiet östlich von Jerusalem. "Wir müssen die Belagerung von Jerusalem durchbrechen, Scharon hat alle Bauvorhaben hier eingefroren", sagte der Politiker israelischen Radiosendern zufolge bei seinem Besuch in der so genannten Zone E-1 im besetzten Westjordanland.

Netanjahu hatte am Vortag angekündigt, Scharon als Vorsitzender der rechten Likud-Partei ablösen und bei den partei-internen Vorwahlen um die Spitzenkandidatur für die nächste Parlamentswahl gegen ihn antreten zu wollen. Die derzeit unbebaute Zone E-1 liegt zwischen Jerusalem und der großen Siedlung Maale Adumim. Die USA und die EU hatten in der Vergangenheit Israel davon abgeraten, Bauten in E-1 zu errichten. Zusammen mit Maale Adumim schneidet dieses Gebiet tief in das palästinensische Land ein.

Mit seinem Auftritt in E-1 erinnerte Netanjahu nachdrücklich daran, dass sein innerparteilicher Erzrivale Scharon die in der Vorwoche abgeschlossene Räumung von 25 jüdischen Siedlungen in den Palästinensergebieten gegen den Mehrheitswillen im Likud durchgesetzt hatte. Im Scharon-Lager löste der Besuch allerdings eher hämische Reaktionen aus. "Nach drei Jahren als Ministerpräsident und drei weiteren als Minister hat er plötzlich E-1 entdeckt", erklärte ein Scharon-Sprecher. Netanjahu hatte als Mitglied des Scharon-Kabinetts die Räumungsentscheidung mitgetragen und war erst kurz vor Evakuierungsbeginn als Finanzminister zurückgetreten.

Die israelische Staatsanwaltschaft erhob indessen Anklage gegen einen israelischen Extremisten, der Mitte August vier Palästinenser erschossen hatte, wie der israelische Rundfunk berichtete. Ascher Weisgan wird beschuldigt, vor der Siedlung Shilo bei Jerusalem zunächst auf zwei palästinensische Arbeiter in seinem Fahrzeug und dann auf eine Gruppe von palästinensischen Passanten geschossen zu haben. Der Vorfall ereignete sich am 17. August, dem ersten Tag der Zwangsevakuierung der 25 jüdischen Siedlungen. In ersten Verhören hatte Weisgan erklärte, er habe mit der Tat die Räumung der Siedlungen verhindern wollen.



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