Protest gegen Polizeigewalt in Israel "Beendet das Töten, beendet den Rassismus"

In Israel gehen seit Tagen äthiopische Juden gegen Diskriminierung und Polizeigewalt auf die Straße. Sie sehen in dem gewaltsamen Tod eines 18-Jährigen ein Fanal für alltäglichen Rassismus.

Sicherheitskräfte in Israel führen eine Frau ab: Auslöser der Proteste war der Tod des 18-jährigen Solomon Tekah
Ahmad GHARABLI / AFP

Sicherheitskräfte in Israel führen eine Frau ab: Auslöser der Proteste war der Tod des 18-jährigen Solomon Tekah

Von Alexandra Rojkov


Sie riefen "Beendet das Töten, beendet den Rassismus", als sie sich den Autos entgegenstellten. Hunderte Menschen blockierten am Dienstag den Ayalon Highway, die Stadtautobahn von Tel Aviv. Die Wut schlug bald in Gewalt um: Autos und Reifen brannten, Gegenstände flogen durch die Luft. Dutzende Polizisten und Demonstranten wurden verletzt, mindestens 136 Menschen festgenommen.

Seit Tagen wird Israel von Protesten erschüttert. Doch anders als sonst so oft gehen dieses Mal nicht Palästinenser auf die Straße. Es sind Israelis mit äthiopischen Wurzeln, die gegen Diskriminierung und Polizeigewalt demonstrieren.

Auslöser ist der Tod des 18-jährigen Solomon Tekah. Tekah, ein in Äthiopien geborener Jude, war am vergangenen Sonntag in Haifa von einem Polizisten erschossen worden. Die Umstände sind unklar: Nach Angaben der Behörden wollte der Polizist einen Streit zwischen zwei Jugendlichen schlichten, die ihn daraufhin mit Steinen bewarfen. Der Beamte schoss in Notwehr - so die offizielle Darstellung. Ein Augenzeuge widerspricht dieser Version laut israelischen Medien: Tekah sei für den Polizisten keine Gefahr gewesen. Unklar ist auch, ob der Beamte direkt auf den Jugendlichen zielte oder die Kugel womöglich vom Boden abprallte und Tekah aus Versehen traf.

Im Video: Hunderte demonstrieren gegen Polizeigewalt

JACK GUEZ /AFP

Fakt ist, dass der junge Mann nach dem Vorfall starb. Seine Familie spricht von "Mord". Viele andere äthiopische Israelis sehen in Tekahs Tod mindestens einen Fall von sinnloser Polizeigewalt. Und nicht den ersten.

Die Gemeinschaft, zu der rund 150.000 der neun Millionen Israelis gehören, beklagt seit Jahren Diskriminierung, auch durch die Polizei. Schon 2015 gingen Hunderte äthiopische Juden auf die Straße. Damals war bekannt geworden, dass ein schwarzer Israeli über den Grenzzaun in den Gazastreifen geklettert war. Der Mann soll psychisch krank gewesen sein, bis heute gibt es von ihm kein offizielles Lebenszeichen. Wäre er ein weißer, europäischer Jude, sagen viele äthiopische Israelis, hätte die Regierung ihn längst aus dem Gazastreifen herausgeholt.

Die meisten äthiopischen Juden fühlen sich in Israel heimisch

Israel ist ein multikultureller Staat: Die Bewohner des Landes stammen aus mehr als hundert Nationen. Doch die Einwanderungsgeschichte der äthiopischen Juden ist außergewöhnlich. Sie wurden von Mitte der Achtzigerjahre an in mehreren Operationen aus Afrika ausgeflogen, weil ihnen dort Hunger und Verfolgung drohten. Für kaum eine Gruppe war der Umzug ins moderne Israel ein größerer Kulturschock: Viele Äthiopier konnten bei ihrer Ankunft nicht einmal lesen und schreiben. Ihre Integration in die israelische Gesellschaft dauerte entsprechend länger. Noch heute brechen äthiopischstämmige Juden öfter die Schule ab und besuchen seltener die Universität als der Durchschnitt der jüdischen Bevölkerung. Sie leben häufiger in Armut und sind öfter arbeitslos.

Auch viele gut integrierte Juden aus Äthiopien klagen über Benachteiligung. Die Organisation Tebeka, die sich für die Rechte äthiopischstämmiger Juden einsetzt, bekommt nach eigenen Angaben im Jahr 1100 Beschwerden. "Sie erzählen zum Beispiel, dass man sie nicht einstellen will oder grundlos entlässt", sagt Fentahun Assefa-Dawit, der Tebeka leitet.

"Einige Kinder wurden nicht an Schulen aufgenommen, weil man dort keine äthiopischen Juden will."

In israelischen Medien finden sich noch eindeutigere Fälle von Diskriminierung. 2012 soll die Eigentümergemeinschaft einer israelischen Stadt abgelehnt haben, Häuser an äthiopische Juden zu verkaufen. Es gibt Berichte über Busfahrer, die äthiopischen Juden den Zutritt verwehrt und sie rassistisch beschimpft hätten. Auch Polizeigewalt gegen äthiopische Juden ist dokumentiert.

Es sind Einzelfälle, die meisten äthiopischen Juden fühlen sich heimisch. Doch für die Community steht fest, dass Tekah vorsätzlich oder zumindest ohne Not getötet wurde.

"Ich würde gerne versprechen, dass Solomon der letzte ist. Aber ich denke, wir werden uns bei einer anderen Beerdigung wiedersehen", sagte der äthiopischstämmige Knesset-Abgeordnete Gadi Yevarkan laut "Jerusalem Post" bei Tekahs Beerdigung.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zeigte in einer Mitteilung Verständnis für die Gemeinschaft. "Ich weiß, dass es Probleme gibt, die gelöst werden müssen." Rechtsbrüche würden nicht toleriert. Tekahs Familie hat sich inzwischen dafür ausgesprochen, die Proteste zu unterbrechen. Wenigstens für ein paar Tage.

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