Israel Razzien in der Westbank, Militäroffensive im Gaza-Streifen

Festnahmen, Raketen, Luftangriffe: Die Eskalation im Nahen Osten geht weiter. Ministerpräsident Scharon kündigte an, Israel werde mit allen Mitteln gegen Extremisten vorgehen. Hamas schwört Rache. Der Militärchef des "Islamischen Dschihad" kam ums Leben.


Krater im Gaza-Streifen: Vergeltung für Raketenbeschuss
REUTERS

Krater im Gaza-Streifen: Vergeltung für Raketenbeschuss

In der größten Razzia seit Monaten nahm die israelische Armee im Westjordanland 207 mutmaßliche Extremisten fest. Darunter befinden sich auch zwei Anführer der radikal-islamischen Organisation Hamas. Die Armee teilte mit, die Festnahmen gehörten zu einer Reihe von Maßnahmen, mit denen die Palästinenser von einem weiteren Raketenbeschuss Israels abgehalten werden sollen.

Außerdem wurde die Armee zum ersten Mal seit der im Februar geschlossenen Waffenruhe wieder ermächtigt, radikale Palästinenser gezielt zu töten. Am Abend wurde der Chef des militärischen Flügels des Islamischen Dschihad im Gazastreifen, Mohammed Khalil, bei einem Raketenangriff getötet. Als Reaktion darauf kündigte ein weiterer Führer der Gruppe die Waffenruhe auf.

Am Morgen feuerte zudem ein israelischer Militärhubschrauber zwei Raketen auf Gebiete im Norden des Gaza-Streifens. Aus Kreisen der Armee verlautete, dort sei auf Gebäude von militanten Palästinensern gezielt worden. Berichte über Opfer gab es zunächst nicht. Bereits gestern waren bei ähnlichen Luftangriffen zwei Extremisten getötet worden.

Die gegenwärtige Eskalation ist der schwerste Gewaltausbruch im Nahen Osten seit dem Rückzug Israels aus dem Gaza-Streifen vor knapp zwei Wochen. Sie begann am Freitag, als bei einer Hamas-Versammlung im Gaza-Streifen 15 Menschen durch eine Explosion getötet wurden. Die Hamas machte Israel dafür verantwortlich und feuerte im Gegenzug mindestens 40 Raketen auf israelisches Gebiet. Israel hat die Vorwürfe zurückgewiesen. Die palästinensische Autonomiebehörde geht davon aus, dass es sich bei dem Zwischenfall um einen Unfall unter Hamas-Mitgliedern gehandelt hat, die mit Sprengstoff hantierten.

Zerstörte Hauswand: Luftangriffe im Gaza-Streifen
AFP

Zerstörte Hauswand: Luftangriffe im Gaza-Streifen

Scharon sagte vor Mitgliedern seiner Regierung, die Militärschläge würden andauern. Ziel sei, die Palästinenser von neuen Raketenangriffen auf Israel abzuhalten. Er habe angeordnet, dass rückhaltlos alle Mittel im Kampf gegen Extremisten und zur Zerstörung ihrer Ausrüstung und ihrer Verstecke eingesetzt werden sollten. Wörtlich erklärte er zu Beginn der heutigen Kabinettssitzung, er werde der Armee "keinerlei Beschränkungen in ihrem Kampf gegen die Terroristen auferlegen". Dabei handele es sich nicht um eine einmalige, sondern um eine andauernde Maßnahme. Scharons Regierung ermächtigte die Armee, Ziele im Gaza-Streifen mit Artillerie zu beschießen. Wie Regierungsbeamte mitteilten, schließt der Einsatz notfalls auch einen Einmarsch mit Bodentruppen ein. Dieser werde in den nächsten Tagen erfolgen, falls die palästinensische Autonomiebehörde nicht konkrete Schritte unternehme, um die Raketenangriffe der extremistischen Hamas-Bewegung zu stoppen, hieß es aus Sicherheitskreisen.

Der palästinensische Chefunterhändler Saeb Erekat forderte die USA auf, Israel zum Einhalten zu bewegen. Die Angriffe und die Festnahmen zeigten in eine Richtung, nämlich zum Bruch des Waffenstillstands, sagte Erekat. Die radikale Hamas kündigte nach den Luftangriffen auf Gaza an, "mit aller Macht zurückzuschlagen."



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