Israel Rückzug in Raten

Die israelische Armee hat bis zum Sonntagmorgen ihre Truppen aus der Stadt Nablus und weiten Teilen Ramallahs im Westjordanland abgezogen. Die Belagerung des Amtssitzes von Palästinenserpräsident Jassir Arafat und der Geburtskirche in Bethlehem wird aber offenbar fortgesetzt.


Israelische Panzer: Rueckzug aus Ramallah
AP

Israelische Panzer: Rueckzug aus Ramallah

Jerusalem - Augenzeugen hatten bereits am späten Samstagabend berichtet, dass sich Panzer und andere Militärfahrzeuge aus dem Zentrum von Ramallah zurückgezogen hätten. Wie es am Morgen im israelischen Rundfunk weiter hieß, hätten die Truppen Position rund um Nablus und Ramallah bezogen, um Terroristen am Verlassen der Städte zu hindern.

Ramallah war am 29. März nach einer Serie palästinensischer Terroranschläge in Israel besetzt worden. Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon hat angekündigt, dass die Belagerung Arafats erst dann beendet wird, wenn dieser mehrere Männer ausliefert, die von Israel im Zusammenhang mit dem Mord an dem israelischen Tourismusminister Rechawam Seewi und illegalen Waffenkäufen gesucht werden. Aus Bethlehem will sich die Armee erst zurückziehen, wenn sich die dort seit Wochen in der Geburtskirche verschanzten rund 200 Palästinenser ergeben haben.

Bereits am Freitag hatte sich die Armee aus dem Zentrum der autonomen Palästinenserstadt Dschenin zurückgezogen und einen Belagerungsring um die Stadt und das stark zerstörte Flüchtlingslager gezogen. Nach palästinensischen Angaben haben die israelischen Soldaten während der Militäroperationen in dem Lager ein Massaker mit mehreren hundert toten Palästinensern angerichtet. In der Nacht zum Samstag hatte der Weltsicherheitsrat die Entsendung einer Kommission zur Untersuchung der Vorwürfe beschlossen.

In der Resolution wurde Generalsekretär Kofi Annan gebeten, durch ein Untersuchungsteam genaue Informationen über die jüngsten Geschehnisse in Dschenin einzuholen. Das höchste UN-Gremium erklärte sich besorgt über die schlimme humanitäre Situation der palästinensischen Zivilbevölkerung, ganz besonders über Berichte von einer unbekannten Zahl Toter und Verletzter in Dschenin. Nachdrücklich verwies der Rat auf die Dringlichkeit, medizinischen und humanitären Organisationen Zugang zum Flüchtlingslager zu verschaffen.

Der israelische Rundfunk berichtete am Samstag, die Regierung in Jerusalem sei bereit, der Untersuchungskommission Tonaufzeichnungen von der Operation der Armee im Flüchtlingslager von Dschenin zur Verfügung zu stellen. Außerdem könne sie Soldaten und Offiziere vernehmen, die an der Offensive beteiligt waren.

Ausdrücklich von diesem Angebot ausgenommen ist allerdings der Sondergesandte der Vereinten Nationen, Terje Roed-Larsen. Der israelische Verteidigungsminister Benjamin Ben-Elieser warf ihm am Sonntag Aufhetzung gegen Israel vor. Ben-Elieser sagte im israelischen Rundfunk, Larsen habe hinsichtlich der Vorgänge in dem Flüchtlingslager von Dschenin komplett die palästinensische Sichtweise übernommen. Nach einem Besuch in dem Lager hatte Larsen unter anderem gesagt, der grausige Anblick vor Ort übersteige jede Vorstellungskraft und von einem beschämenden Kapitel der Geschichte Israels gesprochen. Die Palästinenser und Menschenrechtsorganisationen werfen Israel ein Massaker im Lager von Dschenin vor.

Ben-Elieser betonte, Israel habe nichts zu verbergen und werde voll mit dem UN-Untersuchungsteam zusammenarbeiten, das die jüngsten Geschehnisse in Dschenin prüfen soll. Er habe UN-Generalsekretär Kofi Annan jedoch gebeten, professionelle und nicht politische Personen in das Team aufzunehmen. Israel ist gegen eine Teilnahme Larsens, der UN-Menschenrechtskommissarin Mary Robinson und des Leiters der UN-Hilfsorganisation UNWRA, Peter Hansen, denen es anti-israelische Positionen vorwirft.

Israelische Zeitungen schrieben am Sonntag, der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon erwäge, Larsen wegen seiner Reaktion auf die Ereignisse in Dschenin zur "Persona non grata" in Israel zu erklären. Regierungskreise in Jerusalem bezeichneten Larsen inzwischen als "Arafats Sprecher", hieß es.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.