Israels Ultraorthodoxe gegen Wehrpflicht Beten statt kämpfen

In Israel müssen alle jüdischen Männer und Frauen Wehrdienst leisten - außer die Ultraorthodoxen. Das Oberste Gericht will das nun nach jahrelangen Debatten und Protesten endgültig ändern. Die Folge: Gewalt.

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Tausende ultraorthodoxe Männer protestieren. Sie blockieren in Jerusalem die Straßen, werfen Steine, bringen die Straßenbahn zum Stillstand und liefern sich Kämpfe mit der Polizei. Die Beamten setzen Reiterstaffeln ein und nehmen immer wieder Dutzende Demonstranten fest.

Seit Mitte Oktober geht das so in der heiligen Stadt, aber auch an anderen Orten in Israel. Der Grund: Die Ultraorthodoxen sollen Wehrdienst leisten, weigern sich aber vehement.

In Israel müssen jüdische Männer drei Jahre zur Armee, Frauen für zwei Jahre. Ausgenommen sind bislang nur die Ultraorthodoxen, die an Religionsschulen eingeschrieben sind. Das hat historische Gründe.

Jahrzehntelanger Kampf um einen Kompromiss

Unter den von den Nationalsozialisten im Holocaust ermordeten Juden waren viele Ultraorthodoxe. Entsprechend wenige Männer und Frauen dieser Strömung des Judentums lebten 1948 zwischen Mittelmeer und Jordan, als in jenem Jahr der Staat Israel ausgerufen wurde.

Staatsgründer David Ben-Gurion sah kein Problem darin, der kleinen Minderheit entgegenzukommen und befreite die damals wenigen hundert begabten Talmudstudenten in den religiösen Schulen vom Dienst an der Waffe.

Für den eingefleischten Sozialisten Ben-Gurion, der von einem Paradies der Werktätigen in der Levante träumte, schien es undenkbar, dass die Ultraorthodoxie in Israel wieder wachsen würde. Das Gegenteil trat ein: Heute leben zwischen Akko und Aschdod Zehntausende ultraorthodoxe Männer, die beten statt kämpfen. Nicht alle sind so begabt, dass sie in den Talmudschulen eingeschrieben sein müssten, viele nutzen diese Lücke im Gesetz aber.

Oberstes Gericht spricht sich für Wehrpflicht aus

Nun ist der seit Jahren schwelende Streit über die Wehrpflicht für Ultraorthodoxe wieder eskaliert. Die Gründe: Erst hat das Oberste Gericht im September endgültig entschieden, dass die Ausnahmeregelung nicht mehr gelten dürfe. Die Richter legten fest, dass die Politiker binnen eines Jahres einen Kompromiss finden müssen. Dann waren Anfang Oktober zwei Talmudstudenten zu 20 Tagen Militärgefängnis verurteilt worden, nachdem sie sich dem Dienst an der Waffe verweigert hatten.

In der Folge kam es in den vergangenen Wochen zu den heftigen Protesten. Besonders ein Video sorgte Mitte Oktober für Aufregung. Es zeigt ultraorthodoxe Demonstranten in Jerusalem, die eine israelische Soldatin umringen, bespucken und beschimpfen. Die junge Frau hatte versucht, einem Auto den Weg durch die aufgebrachte Menschenmenge zu bahnen und musste sich in Kung-Fu-Manier verteidigen.

In Israel wächst in weiten Teilen der Gesellschaft angesichts solcher Bilder und Aktionen die Wut auf die religiösen Männer. Auch in der sehr heterogenen ultraorthodoxen Gemeinschaft selbst, die sich in zahlreiche Gruppen und Untergruppen aufteilt, macht sich Unmut breit.

Machtkämpfe unter den Ultraorthodoxen

Der Grund: Nicht wenige Fromme fürchten pauschal verurteilt und verantwortlich gemacht zu werden für die Gewalt. "De facto steckt aber nur eine kleine Gruppe dahinter, die sogenannte 'Jerusalem-Fraktion'", sagt Daniel Mahla vom Zentrum für Israel-Studien an der LMU München.

Es handele sich dabei um eine radikale Strömung, die erst 2012 entstanden sei, nachdem ein einflussreicher Rabbiner, Joseph Schalom Eliaschiv, gestorben war. "In der Ultraorthodoxie klären die höchsten rabbinischen Autoritäten nicht nur rein religiöse Fragen, sondern entscheiden auch über gesellschaftliche und politische Diskussionen", so Mahla. Das weckt Begehrlichkeiten.

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Gespaltene Gesellschaft: Kampf um den Wehrdienst

Seit dem Tod Eliaschivs kämpfen die verschiedenen Gruppen um die Macht. Die "Jerusalem-Fraktion" versuche mit ihrem Protest gegen den Wehrdienst - den alle Ultraorthodoxen im Grundsatz teilen - ihren Führungsanspruch zu untermauern.

Dabei schrecken sie auch nicht davor zurück, andere Ultraorthodoxe anzugreifen. Einem Bericht der Tageszeitung "Haaretz" zufolge stürmten sie vor wenigen Tagen sogar den Unterricht eines gegnerischen Rabbiners in Petach Tikva, Jigal Rosen. Die Aktion schlug fehl. Seine Schüler wehrten sich und beförderten einen der Randalierer wieder vor die Tür - nackt. Rosen verglich die Gruppe anschließend mit der Terrormiliz "Islamischer Staat" und Joseph Goebbels.

Bislang ging die Rechnung der "Jerusalem-Fraktion" also nicht auf. Mehr noch: In dieser Woche hat erstmals in der Geschichte des Landes eine Vielzahl führender ultraorthodoxer Rabbiner die gewaltsamen Aktionen verurteilt.

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