Hype um israelischen Facebook-Post Auf ins Pudding-Paradies!

"Schokopudding, 19 Cent": Der skurrile Facebook-Post eines jungen Israelis aus Berlin sorgt in seiner Heimat für Furore. Zehntausende würden am liebsten sofort nach Deutschland auswandern - ins Land der billigen Lebensmittel.
Kippa vor dem Brandenburger Tor: Geschätzte 25.000 Israelis leben bereits in Berlin

Kippa vor dem Brandenburger Tor: Geschätzte 25.000 Israelis leben bereits in Berlin

Foto: © Thomas Peter / Reuters/ REUTERS

Berlin - Seit er seinen Kassenbon auf Facebook gepostet hat, prasseln die Anfragen nur so auf den jungen Israeli ein. Drei Becher Schokoladenpudding stehen darauf - mit Sahnehaube. "Milky", wie sie in Israel liebevoll genannt werden, je 19 Cent. Unschlagbar günstig.

"Kauft irgendwo in Israel genau dieselben Sachen", fordert der 25-Jährige seine Leser auf. Selbst beim israelischen Discounter würde der Pudding das Vielfache kosten. "Wir sehen uns in Berlin!", schreibt er. Soll heißen: Israelis, kommt nach Deutschland! Da ist das Leben billiger.

Die Pudding-Herausforderung sorgt für Aufregung in Israel. Selbst Regierungsmitglieder haben darauf bereits reagiert. Stolz zeigt der junge Israeli SPIEGEL ONLINE auf seinem Laptop die Statistik: Nach gerade einmal vier Tagen haben bereits über eine Million Menschen seinen Facebook-Post gesehen. Israel hat acht Millionen Einwohner.

Bisher hat der israelische Berlin-Auswanderer alle Interviews abgelehnt. Doch er ist bereit, SPIEGEL ONLINE zu treffen, wenn sein Name nicht veröffentlicht wird und nichts, was ihn identifizieren könnte. Er will, dass das Thema im Vordergrund bleibt, nicht seine Person.

Der 25-Jährige hat mit Anfeindungen gerechnet - und vorgesorgt. Nur seine Eltern und zwei gute Freunde wissen, dass er hinter der Seite steckt. Er weiß, dass er mit dem Pudding-Post provoziert. Seine Facebook-Seite  heißt "Olim le Berlin". Das ist auf Hebräisch mehr als "Auswandern nach Berlin". Es setzt den Exodus nach Deutschland mit der Aliya gleich, der Einwanderung ins gelobte Land.

"Es geht um mehr als Pudding"

Schon jetzt sind die Reaktionen extrem. Finanzminister Yair Lapid hat ihn einen "Antizionisten" genannt, gewissermaßen einen Landesverräter. Manche in Israel behaupten, er sei gar kein Israeli, sondern jemand, der dem Land schaden wolle. Zum Beweis zeigt er SPIEGEL ONLINE seinen israelischen Reisepass und Ausweis.

"Es geht doch um viel mehr als den Pudding", sagt er. "Ich bin Teil einer Generation, die für sich in Israel derzeit keine Perspektive sieht. Meine Eltern haben ihr ganzes Leben lang gearbeitet und können sich keine Wohnung leisten. Es gibt Großeltern, die sich ihre Medikamente nicht kaufen können und im Winter stellen sie die Heizung nicht an, weil der Strom so teuer ist." Da steht der teure Pudding symbolisch für eine Gesellschaft in Schieflage.

Israel gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Doch kein Mitgliedstaat der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), dem Klub der reichen Demokratien, hat so viel Armut: Fast 21 Prozent der Bevölkerung gelten als arm. Zwischen immer steigenden Preisen und niedrigem Einkommen leidet die Mittelschicht.

Vor drei Jahren hatte ein Facebook-Post über teuren Hüttenkäse Demonstrationen für mehr soziale Gerechtigkeit ausgelöst. Seitdem sind die Preise weiter gestiegen.

"Gebt uns Visa, um in Deutschland zu arbeiten"

"Unser Premierminister redet nur von der Bedrohung durch Iran oder durch Raketen, aber von der Bedrohung durch die hohen Preise redet er nicht", sagt der 25-Jährige.

Seit seinem Pudding-Aufruf haben sich bei ihm Zehntausende Ausreisewillige gemeldet. Manche schicken ihm gleich ihren Lebenslauf mit. Der junge Mann arbeitet nun jeden Tag mehrere Stunden als Ausreiseberater: Er leitet Jobangebote weiter und schreibt Anleitungen, wie man sich auf Studentenvisa bewirbt und was eine Haftpflichtversicherung ist.

"Ich appelliere an die deutsche Regierung: Wenn ihr Israel helfen wollt, stellt uns 25.000 Visa zur Verfügung, um in Deutschland zu arbeiten", sagt er. "Wir versprechen, da kommen hochqualifizierte Leute. Niemand, der dem deutschen Staat auf der Tasche liegt." Deutsche Unternehmer, die helfen wollen, sollen sich bei ihm zu melden.

"Ich weiß, wo mein Zuhause ist"

Ausgerechnet Deutschland. In den israelischen Medien wurde er dafür heftig kritisiert. "Manche schreiben mir, dass ich mich dafür schämen sollte, dass Holocaust-Überlebende mitansehen müssen, wie junge Israelis nach Berlin ziehen." Doch er sieht es anders: "Deutschland ist kein antisemitisches Land. Zwischen jungen Israelis und Deutschen gibt es echte Freundschaften."

Sich selbst bezeichnet der 25-Jährige als Patrioten. "Ich mache das, um Israel zu helfen", sagt er. Er möchte ein paar Jahre in Berlin arbeiten, so lange, bis er etwas zusammengespart hat. Dann soll es zurück nach Tel Aviv gehen. "Ich weiß, wo mein Zuhause ist."

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