Israel und die Bombe Atomspion Vanunu begrüßt Ende der Heuchelei

18 Jahre saß Mordechai Vanunu im Gefängnis, weil er Geheimnisse über die israelische Atomanlage in Dimona preisgab. Das empfindet er als noch absurder, seit Regierungschef Olmert gestern Israel in die Reihe der Atommächte stellte. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Atomspion.

Von Alexander Schwabe


Hamburg - Es sei eines der Beispiele für die "Absurdität des politischen Lebens" in Israel, sagt Mordechai Vanunu im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE über das indirekte Bekenntnis von Ministerpräsident Ehud Olmert, dass Israel eine Atommacht sei. Das Absurde daran: 18 Jahre saß der 51-Jährige in Haft, elf davon in Einzelhaft, weil er das in Israel streng gehütete Geheimnis preisgab, Israel betreibe in der Negev-Wüste eine unterirdische Atomanlage - und nun hat der Regierungschef selbst geplaudert.

Vanunu: Ende der Heuchelei
DPA

Vanunu: Ende der Heuchelei

Seit seiner Entlassung aus der Haft vor zwei Jahren ist Vanunu, der in einem christlichen Konvent in Jerusalem lebt, noch immer kein freier Mann: Er darf das Land nicht verlassen und mit Ausländern keinen Kontakt aufnehmen. Zeitweise stand er unter Hausarrest und noch immer darf er keine Interviews geben. Doch Olmerts Geständnis nimmt der "Atomspion" als Freibrief, das Interview-Verbot zu ignorieren: "Wenn es der Premier gesagt hat, warum soll ich es dann nicht sagen dürfen?" Außerdem wisse ohnehin jeder, was Olmert nun verraten hat. Wo also liegt das Problem?

Das Problem für die israelische Regierung lag vor rund 20 Jahren darin, dass Vanunu Details über den Hochsicherheitstrakt Dimona verriet. Dimona, ein großes Areal in der Wüste, ist so geheim, dass vorbeifahrenden Autos nicht einmal gestattet wird, auf der am Absperrzaun entlang führenden Straße auch nur anzuhalten. Doch Vanunu beschrieb das Innenleben des atomaren Heiligtums. Dieses reiche bis zu 23 Meter unter die Erde. Selbst die CIA habe nichts über die wahren Dimensionen der Anlage gewusst. In den sechziger Jahren hätten US-Senatoren den Komplex mehrmals besucht. Man führte sie durch die beiden Stockwerke, die über der Erde lagen - die sieben Etagen unter Tage hätten die Amerikaner nie zu sehen bekommen. Vor Besuchen seien die Zugänge rechtzeitig zugemauert worden.

Vanunu verlor wegen Sparmaßnahmen seinen Job in Dimona. Er konvertierte zum Christentum und wurde zum Globetrotter. Es zog ihn nach Thailand, nach Nepal, nach Australien. In seinem Gepäck: Aufnahmen aus der Waffenfabrik. Als er einen Journalisten von der "Sunday Times" kennen lernte, verriet er die Geheimnisse von Dimona und übergab die Aufnahmen. Als Vanunus Geschichte veröffentlicht wurde, war der israelische Geheimdienst ihm bereits auf der Spur. In Rom wurde der Spion von Agenten gekidnappt und in Israel vor Gericht gestellt. Das Urteil: 18 Jahre Haft.

"Natürlich ist es nicht fair", sagt Vanunu jetzt. Er saß fast die Hälfte seines Lebens im Gefängnis für etwas, was seiner Meinung nach eh jeder wusste - und was nun von offizieller Stelle bestätigt wird. "Doch was soll ich machen, die letzten 20 Jahre sind Vergangenheit." Jetzt höre immerhin die Heuchelei auf. Vanunu hofft, dass Olmert und die israelische Regierung nun ständig mit der Atomfrage konfrontiert werden, "das würde helfen, mein Leben zu normalisieren". Die Reisebeschränkung, das Redeverbot müssten aufgehoben werden.

Im Augenblick sieht es noch nicht so aus, als ob dies in Kürze geschehen wird. Die Spindoctors drehen gerade auf: Olmert sei missverstanden, sein Geständnis aus dem Zusammenhang gerissen worden, er habe alles nicht so gemeint. Israel werde an der bisherigen Politik festhalten, den Besitz der Atomwaffe im Vagen zu halten.



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