Israel und Hamas im Gaza-Krieg Psychotricks demoralisieren den Gegner

Sie kapern die Funk- und Radiowellen des Gegners, verbreiten Falschmeldungen, verführen zum Verrat: Israel und die Hamas greifen im Krieg tief in die psychologische Trickkiste. Lügen und Betrügen ist die Waffe, mit der die Moral des Feindes untergraben werden soll.

Aschkelon - Etwa einmal pro Stunde funkt Israel dazwischen: Im Radioprogramm von Kamal Abdu Nasser ist der Moderator dann für ein paar Minuten nicht mehr zu hören, sondern die Stimme eines arabisch sprechenden Israelis. Hörer in Gaza sind überzeugt: Die Radiostation Stimme Jerusalems des Islamischen Dschihad werde in solchen Momenten vom israelischen Militär gekapert.

Die Hamas sei Schuld am Krieg und der Misere in Gaza, sagt der offenbar falsche Moderator.

Auch das Programm vom Hamas-TV-Sender Al-Aksa werde immer wieder unterbrochen, berichten Zuschauer. In einem Comic-Film schieße ein Zeichentrick-Scharfschütze auf die Bilder von Hamas-Größen. "Dieses Mal seid ihr fällig", sage eine Stimme dazu auf Arabisch.

Es liegt drei Jahre zurück, dass Israels Armee (IDF) eine Abteilung für psychologische Kriegsführung gründete. Einen nicht eben glanzvollen ersten Auftritt hatte sie im Libanon-Krieg 2006. Damals regneten billig gemachte Flugblätter auf die Schiiten-Hochburgen im Süden des Landes nieder. Darauf gezeichnet eine simple Botschaft: Hinter einer Zeder – Nationalsymbol des Libanon – kauerte ein verschlagen dreinblickender Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah. Die Schiiten-Miliz verstecke sich hinter der Zivilbevölkerung, sollte das wohl heißen.

Doch die Zettel waren nur in einer Hinsicht ein Erfolg: Noch monatelang führten Libanesen sie Besuchern als Beweis für die Naivität der israelischen Armee vor. Ob man ernsthaft gedacht hätte, fragten nicht wenige, dass ein solcher Zettel die Menschen ins Grübeln bringen könnte?

Nahost-Konflikt

Flugblätter säen Zweifel

Doch in den vergangenen zweieinhalb Jahren hat die Psycho-Einheit der israelischen Armee einiges dazugelernt. Einerseits kapern sie heute Radio- und Fernsehwellen, andererseits haben sie auch die Flugblätter verbessert. Die in diesen Tagen über Gaza abgeworfenen Zettel verzichten auf plakative Bilder. Sie geben stattdessen Telefonnummern und E-Mail-Adressen an. An diese sollen sich Palästinenser wenden, die Angaben zu dem Versteck von Hamas-Größen oder der Lage von Waffenarsenalen machen wollen.

Es ist nicht anzunehmen, dass dies oft passiert – dennoch sind die Propagandazettel effektiv: "Solche Flugblätter säen Zweifel zwischen der Hamas-Führung und der Zivilbevölkerung", sagt Ephraim Kam, Vizedirektor des Institut für Nationale Sicherheitsstudien an der Universität Tel Aviv. Es setze eine allgemeine Verunsicherung ein: Weil jeder durch die Zettel das Instrument in der Hand halte, die Hamas-Führung zu verraten.

Ähnlich wirkten auch israelische Meldungen über massive Probleme der Hamas, so Kam. Seit Tagen sagen Sprecher der IDF, ihre Kommandeure in Gaza hätten beobachtet, wie demoralisierte Hamas-Männer reihenweise desertierten. Zu überprüfen ist diese Aussage nicht - klar ist jedoch, dass sie auf die Moral wirkt: Beim israelischen Publikum stärkt sie den Durchhaltewillen; in Gaza, wo israelische Medien eine der Hauptinformationsquellen sind, lassen sie den Zweifel keimen, ob die Hamas vielleicht doch bereits am Ende sein könnte.

"Solche Aussagen mögen wahr sein oder nicht, sie haben in jedem Fall einen erwünschten Nebeneffekt", sagt der Strategieforscher Kam. "Sie untergraben das Selbstbewusstsein und die Siegesgewissheit der Hamas."

Warum Barak in einer Satire-Sendung auftrat

Auch die Islamisten im Gaza-Streifen setzen in dem seit 18 Tagen währenden Krieg auf die Macht des Gerüchts: Immer wieder geben sie Meldungen heraus, wonach sie israelische Soldaten gefangen oder getötet haben. Diese Botschaften sollen auf Hebräisch übersetzt auch in den Funkverkehr der in Gaza operierenden israelischen Einheiten eingespeist worden sein. Selbst wenn sich solche Nachrichten später als Falschmeldungen herausstellten, untergrüben sie erst einmal die Moral der Männer im Feld, so Kam.

Ähnlich instrumentalisiert werden Hamas-Meldungen über den seit zweieinhalb Jahren im Gaza-Streifen gefangen gehaltenen israelischen Soldaten Gilad Schalit. Schalit, dessen Name und Schicksal wohl jedem Israeli ein Begriff ist, soll nach Hause geholt werden: Das ist eines der Ziele, die Israel mit dem Waffengang in Gaza erreichen will - und das ein Großteil der Bevölkerung mit ganzem Herzen unterstützt.

Als die Hamas zu Beginn der israelischen Offensive bekanntgab, Schalit sei durch israelischen Beschuss verwundet worden, versuchten die Islamisten dadurch, die Fürsorge für Schalit als Grund gegen den Krieg zu verkaufen: Wer Schalit heil wiedersehen will, solle sich besser gegen den Krieg stellen, so die Botschaft. Am vergangenen Sonntag dann hieß es von Seiten der Islamisten, das Schicksal Schalits sei nicht mehr von Bedeutung. "Er mag verwundet sein, er mag gesund sein. Diese Frage ist für uns nicht mehr von Interesse", sagte Hamas-Politbüromitglied Mussa Abu Marsuk – und löste damit in Israel zielsicher bange Fragen nach dem Wohlergehen des jungen Mannes aus.

Wie Großmäuligkeit wirkt

Auch die Großmäuligkeit, mit der die Hamas Israel in den vergangenen Monaten gedroht hat, scheint vor diesem Hintergrund das Ergebnis reiflicher Überlegung zu sein. "Kurz vor dem Ende des Waffenstillstands hat sich die Hamas vermehrt damit gebrüstet, dass sie zahlreiche Überraschungen für eventuell vorrückende israelische Truppen parat habe", sagt Kam. Die wüsten Drohungen, Israel könne zwar in den Gaza-Streifen einmarschieren, aber kein Soldat werde ihn je wieder lebend verlassen, sollten Israel von einem Waffengang abhalten.

In dem Punkt sei die Rechnung der Islamisten zwar nicht aufgegangen, in einem anderen aber schon, sagt Kam: Die durch das Säbelrasseln geschürte Angst vor Sprengfallen, in Tunnelsystemen versteckten Kämpfern und Entführungsversuchen seitens der Hamas bremse die israelische Armee deutlich. "Die IDF wäre sicher auch so vorsichtig, aber die Hamas-Propaganda im Vorfeld des Krieges hat diese Vorsicht noch einmal verstärkt", sagt Kam.

Die wohl gelungenste Desinformationskampagne in diesem Krieg geht jedoch auf das Konto der Israelis.

Am 26. Dezember, als ein Krieg zwischen Israel und der Hamas schon fast unvermeidlich schien, rief Jerusalem eine 48-stündige Waffenruhe aus. Bis Sonntag wolle man noch einmal alle Möglichkeiten einer politischen Lösung durchdenken, hieß es damals von Seiten der Regierung. Um die Hamas für zwei Tage in Sicherheit zu wiegen, trat Verteidigungsminister Ehud Barak am 26. Dezember gar in einer Satire-Sendung auf - da war die Entscheidung für den Angriff 24 Stunden vor Ablauf der einseitig erklärten Waffenruhe bereits gefallen. Die Hamas ahnte nichts und wähnte sich sicher. Ihre Männer versammelten sich am 27. Dezember morgens in ihren Büros, Kasernen, Dutzende Polizeirekruten kamen zu einer Vereidigungszeremonie zusammen.

Da waren die rund 60 israelischen Kampfjets der ersten Angriffswelle bereits in der Luft.

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