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Urteil in Israel Für die einen Held, für die anderen Verbrecher

Ein israelischer Soldat exekutierte einen verletzten palästinensischen Attentäter, jetzt wurde er wegen Totschlags verurteilt. Der Prozess ist beendet, in der Gesellschaft bleiben tiefe Risse. Das Vertrauen in die Armee ist beschädigt.

Der junge Soldat Elor Azaria tötete im März vergangenen Jahres einen palästinensischen Attentäter, der bereits wehrlos am Boden lag, aus nächster Nähe mit einem Kopfschuss. Am Mittwoch wurde Azaria von einem Militärgericht in Tel Aviv wegen Totschlags verurteilt.

Hunderte Menschen protestierten vor dem Gericht. Für sie ist Azaria ein Held. "Wir lieben dich und Gott liebt dich", skandierten sie. Es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei.

Die israelische Armee hat klargemacht: Auch Soldaten müssen sich an Regeln halten. Töten ohne Grund und Regeln, Töten um des Tötens willen - das darf es in einem Rechtsstaat nicht geben. Militärrichterin Maya Heller widersprach der Linie der Verteidigung, wonach Azaria aus Selbstverteidigung getötet habe, weil er eine Gefahr erkannt habe. Sie sagte, Azaria habe "unnötig" geschossen. Sie verwies außerdem auf Azarias Aussage am Tatort: "Der Terrorist lebt noch, er verdient es, zu sterben." Dies sei von "schwerwiegender Bedeutung".

Doch auch die Verteidigung hat einen Punkt. Immer wieder fragten Azarias Anwälte, ob es diesen Prozess denn auch gebe, wenn der Vorfall nicht dokumentiert worden wäre. Und daran bestehen Zweifel, denn in ähnlichen Fällen gab es keine Untersuchung.

Ein palästinensischer Familienvater hatte die Tat des damals 19-jährigen Azaria in Hebron vom Hausdach eines Nachbarn aus gefilmt. Eine Menschenrechtsorganisation verbreitete das Video. Die Weltöffentlichkeit reagierte empört, so entstand öffentlicher Druck auf die Streitkräfte.

Die Armee verurteilte die Tat noch am selben Tag - sie stehe im Widerspruch zum ethischen Kodex der Armee. Der damalige Verteidigungsminister sagte: "Wir haben es nicht mit einem Helden zu tun, sondern mit einem Soldaten, der die Grenzen überschritten hat." Auch Premierminister Benjamin Netanyahu kritisierte Azaria damals noch.

Demonstration für Azaria in Tel Aviv

Demonstration für Azaria in Tel Aviv

Foto: JACK GUEZ/ AFP


Doch in den folgenden Wochen und Monaten drehte sich die Stimmung. Landesweit demonstrierten Tausende zur Unterstützung von Azaria. "Wie kann ein Soldat, der einen Terroristen tötet, ein Mörder sein?", fragten sie. Siedler aus dem Westjordanland reisten in Bussen zu Protesten in Tel Aviv an. "Befreit den tapferen Soldaten", stand auf ihren Schildern geschrieben, oder: "Ein toter Terrorist kann keine Juden mehr ermorden." Azarias Eltern erfuhren breite Unterstützung, als sie per Internetkampagne Geld für die Prozesskosten sammelten.

"Elor Azaria ist nun der Sohn aller Israelis", so beschrieb der Journalist Nahum Barnea im vergangenen Jahr die Atmosphäre im Land. Die Israelis würden ihn als Opfer des Systems sehen. Dass die Armee sich gegen ihn wende, komme für sie einem Verrat gleich. "Ob Azaria nach den Regeln gehandelt hat, ist nebensächlich", erklärte Barnea im SPIEGEL, "es geht um die Frage, was in diesem Land moralisch ist."

Und darüber herrscht offenbar keine Einigkeit. Viele Israelis glauben, dass die Armee Elor Azaria nur zum faulen Apfel stilisiert hat, um selbst besser da zu stehen.

Als Azaria im vergangenen Juli vor Gericht aussagte, lautete seine Botschaft: Was passiert sei, sei kein ungewöhnlicher Vorfall. So habe man es ihm beigebracht. Die Gewalt sei normal. Wenn er schuldig sei, seien es alle.

Rechte Politiker fordern Azarias Begnadigung

Der Prozess, einer der umstrittensten in der Geschichte Israels, offenbarte tiefe Risse zwischen Armee, Politik und Volk. Seine Auswirkungen reichen bis in die höchsten Ebenen der Politik.

Erziehungsminister Naftali Bennett, Chef der Siedlerpartei Jüdisches Heim, forderte die Begnadigung des Soldaten. Auch andere Politiker stellten sich schon früh auf seine Seite. Schließlich schloss sich auch Premierminister Netanyahu ihnen an, es geht schließlich um seine Wählerschaft. Verteidigungsminister Moshe Yaalon wurde im Mai zum Rücktritt gezwungen - an seine Stelle trat der rechte Hardliner Avigdor Lieberman, der persönlich zu Azarias Unterstützung im Gericht auftauchte. Nun sagt er, man müsse das harte Urteil akzeptieren, aber die Familie des Verurteilten unterstützen.

Vor Gericht hat sich die Linie der Streitkräfte durchgesetzt. Doch das bedeutet nicht, dass die Armee aus diesem Fall als Gewinner hervorgeht. An ihr klebt nun der Verdacht der Heuchelei. Die Streitkräfte, bisher in der Gesellschaft weitgehend unumstritten, haben einen schweren Vertrauensverlust erlitten.

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