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08. April 2012, 18:39 Uhr

Empörung über Grass

Israels Innenminister verlangt Aberkennung des Nobelpreises

Die israelische Regierung legt nach: Günter Grass sei ein "antisemitischer Mensch", schimpfte Innenminister Jischai, man müsste ihm den Literaturnobelpreis aberkennen. In Deutschland überwiegt bei aller Kritik am Dichter Unverständnis über das Einreiseverbot für Grass.

Tel Aviv - Die israelische Regierung schlägt nach dem umstrittenen Grass-Gedicht "Was gesagt werden muss" mit aller Schärfe zurück: Innenminister Eli Jischai erklärte den deutschen Schriftsteller zur Persona non grata und erteilte Grass Einreiseverbot. Seine Anordnung unterlegte Jischai mit martialischen Worten: "Ich sehe es als Ehre an, ihm die Einreise ins Heilige Land zu verbieten", so der Politiker von der strengreligiösen Schas-Partei. Man müsse Grass nun eigentlich den Literaturnobelpreis aberkennen, so Jischai weiter im israelischen Rundfunk. Der von orientalischen Juden abstammende Politiker verglich Grass' Äußerungen mit der antisemitischen Hetze, die letztlich zum Holocaust geführt habe. "Man kann angesichts solcher Worte einfach nicht schweigen", Grass sei ein "antisemitischer Mensch" und "ein Mann, der eine SS-Uniform getragen hat".

Auch Israels Außenminister Avigdor Lieberman von der nationalistischen Partei "Unser Haus Israel" wetterte gegen Grass: Bei einem Treffen mit dem italienischen Regierungschef Mario Monti sagte Lieberman: "Seine Äußerungen sind ein Ausdruck des Zynismus eines Teils der westlichen Intellektuellen, die als Eigenwerbung und im Willen, noch ein paar Bücher zu verkaufen, dazu bereit sind, die Juden ein zweites Mal auf dem Altar verrückter Antisemiten zu opfern."

Für Israels Politiker könnte die Causa Grass auch ein willkommener Anlass sein, sich als Verteidiger der nationalen Interessen zu profilieren. In der Knesset wird seit Wochen darüber gemunkelt, dass Premier Benjamin Netanjahu die Wahlen vorziehen wolle.

Unter Intellektuellen sorgt das Einreiseverbot für Grass für geteilte Meinungen. Der bekannte israelische Historiker Tom Segev kritisierte den Erlass als "albern" und "zynisch".Israel rücke sich damit selbst in die Nähe fanatischer Regime wie Iran, so Segev im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

SPD-Mann Mützenich: "Reaktion der israelischen Regierung ist unangemessen"

Der in Israel geborene deutsche Historiker Michael Wolffsohn hingegen verteidigte den Beschluss aus Jerusalem. "Ich begrüße die Entscheidung der ansonsten auch von mir in vielen Punkten kritisierten Regierung Israels. Hier geht es nicht um den Innen- oder Premierminister, sondern ums Grundsätzliche. Ein Ex-SS-Mann ist keine moralische Instanz, schon gar nicht gegenüber den Opfer-Nachfahren", so Wolffsohn zu SPIEGEL ONLINE. "Unkoscheres wird auch durch den Nobelpreis nicht koscher, Bock bleibt Bock, Gärtner Gärtner und Scheinheiliges durch Selbstbeweihräucherung nicht heilig." Grass solle sich ans deutsche Sprichwort erinnern: "Jeder kehre vor seiner Türe." Das habe der Schriftsteller bislang zu wenig getan.

Der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, hingegen sieht das von der israelischen Regierung gegen Günther Grass verhängte Einreiseverbot eher kritisch: Die von Innenminister Eli Jischai verhängte Maßnahme gegen den Literaturnobelpreisträger sei übertrieben und populistisch, sagte er am Sonntagabend in den ARD-"Tagesthemen".

"Ich glaube, dass der Innenminister gar nichts von Deutschland versteht. Er betreibt Innenpolitik. Ich halte das für falsch", erklärte Primor. Für ihn sei Grass kein Antisemit. "Ich weiß, wovon ich spreche." Zugleich kritisierte der Diplomat aber auch Grass' israelkritisches Gedicht. Die darin geäußerte Behauptung, Israel wolle den Iran auslöschen, sei lächerlich.

Kritik kam auch aus der deutschen Politik: Der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rolf Mützenich, sagte dem "Handelsblatt online": "Die Reaktion der israelischen Regierung ist unangemessen und wird dem Thema nicht gerecht." Nötig sei eine sachliche Auseinandersetzung mit den Thesen von Grass. "Ein demokratisches und pluralistisches Land wie Israel kann auch kontroverse Meinungen ertragen, zumal die Ansichten von Günter Grass nicht antisemitisch sind."

Auch der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, Volker Beck, hält das Einreiseverbot für überzogen und falsch. "Das ist unsouverän und demokratisch nicht klug. Ich hoffe, dass man das noch einmal überdenkt", so Beck zu "Handelsblatt online".

Gleichzeitig äußerte Beck Verständnis für die Verärgerung in Israel. "Grass zeigt sich ignorant gegenüber der tatsächlichen Bedrohung Israels durch den Iran, den ständigen Angriffen auf Israels Staatsgebiet durch Raketen aus dem Gaza-Streifen und die Infragestellung seines Existenzrechtes durch den Iran und seinen Verbündeten in der Region."

Zustimmung für Grass auf Ostermärschen

Es ist nicht das erste Mal, dass Israel Ausländern als "Strafe" für kritische Äußerungen die Einreise verbietet:

Zustimmung erhielt Grass für sein Gedicht auf den traditionellen Ostermärschen. Auf den Kundgebungen habe es viel Rückendeckung für dessen Haltung gegeben, wonach es kein Recht auf präventive Militärangriffe gebe, teilten die Organisatoren mit. Dass Israel gegen Grass ein Einreiseverbot verhängt habe, sei ein "unmögliches Verfahren", sagte der Sprecher der Infostelle Ostermarsch, Willi van Ooyen.

Seit der Veröffentlichung des Gedichts "Was gesagt werden muss" hagelt es Kritik an Grass - auch von Schriftstellerkollegen. Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sagte der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", es sei "ein ekelhaftes Gedicht", das politisch und literarisch wertlos sei. "Der Iran will Israel auslöschen, das kündigt der Präsident immer wieder an, und Günter Grass dichtet das Gegenteil", sagte Reich-Ranicki, der als polnischer Jude nur knapp der Deportation in die deutschen Vernichtungslager entging. Der Schriftsteller Wolf Biermann verteidigte Grass "im Namen der Meinungsfreiheit", sein Israel-Gedicht aber bezeichnete er als "literarische Todsünde". In der "Welt am Sonntag" schrieb der Liedermacher, "wenn dem Künstler keine originellen Ideen mehr kommen, versucht mancher sich an einem künstlichen Tabubruch wie Grass".

Als bislang einziges Mitglied der deutschen Bundesregierung hat Außenminister Guido Westerwelle in die Debatte um das umstrittene Anti-Israel-Gedicht eingegriffen. "Israel und Iran auf eine gleiche moralische Stufe zu stellen, ist nicht geistreich, sondern absurd", schrieb Westerwelle in einem Gastbeitrag für "Bild am Sonntag".

Auch in Israel wird kontrovers über Grass diskutiert. Die "Haaretz" kommentierte online, Israelis könnten wütend auf Grass seien, müssten ihm aber dennoch zuhören: "Das Gedicht 'Was gesagt werden muss' enthält Dinge, die gesagt werden müssen. Es kann und muss gesagt werden, dass die israelische Politik den Weltfrieden gefährdet. Seine Position gegen Israels Nuklearmacht ist auch legitim. Er kann auch der Lieferung von U-Booten an Israel widersprechen, ohne dass ihm sofort seine Vergangenheit vorgehalten wird. Aber Grass hat es unnötig übertrieben in einer Art, die seine eigene Position beschädigte", so Kommentator Gideon Levy. Es sei aber besser wirklich zuzuhören und "besonders endlich das Verbot aufzuheben, Israel in Deutschland zu kritisieren."

anr/gy/dpa/dapd

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