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20. Mai 2013, 12:08 Uhr

Umstrittenes Gaza-Video

Israel weist Schuld an Tod von Zwölfjährigem zurück

Vor den Augen der Welt starb im September 2000 der Palästinenserjunge Mohammed al-Durra. Sein Tod wurde zum Symbol der Intifada - doch eine Untersuchungskommission bestreitet jetzt, dass der Zwölfjährige durch israelische Kugeln ums Leben kam. Das habe eine Video-Analyse ergeben.

Tel Aviv - Selten starb ein Mensch öffentlicher als Mohammed al-Durra. Ein französisches Fernsehteam war dabei, als der zwölfjährige Palästinenser mit seinem Vater bei einem Feuergefecht im Gazastreifen zwischen die Fronten geriet. Die Welt sah zu, wie der Junge sich verzweifelt gegen eine Häuserwand drückte, während rings um ihn die Kugeln einschlugen. Am Ende der Filmaufnahmen liegt das Kind getroffen auf den Beinen seines Vaters. Die Szene wurde zum Fanal, zum Symbol des Palästinenseraufstands.

Doch auch 13 Jahre später sorgt das Filmmaterial für heftige Diskussionen. So bestreitet eine israelische Untersuchungskommission nun, dass der Junge während eines Schusswechsels im Gazastreifen von israelischen Soldaten getötet wurde. Die Analyse von bisher nicht veröffentlichtem Videomaterial des Fernsehsenders France 2 habe ergeben, dass Mohammed am Ende der Aufnahmen am Leben war, berichtete der israelische Rundfunk. Es sei darauf zu sehen, wie er eine Hand hebt und den Kopf dreht.

Der damals ausgestrahlte Fernsehbericht von France 2 sei "substanzlos", heißt es in der am Sonntag veröffentlichten Analyse des Ministeriums für internationale Beziehungen. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der den rund 40-seitigen Bericht in Auftrag gegeben hatte, sprach von einem "Sieg der Wahrheit über die Lügen".

"Extrem zweifelhaft"

Israel hat die Umstände schon häufig in Frage gestellt, die am 30. September 2000 zum Tod des Jungen führten. Auch einige internationale Beobachter bezweifeln inzwischen die ursprüngliche Version der Geschehnisse. Es gibt sogar Behauptungen, al-Durra sei noch am Leben. Tatsächlich ist im Bericht der Untersuchungskommission von "zahlreichen Hinweisen" die Rede, dass weder der Junge noch sein Vater Jamal überhaupt von Kugeln getroffen worden seien. Ballistischen Untersuchungen zufolge sei es auch "extrem zweifelhaft", dass Einschusslöcher in der gefilmten Umgebung von israelischen Soldaten verursacht wurden.

"Dies ist ein Beleg für die anhaltende, lügnerische Kampagne zur Delegitimierung Israels", sagte Netanjahu. Der Ruf seines Landes sei durch die Reportage zu unrecht beschädigt worden. Laut dem Ministerium für internationale Beziehungen hat France 2 zudem Filmszenen herausgeschnitten, auf denen der Zwölfjährige lebend zu sehen sei. Die Herausgabe des ungeschnittenen Originalmaterials habe der Sender aber trotz mehrfacher Anfragen verweigert.

Der Bürochef von France 2, Charles Enderlin, sagte der Nachrichtenagentur AFP, er sei jederzeit bereit zu einer unabhängigen öffentlichen Überprüfung des Falls nach internationalen Standards. Auch Jamal al-Dura, der Vater von Mohammed, sprach sich für eine solche Lösung aus. Der israelische Bericht sei "komplett gefälscht". "Die Israelis lügen und versuchen, die Wahrheit zu verschleiern", sagte er.

rls/dpa/AFP

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