Grenze zum Libanon Israel fürchtet Tunnelattacken der Hisbollah

Die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah hat im Syrienkrieg Kampferfahrung gesammelt - und baute parallel offenbar an Angriffstunneln nach Israel. Dort ist die Armee alarmiert. Premier Netanyahu nutzt der Konflikt innenpolitisch.

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US-Außenminister Mike Pompeo ist nach Brüssel gereist - offiziell, um am Nato-Außenministertreffen teilzunehmen. Es gibt viel zu besprechen an diesem Dienstag: der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, den INF-Abrüstungsvertrag und die Streitfrage, ob die Lasten auf alle Bündnispartner gleich verteilt sind.

Pompeo hatte aber bereits am Montagabend ein weiteres wichtiges Treffen: mit Israels Premier Benjamin Netanyahu, Mossad-Chef Yossi Cohen und weiteren hochrangigen Sicherheitsexperten.

Es ging bei der Unterredung offenbar auch um die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah, ihre Unterstützung durch Iran und die daraus resultierende Bedrohung für den Norden Israels.

Was ist passiert?

Wenige Stunden nach dem Treffen - am Dienstagmorgen - begann Israels Armee eigenen Angaben zufolge mit der Zerstörung "grenzquerender Angriffstunnel" der Hisbollah. Mehrere Grenzabschnitte zum Libanon wurden zum militärischen Sperrgebiet erklärt.

"Die Terrororganisation Hisbollah setzt ihre Aktivitäten fort, die von Iran unterstützt und finanziert werden, um ihre Terrorinfrastruktur gegen israelische Zivilisten zu schaffen", teilte die Armee mit. Die Hisbollah steuere ihre Aktivitäten von Dörfern im Süden des Libanons aus und missachte Uno-Resolutionen, hieß es weiter. Die im Grenzgebiet aktive Blauhelmmission erklärte, sie arbeite mit beiden Seiten zusammen, um eine Eskalation zu vermeiden.

Unifil-Soldaten patrouillieren auf der libanesischen Seite der Grenze
REUTERS

Unifil-Soldaten patrouillieren auf der libanesischen Seite der Grenze

Über die genaue Anzahl der Tunnel wurde zunächst nichts bekannt. Israels Armee bestätigte lediglich die Existenz eines zwei Meter hohen Tunnels, der rund 40 Meter auf das Territorium des jüdischen Staates reiche. Die Armee warnt bereits seit Langem vor Tunnelattacken durch die Hisbollah. Zum Schutz vor solchen Angriffen baut Israel an einer hermetischen Grenzanlage für umgerechnet rund 400 Millionen Euro.

Warum wurde mit der israelischen Operation nun begonnen?

Premier Netanyahu forciert seit Monaten eine öffentliche Annäherung an sunnitische Staaten um die Hegemonialmacht Saudi-Arabien, die in Iran und seinen schiitischen Milizen eine ähnliche Bedrohung sehen wie Israel. Erst vor wenigen Wochen besuchte er den Oman. Ziel ist es, Irans Vormachtstreben einzudämmen. Die jüngste Operation an der Nordgrenze dürfte Teil dieser Strategie sein. Innenpolitisch hat er gegenwärtig zudem gleich mehrere Probleme, die auch mit der jüngsten Operation in Zusammenhang stehen:

  • Avigdor Lieberman ist Mitte November als Verteidigungsminister zurückgetreten und hat mit seiner Partei "Israel Beitenu" die Regierungskoalition verlassen. Hintergrund war ein Koalitionsstreit über die jüngste Gaza-Krise.
  • Seither regiert Netanyahu nur noch mit einer Ein-Sitz-Mehrheit in der Knesset; über mögliche Neuwahlen wird spekuliert. Der Premier wies entsprechende Forderungen jedoch in einer TV-Rede unlängst zurück - mit dem vagen Verweis auf die angespannte Sicherheitslage, auf die er nicht näher eingehen könne.
  • Die israelische Polizei hat am Wochenende zudem eine Anklage gegen Netanyahu empfohlen. Der Vorwurf: Bestechung, Betrug und Untreue. Für den Premier ist es bereits der dritte Korruptionsfall, in den er verwickelt ist und in dem ihm eine Anklage droht.

Durch den Rücktritt von Lieberman als Verteidigungsminister übernahm Netanyahu dessen Posten für eine Interimszeit. Das Amt hat ihm zweifellos dabei geholfen, die öffentlichkeitswirksame Aktion der Armee an der Grenze anzuordnen. Israelische Kommentatoren vermuten, dass der Zeitpunkt kein Zufall sei, sondern auch von den Korruptionsermittlungen gegen ihn ablenken solle.

Was sind die Folgen?

Weder Israel noch die Hisbollah haben Interesse an einem Krieg. Beide Konfliktparteien erinnern sich noch an den zweiten Libanonkrieg von 2006. Die Schiitenmiliz versetzte durch den Beschuss der Großstadt Haifa Israels Zivilbevölkerung im Norden in Angst - und Israels Luftwaffe bombardierte Libanons Hauptstadt Beirut massiv. Am Ende stand ein militärisches Patt.

Israels Grenze zum Libanon
REUTERS

Israels Grenze zum Libanon

Doch die Ruhe seither gilt als trügerisch. Die Hisbollah soll Zehntausende Raketen im Südlibanon stationiert und landesweit Waffenfabriken aufgebaut haben. Zudem kehren mittlerweile erste Einheiten aus dem syrischen Bürgerkrieg zurück, wo sie an der Seite iranischer Militärberater für das Assad-Regime gekämpft und Erfahrung gesammelt haben.

Israels Sicherheitsapparat hält es vor diesem Hintergrund für möglich, dass sich der Schattenkrieg mit Iran und der Hisbollah-Miliz von Syrien in den Libanon verlagert. Die israelische Zivilbevölkerung im Norden dürfte die Entwicklungen mit Sorge betrachten. Denn das Phänomen der Terrortunnel ist nicht neu: Seit Jahren leben die Menschen im Süden, nahe dem Gazastreifen, in Angst vor Überfällen durch die Hamas.

Die radikalislamische Gruppe setzt solche Tunnel als zermürbendes Bedrohungsszenario ein. Eine ähnliche Entwicklung an der Nordgrenze will Israels Polit- und Militärführung sofort ersticken.

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