Israelisch-libanesische Grenze Beobachter rätseln über Hintergründe des Gefechts in Nahost

Wollten israelische Soldaten wirklich nur einen Baum fällen? Wer schoss zuerst, und welche Rolle spielte ein schiitischer Kommandeur? Einen Tag nach dem Feuergefecht an der israelisch-libanesischen Grenze sind viele Fragen ungeklärt. Ein neuer Krieg scheint abgewendet - doch die Ruhe ist trügerisch.

REUTERS

Aus dem Südlibanon berichtet


Für einige Stunden drohte im Nahen Osten ein neuer Krieg. Von beiden Seiten der Grenze beschossen sich Israelis und Libanesen, mehrere Menschen kamen ums Leben. Die Lage beruhigte sich schließlich, vorerst. Doch wie knapp schrammte die Region diesmal wirklich an einem neuen Krieg vorbei?

Im Libanon ist die Angst vor einem neuen Blutvergießen groß. Das zeigt schon das Straßenbild. Am Dienstagabend um 20.30 Uhr Ortszeit saßen viele Libanesen vor dem Fernseher. Im Fischerstädtchen Tyros im Süden des Landes fassten die Hafenkneipen nicht alle Zuschauer, die wissen wollten, ob der nächste Krieg begonnen habe. Sie standen bis auf die Straße, um zu hören, wie der Chef der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah auf die Gefechte an der Grenze zu Israel reagieren würde.

Knapp zwei Stunden lang redete Nasrallah. Er verdammte die "israelische Aggression". Drohte, beim nächsten Zwischenfall an der Grenze werde seine Miliz der libanesischen Armee in ihrem Kampf gegen den Feind beistehen. Die Wortwahl war martialisch: "Die israelische Hand, die nach der libanesischen Armee greift, wird abgehackt." Doch mehr als markige Worte kamen nicht von Nasrallah.

Eine Überraschung - für viele Beobachter eine freudige. Nach seiner per Videolink übertragenen Ansprache begann der Himmel über Tyros zu leuchten. Hisbollah-Anhänger feierten mit Feuerwerk den Auftritt ihres Anführers - andere waren einfach nur froh darüber, dass nach dem Sommerkrieg 2006 ein erneuter Waffengang zwischen Israel und Libanon vorerst abgewendet ist. Einen Feldzug gegen Israel, wie von vielen befürchtet, hatte Nasrallah nicht ausgerufen. Im Juli 2006 hatte die Verschleppung zweier israelischer Soldaten durch die Schiiten-Miliz Hisbollah, die im Libanon eine Art Staatsmacht neben den offiziellen Behörden darstellt, einen einmonatigen Krieg ausgelöst. Damals starben 1200 Libanesen und 160 israelische Soldaten.

Die Beziehungen zwischen Israel und dem Libanon sind seit Monaten extrem angespannt. Nun beginnt der Kampf um die Deutungshoheit des Zwischenfalls, der zu einem Krieg hätte eskalieren können. Fest steht nur: Nachdem israelische Soldaten versucht hatten, einen im Grenzgebiet wachsenden Baum zu fällen, war es zu einem Schusswechsel mit der libanesischen Armee gekommen. Doch viele Fragen sind noch unbeantwortet:

  • Wo genau stand der Baum? Der Libanon beschuldigte Israel, auf libanesisches Gebiet vorgedrungen zu sein. Doch die Kontrahenten auf der anderen Seite der Grenze behaupten, der Baum habe auf israelischem Territorium gestanden. Eine Uno-Sprecherin bestätige diese Darstellung.
  • Wer hat das Feuer eröffnet? Quellen aus dem Umfeld der im Südlibanon stationierten Uno-Truppen bestätigen SPIEGEL ONLINE die israelische Version: Libanesische Soldaten sollen demnach zuerst geschossen haben. Israel habe lediglich reagiert, das aber mit Schusswaffen, Panzerartillerie und Kampfhubschraubern. Auf libanesischer Seite starben zwei Soldaten und ein Journalist, auf israelischer Seite wurde ein Offizier getötet.
  • Warum wurde geschossen? Israelische Medien bezichtigten am Mittwoch einen übereifrigen libanesischen Offizier. Das israelische Radio berichtete, der Kommandeur habe eine Verzögerung der Wartungsarbeiten dazu genutzt, um vor Ort Scharfschützen in Position zu bringen. Nach einer verbalen Auseinandersetzung hätten diese das Feuer auf israelische Soldaten eröffnet. Eine Stellungnahme von libanesischer Seite gibt es dazu bisher nicht.
  • Was steckt hinter dem Vorfall? Auch dazu gibt es nur Spekulationen. Auffällig sei, berichtet ein Radiosender aus Israel, dass zahlreiche libanesische Journalisten schon im Voraus eingeladen worden seien. Die libanesische Hisbollah-Miliz, sonst meist Hauptakteur bei militärischen Auseinandersetzungen mit Israel, sei an dem Vorfall offenbar nicht beteiligt gewesen. Der besagte Kommandeur der neunten Brigade sei ein Schiit mit extremen Ansichten und Hisbollah-Anhänger, schrieb Autor Alex Fishman in der israelischen Tageszeitung "Yedioth Ahronoth". Er habe vermutlich auf eigene Faust gehandelt. "Ein solcher Kommandant in einer so explosiven Gegend wie dem Südlibanon kann zum Katalysator des Krieges werden, den keiner will." Fraglich sei auch, ob der Soldat auf heimlichen Befehl der Hisbollah gehandelt habe.

Die israelische Führung spielte dem Bericht zufolge am Dienstag zwischenzeitlich mit dem Gedanken, einen vorab gefassten Angriffsplan umzusetzen und Stellungen der libanesischen Armee im Südlibanon zu bombardieren. Nur internationaler Druck und ein Aufschrei der libanesischen Regierung habe Jerusalem davon abgehalten, mit aller Macht auf den Grenzzwischenfall zu reagieren.

Ein Experte aus dem Libanon glaubt hingegen, dass keine der beiden Seiten überhaupt ein Interesse an einem Krieg habe. "Wenn eine Seite einen Krieg gewollt hätte, wäre dieses Scharmützel die beste Ausrede gewesen, einen zu beginnen", sagte der Beobachter, der namentlich nicht genannt werden wollte.

Israel verlässt sich offenbar darauf. Die Armee setzte am Mittwoch die Wartungsarbeiten an der Grenze ungerührt fort. Unter dem Schutz mehrerer Panzer fällten Soldaten Bäume entlang des Zauns. Auch auf libanesischer Seite ist das Militär massiv präsent. Bisher gab es jedoch keine weiteren Zwischenfälle.



insgesamt 55 Beiträge
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blechteller 04.08.2010
1. gekonnte provokation
das kennt man nun doch schon von israelischer seite! ich provoziere wo ich nur kann und wenn sich die andere seite dann wehrt hat man noch einen grund mehr frauen, kinder, greise wegzubomben. was müssen die auch hinter dem grenzzaun bäume schneiden! haben da garnix verloren! genausowenig wie israelische soldaten auf fremden schiffen in internationalen gewässern was verloren haben. und wieso bombardiert israel ungestraft UN-Posten und bringt internationale soldaten um? wieso darf israel phosphorbomben auf zivile ziele werfen? wieso darf israel die pässe anderer länder fälschen und in dubai leute ermorden? jetzt kommen sicher wieder die professionell israelischfreundlichen forenschreiber mit dem antisemitusmus-zeigefinger, aber das hilft euch allen nix, die welt sieht das unrecht! und zwar den massenmord an palästinensern durch israel, nicht umgekehrt! da könnt ihr schreiben was ihr wollt!
Maschiach.de 04.08.2010
2. Was verschwiegen wird
Der Baum befand sich auf der israelischen Seite der Grenze! Zwar immernoch im Grenzgebiet (wie ist Grenzgebiet definiert?), aber trotzdem auf der israelischen Seite. Die Aktion war übrigens auch mit den UNIFIL Truppen abgesprochen.
Schleswig 04.08.2010
3. xxx
Zitat von sysopWollten israelische Soldaten wirklich nur einen Baum fällen? Wer schoss zuerst und welche Rolle spielte ein schiitischer Kommandeur? Einen Tag nach dem Feuergefecht an der israelisch-libanesischen Grenze sind viele Fragen ungeklärt. Ein neuer Krieg scheint abgewendet - doch die Ruhe ist trügerisch. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,710101,00.html
Doch eine Seite hat großes Interesse. Der Iran.
g_malino 04.08.2010
4. Ah ja?
Zitat von Maschiach.deDer Baum befand sich auf der israelischen Seite der Grenze! Zwar immernoch im Grenzgebiet (wie ist Grenzgebiet definiert?), aber trotzdem auf der israelischen Seite. Die Aktion war übrigens auch mit den UNIFIL Truppen abgesprochen.
-->Das haben Ihnen die Medien verraten, oder?
Günther Radar 04.08.2010
5. agressiv
Die Araber werden heutzutage immer agressiver,ich verstehe nicht wie menschen immer nur agressiv sein können.
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