Konflikt mit Iran Israel will Bevölkerung per SMS vor Angriffen warnen

Das israelische Verteidigungsministerium prüft neue Strategien, um die Bevölkerung vor feindlichen Raketenangriffen zu warnen. Per SMS sollen die Bürger alarmiert werden. Ein landesweiter Test läuft, im September soll das System einsatzbereit sein.

Iran testet eine Rakete (Archivfoto aus Juli): Information per Handy-Alarm
AP

Iran testet eine Rakete (Archivfoto aus Juli): Information per Handy-Alarm


Tel Aviv - "Heimatfront - dies ist ein Test des Handy-Warnsystems", diese SMS bekommen Tausende von Israelis in den kommenden Tagen. Das Verteidigungsministerium probt einen neuen Alarm per Kurznachricht, damit soll die Bevölkerung vor drohenden Raketenangriffen oder anderen Notsituationen gewarnt werden, wie es aus dem Ministerium hieß.

Am Samstag hatten israelische Zeitungen den Beitrag eines führenden Nachrichtensenders aufgegriffen, in dem es hieß, Israel erwäge, Iran im Alleingang noch vor der US-Präsidentschaftswahl im November anzugreifen, um dessen Atomanlagen zu zerstören.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Ehud Barak rechnen in diesem Fall mit Vergeltungsschlägen Irans und der radikalislamischen Hisbollah-Miliz im Libanon.

Der SMS-Test begann am Sonntag im Bereich der Stadt Ramla, wie die Zeitung "Haaretz" berichtete. Er soll bis Donnerstag in vielen großen Städten unter anderem Jerusalem, Tel Aviv und Haifa fortgesetzt werden. Künftig sollen die Menschen die Warn-Kurznachrichten in hebräischer, arabischer, englischer und russischer Sprache erhalten.

Schutz vor Hackerangriffen

Das System soll bereits im September in ganz Israel einsatzbereit sein, wie es aus dem Verteidigungsministerium hieß. Es sorgte im Vorfeld für einige Diskussionen. Zunächst hatten sich die Mobilunternehmen nach Angaben von "Haaretz" geweigert, mit den Behörden zu kooperieren - aus Angst, eine Panik zu verursachen. Sie forderten vom Verteidigungsministerium, im Falle möglicher Rechtsstreitigkeiten Entschädigungen vom Staat zu bekommen. Dann einigten sich beide Seiten auf Basis von Rechtsgutachten darauf, dass generell keine Entschädigungen gezahlt werden - auch im Falle von Fehlalarmen nicht.

Die israelische Armee testet das Handysystem bereits seit mehren Monaten, um es gegen Hackerangriffe abzusichern. "Falls jemand das System hackt und es in einem Notfall stoppt - oder umgekehrt, es unaufhörlich arbeiten lässt, könnte es sehr gefährlich werden. Wir müssen immun gegen solche Gefahren sein", zitiert die "Haaretz" einen Armeeoffizier des Heimatfront-Kommandos.

Israel für einen Krieg "nicht bereit"

Medien kritisierten die mangelnde Vorbereitung der israelischen Zivilverteidigung auf einen Krieg mit Iran. Die Zeitung "Jediot Ahronot" schrieb, dass Israel für einen Krieg "nicht bereit" sei. Etwa die Hälfte der Einwohner des Landes verfügten zum Beispiel nicht über Atemschutzmasken. Außerdem seien die Sicherungsmaßnahmen an Israels Krankenhäusern nicht abgeschlossen, sie würden noch rund drei Jahre dauern.

Netanjahu sagte dazu am Sonntag in der Kabinettssitzung: "Jede Bedrohung der Heimatfront wird bei weitem von einer anderen Bedrohung übertroffen. Es darf Iran nicht erlaubt werden, Nuklearwaffen zu besitzen."

Iran soll Atomsprengkopf-Entwicklung vorantreiben

Israel betrachtet das iranische Atomprogramm als größte Bedrohung seiner Existenz. Wie die liberale und regierungskritische "Haaretz" am Sonntag berichtete, sei der jüngste Lagebericht der US-Geheimdienste über Iran "in letzter Minute" um Informationen über Fortschritte beim Bau eines Sprengkopfes ergänzt worden. Die neuen Erkenntnisse gingen weit über die der Internationalen Atomenergieagentur hinaus. Die regierungsnahe Zeitung "Israel Hajom" meldete, die Führung in Teheran habe auch die Arbeiten für den Bau einer Trägerrakete forciert. Beide Blätter beriefen sich auf Informationen aus Regierungskreisen und durchgesickerte Geheimdienst-Erkenntnisse, nannten aber keine Details.

Die Führung in Teheran bestreitet, dass sie unter dem Deckmantel einer zivilen Forschung heimlich Atomwaffen entwickeln lässt. Unklar ist, ob Israel nun tatsächlich einen Angriff plant oder Druck macht, damit sich Iran in den seit Monaten stockenden Atomgesprächen mit den fünf Uno-Vetomächten und Deutschland bewegt. Mit immer schärferen Sanktionen versucht der Westen, Teheran zum Verzicht auf seine Urananreicherung zu zwingen.

heb/AFP/Reuters

insgesamt 39 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lufkin 12.08.2012
1. unsinnig
Unnötige Geldverschwendung. Ähnliches wurde auch in D schon vorgeschlagen und verworfen, weil es schlicht nicht geeignet ist für ne flächendeckende Alarmierung der Bevölkerung. Nicht jeder hat ein Handy, gerade Nachts schalten es viele ab, Akkus sind leer, es steckt irgendwo in der Jacke etc. Letztlich kommt man immer wieder auf eine flächendeckendes Netz von Sirenen zurück.
forumgehts? 12.08.2012
2. Bis
Zitat von sysopAPDas israelische Verteidigungsministerium prüft neue Strategien, um die Bevölkerung vor feindlichen Raketen-Angriffen zu warnen. Per SMS sollen die Bürger alarmiert werden. Ein landesweiter Test läuft, im September soll das System einsatzbereit sein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,849593,00.html
meine Frau ihr Handy gefunden hätte, wäre sie schon atomisiert gewesen. Ausserdem ist im ungünstigsten Moment immer der Akku leer. Und was wäre wohl ungünstiger alls der Kriegsfall? An andere Möglichkeiten, nichts von der SMS zu erfahren, will ich gar nicht denken.
regensommer 12.08.2012
3. letzte Nachricht
Diese SMS im Kriegsfall dürfte die letzte Nachricht gewesen sein, die das Handy erreicht. Danach sind die Netze überlastet. Was passiert bei so einer Nachricht? Man sucht nicht Schutz, sondern man möchte die Angehörigen alarmieren und in Sicherheit wissen. Das Netz ist innerhalb von Sekunden überlastet. Pech für den, der noch keine Warn-SMS erhalten hat, weil seine Telefongesellschaft möglicherweise die SMS ein paar Sekunden später abgeschickt hat.
dashaeseken 12.08.2012
4. Es gab früher
in der DDR ( die etwas älteren werden sich noch erinnern ) diese uunglaublich lauten Alarmsirenen, die immer ( denke ich ) Mittwoch um 13 Uhr getestet wurden. Die wurden aber im Rahmen der Wiedervereinigung abgeschafft. Die hat man definitiv nicht überhören können...im Gegensatz zu irgendwelchen Handys.
frieber 12.08.2012
5.
Es ist doch nur eine Ergänzung der bereits bestehenden Systeme wie der ganz klassische Raketenalarm. Natürlich erreicht man nie 100%, aber gerade Israel mit seiner Größe (bzw. Kleine ;-) ) und dem Umstand, dass hier komischerweise so gut wie jeder mit zwei Handys rumhantiert, bietet eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass ein überwältigender Teil gewarnt werden könnte. Das System macht auch nur Sinn, wenn man zumindest Mittelstrecken- oder viel eher Langstreckenraketen erwartet. Raketen aus dem Iran brauchen etwa 15 Minuten. Für die Raketen aus Gaza ist das System in der Tat sinn- und zwecklos, weil wir da eher von 15 Sekunden reden. Ich frage mich viel eher, ob das System auch nur regional begrenzt eingesetzt werden könnte: Dass eine SMS nur ein Handys geschickt wird, die sich in einem bestimmten Bereich eingebucht haben. An der Stelle würde ich auch noch vorschlagen, dass das Home Front Command eine App entwickelt, die die nächsten öffentlichen Bunker in der Nähe anzeigt, denn so oft hier Schilder an Laternen angebracht sind, so sicher bin ich mir auch, dass man im Fall der Fälle gerade so ein Hinweisschild nicht finden kann.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.