Israels Kriegs-Trainingslager "Wir schießen nicht so schnell zurück"

Ausgebrannte Autos, überall Patronenhülsen, Panzerkolonnen: Im Wüstencamp Ze'elim trainieren israelische Soldaten den Häuserkampf gegen die radikalislamistische Hamas - und wie Zivilisten besser geschützt werden können.

Juliane von Mittelstaedt

Aus Ze'elim berichtet Juliane von Mittelstaedt


Keine 20 Kilometer südlich vom Gaza-Streifen gibt es ein zweites Gaza. Hunderte Häuser stehen eng zusammen, darunter auch die Arafat-Moschee und ein Altersheim, die Mauern sind mit arabischen Graffiti bemalt. An den Strommasten wehen grüne Hamas-Flaggen, in den Gassen liegen leere Patronenhülsen und auf einer Kreuzung stehen ausgebrannte Autos. Da, wo die Häuser aufhören und die Wüste Negev anfängt, pflügt sich eine Panzerkolonne durch den Sand.

Gaza wurde gerade über Nacht von der Golani-Brigade erobert, jetzt sitzen die israelischen Soldaten im Kreis, rauchen und trinken Cola. Es ist Donnerstagvormittag, und gleich werden sie ins Wochenende fahren.

Das israelische Gaza heißt Ze'elim, es ist die größte Trainingsbasis des Landes für den Häuserkampf. Schauspieler stellen die Rolle von Zivilisten nach, Elite-Soldaten simulieren Hamas-Kämpfer; eine eigene Firma ist zuständig für Statisten und Make-up. Hier haben die Soldaten den Einmarsch in den Libanon im Sommer 2006 geübt und den Kampf gegen die Hamas-Milizen in Gaza im Winter 2008/2009. Auch jetzt üben sie wieder - bevorzugt den Einmarsch in Gaza, während ein paar Kilometer nördlich die Hamas Raketen auf Israel abschießt und Israel auf die Hamas zurückfeuert.

Die Lage ist brenzlig, eine Eskalation nicht ausgeschlossen: Im Süden Israels traf am Donnerstag eine von vielen Raketen einen Schulbus, dabei wurden der Fahrer und sein einziger Passagier, ein 16-jähriger Jugendlicher verletzt. Israelische Panzer eröffneten daraufhin das Feuer über die Grenze. Ein Palästinenser wurde getötet, neun weitere Menschen verletzt. Israelische Hubschrauber und Kampfflugzeuge sollen inzwischen auch Ziele in Gaza-Stadt bombardiert haben.

Noch nie schien eine neue militärische Auseinandersetzung so nah

Die Hamas kündigte Vergeltung an, das heißt vermutlich noch mehr Raketen, noch ein Anschlag, eine Entführung von Soldaten. Noch nie in den über zwei Jahren seit der Operation "Gegossenes Blei" schien eine erneute militärische Auseinandersetzung so nah.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis israelische Soldaten wieder in Gaza einmarschieren. "Es wird zum Konflikt zwischen Israel und der Hamas kommen. Ohne eine Militäroperation, ohne eine Rückeroberung des Gaza-Streifens kann es keinen Frieden zwischen Israel und den Palästinensern geben", sagt ein hochrangiger Geheimdienstmann. "Es ist eine Sache von wenigen Monaten, einem Jahr, vielleicht zwei Jahren, aber es wird passieren. Und nächstes Mal muss Israel es zu Ende führen."

Den nächsten Krieg muss Israel nicht nur in Gaza gewinnen, sondern auch in der Welt, vor der Uno, vorm Internationalen Strafgerichtshof, in den Medien. 1417 Menschen starben damals, die meisten Zivilisten, allein über 300 Kinder und Jugendliche, mehr als hundert Frauen. Nichts hat dem Ansehen Israels so geschadet wie dieser Krieg, in dem Krankenwagen bombardiert wurden, Kliniken, Schulen und Kadetten bei einer Parade. Protokolliert wurde er in einem Bericht des Uno-Menschenrechtsrats, der nach dem obersten Ermittler Richard Goldstone benannt wurde. Der Bericht beschuldigte Israel, Zivilisten absichtlich getötet zu haben, das wog am schwersten; ein Vorwurf, den Richard Goldstone vor wenigen Tagen zurücknahm. Aber dennoch: Die Anklage, Israel nehme keine Rücksicht auf Zivilisten, sie besteht noch immer.

"Die moralischste Armee der Welt"

Um die oft geäußerte Behauptung zu untermauern, Israel habe die "moralischste Armee der Welt", hat die Armee jetzt für jedes Infanteriebataillon einen "Humanitarian Officer" ausgebildet. Ein Begriff, den man eher aus Stellenausschreibungen für Hilfsorganisationen kennt, und der sich übersetzen lässt als: ein Soldat, der auf den Schutz von Zivilisten achtgeben soll.

Roy Seaman ist einer dieser Humanitarian Officers, 30 Jahre alt, zwei Kinder, Leutnant der Reserve in der Golani-Brigade. Im Privatleben ist er technischer Direktor bei einer Hightech-Firma, zuständig für Informationssicherheit. Zweimal im Jahr wird er zum Dienst einberufen und verwandelt sich dann in den Menschenrechtsbeauftragten seines Bataillons.

Jetzt steht Seaman mitten in Ze'elim, auf dem Dach eines Hauses, acht Stockwerke hoch, von wo man fast das echte Gaza sehen kann. Er trägt Helm, Gewehr, eine Weste, darin stecken zwei Telefone. Das eine ist ein Telefon für die militärische Kommunikation, das andere ein normales Handy, in das die Nummern des Roten Halbmonds, von Uno-Einrichtungen und palästinensischen Repräsentanten in Ramallah eingespeichert sind. Mit der Hamas spricht ein israelischer Soldat natürlich auch im Notfall nicht. Außerdem hat er die Nummern von Familienoberhäuptern in jedem Stadtviertel von Gaza. "Sie haben auch meine Nummer und können mich anrufen", sagt er. Ob er schon mal angerufen habe, um sich vorzustellen? Er schüttelt den Kopf, nein, wozu? Um sich im Ernstfall verständigen zu können, lernt er jetzt auch Arabisch. Ansonsten hofft er darauf, dass seine Gesprächspartner Hebräisch können, denn die Älteren haben ja fast alle mal in Israel gearbeitet.

Zurückfeuern oder nicht

Im Einsatz hat er Landkarten dabei. Er soll den Kommandeur warnen, sobald er weiß, wo sich Zivilisten aufhalten. Er soll Kontakt zu ihnen herstellen, im Notfall die Evakuierung organisieren, Krankenwagen rufen, Nahrungsmittel beschaffen. "Die Koordination ist jetzt besser und viel professioneller", sagt Seaman. "Vorher gab es niemanden, der dafür zuständig war."

Sogar eine theoretische Ausbildung von fünf Tagen hat er durchlaufen. Er hat Völkerrecht gepaukt und wie man Zivilisten in Kriegssituationen behandeln muss, inklusive Test am Ende. "Es gibt eine neue Doktrin für Bodentruppen, um Zivilisten zu schützen", sagt der Ausbilder Gay Stolz, ein ehemaliger Bataillons-Kommandeur. "Ich bin mir sicher, dass wir so künftig viele zivile Tote verhindern können." Was aber, wenn die Hamas, wie bereits im letzten Krieg, Zivilisten als Schutzschilde nimmt?

"Mein Hauptziel ist es, unsere Soldaten in einem Stück wieder zurückzubringen", sagt Roy Seaman. "Wenn jemand von einer Uno-Einrichtung auf uns schießt, dann müssen wir entscheiden, ob wir zurückfeuern oder nicht." Und was verändert er in solchen Situationen? "Wir schießen nicht so schnell zurück."

Seamans Kommandeur ist Avinoam Stolovitch, 36, Oberst. Seine randlose Brille ist noch voller Staub von der nächtlichen Übung, er trägt ein Tarnnetz auf dem Kopf. "Das ist schwierig, wir müssen immer davon ausgehen, dass Hamas Zivilisten als Schutzschilde nimmt", sagt er. "Aber wir können dann nicht so operieren wie sonst." Fast 24 Stunden haben sie die Eroberung von Gaza simuliert. Eben noch ging es darum, eine Schwangere aus einem Haus im umkämpften Gebiet in Sicherheit zu bringen. Seaman musste einen Krankenwagen organisieren und sicherstellen, dass er zu der Schwangeren durchkommt. Es war eines der großen Probleme im vergangenen Krieg, dass Krankenwagen nicht zu den Verletzten durchkamen, viele starben, die sonst vielleicht von den palästinensischen Helfern hätten gerettet werden können.

"Eine andere Situation, die wir geübt haben, war das Flüchtlingsszenario", erzählt Avinoam. "Roy sagte mir, dass die Palästinenser in eine Schule fliehen. Also stoppten wir und machten allen Soldaten klar, dass wir die Schule nicht angreifen dürfen. Gleichzeitig schicken wir den Schutzsuchenden eine Botschaft, dass sie in der Schule sicher sind und nicht rausgehen sollen."

Das neue Konzept ist gut. Aber getestet wurde es bisher nur in der Theorie, zum Glück, könnte man sagen. Offen bleibt, ob sich der schüchterne Reservist Seaman am Ende durchsetzen kann. Denn das letzte Wort hat noch immer der Kommandeur. Ob beim nächsten Mal wirklich weniger Zivilisten getötet werden, ist schwer abzuschätzen. "Das hängt von der Hamas ab", sagt ein ranghoher Militär. Er will seinen Namen nicht preisgeben, weil er Angst hat, sonst bald auf einer Fahndungsliste zu stehen und nicht mehr nach Europa reisen zu können. "Die Menschen verstehen gar nicht, wie schwierig es ist, Kollateralschäden zu verhindern."



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