Verschwundene Teenager Netanjahu nutzt Entführung für Stimmungsmache

Es ist nicht klar, wer die drei jüdischen Siedler im Westjordanland entführt hat. Doch Israels Premier Netanjahu gibt der Hamas die Schuld - und weidet den Vorfall propagandistisch aus.
Israelische Soldaten errichten Straßensperre: Suche nach den Entführten

Israelische Soldaten errichten Straßensperre: Suche nach den Entführten

Foto: AMIR COHEN/ REUTERS

Für den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern gibt es verschiedene Zustandsformen, jahrzehntelang erprobt. Bis zum vergangenen Wochenende schlummerte er mehr oder weniger vor sich hin. Immer mal wieder wurde er wachgerüttelt, der Konflikt, meist rein rhetorisch, meist von Außenstehenden, wie etwa von US-Außenminister John Kerry. Die beiden direkt Betroffenen, Israelis und Palästinenser, nickten kurz müde und trollten sich dann wieder auf ihren jeweiligen Ausgangsstandpunkt.

Selten wird Politik so routiniert zynisch gestaltet wie in Nahost. Feststeht: Seit am vergangenen Donnerstag im palästinensischen Westjordanland drei junge Siedler entführt wurden, ist er wieder manifest, der Konflikt im Heiligen Land.

3000 Soldaten suchen nach drei Teenagern

Die drei entführten Siedler besuchten eine sogenannte Jeschiva, eine Bibelschule, alle drei wollten an diesem Donnerstagabend von einer großen Kreuzung nahe Hebron nach Hause in ihre Siedlungen trampen. Es gibt genügend eindringliche Warnungen der israelischen Armee und des Inlandgeheimdienstes Schin Bet, genau das nicht zu tun - aber für die Siedler ist die uneingeschränkte Bewegungsfreiheit auf palästinensischem Territorium Teil ihrer Gesinnung.

Etwa 3000 Soldaten suchen jetzt im besetzten Westjordanland nach den drei Teenagern, zwei von ihnen 16 Jahre alt, einer 19. "Wir drehen jeden Stein um", verkündete die Armee; auf gleich mehreren Fernsehprogrammen kann man live zusehen, wie Soldaten Eingangstüren palästinensischer Wohnhäuser sprengen, um diese anschließend zu durchsuchen. Hunderte Männer werden festgenommen und verhört.

Auf den tragischen Teil der Ereignisse, das Verschwinden der drei jungen Männer und die fieberhafte Suche nach ihnen, folgt der zynische Teil: die Tatsache, wie mit diesem Unglück Politik gemacht wird, und dass daraus der maximale politische Nutzen gezogen wird.

Die Meldung von der Entführung war kaum einen Tag alt, da machte Premierminister Benjamin Netanjahu bereits den Schuldigen aus: die islamistische Hamas. Dass die Bewegung, die seit 2007 im Gazastreifen regiert, hinter dem Terrorakt stecke, sei für ihn "Fakt". Konkrete Beweise blieb Netanjahu bisher schuldig.

Netanjahu will Deutungshoheit zurückzugewinnen

Es ist bitter, aber politisch kommt ihm die Tragödie um die drei "Jungs", wie er sie nennt, zupass. Seit er die unlängst gebildete palästinensische Einheitsregierung zwischen Hamas und Fatah gleich zu Beginn kategorisch verdammte, stand der israelische Premier mit dem Rücken zur Wand. Schon etwas zu lange gilt er Teilen der internationalen Gemeinschaft als notorischer Neinsager, manchen sogar als Kriegstreiber.

Mit seiner prompten Schuldzuweisung in Richtung Hamas versucht er jetzt - vor allem nach außen - die Deutungshoheit darüber zurückzugewinnen, wer in der Region die Guten und wer die Bösen sind. Nach innen kann er sich jetzt endlich wieder als der Hardliner präsentieren, als der er seit Jahren gewählt wird. Ein guter Augenblick auch, um die Knesset ein Gesetz verabschieden zu lassen, das den Austausch oder die Begnadigung von Gefangenen in Zukunft schlicht verbietet. Und dazu noch eines, das die Zwangsernährung hungerstreikender Häftlinge erlaubt.

Um eine gewisse Durchschlagskraft zu erzielen, setzte Netanjahu in seiner Brandrede an die besorgte Nation den Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas und dessen Autonomiebehörde gleich mit ins Boot der Grundbösen; lautstark machte er sie dafür verantwortlich, dass so etwas wie diese Entführung überhaupt geschehen konnte.

Was die Täter angeht, wurden zwei dubiose Bekennerschreiben von militanten Splittergruppen bekannt, von denen sich eines bereits als falsch herausgestellt hat. Anders als etwa beim entführten Soldaten Gilad Schalit, hat die Hamas die Anschuldigung ausdrücklich zurückgewiesen. Seit längerem befindet sich die Bewegung in einer derart unkomfortablen Lage, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie tatsächlich für die Entführung verantwortlich zeichnet, eher gering scheint. Denn damit würden die Islamisten nicht nur die so junge wie fragile Versöhnung mit den "Fatah-Brüdern" gefährden, sondern auch, und zwar massiv, die Bevölkerung im Gazastreifen, die bereits seit Monaten darbt. Dass die Täter sich unter der versprengten Hamas-Anhängerschaft im Westjordanland befinden, kann natürlich durchaus sein.

"Menschenrechtsverletzende Kollektivstrafe"

Die alten Konfliktmechanismen greifen derzeit wieder, und natürlich geht es darum, dem Gegner größtmöglichen Schaden zuzufügen. Seit einigen Tagen stehen rund 750.000 Menschen aus Hebron und Umgebung quasi unter Hausarrest. Die Zugänge zur Stadt werden vom israelischen Militär blockiert, genau wie wichtige Verbindungsstraßen zwischen Ballungszentren im gesamten Westjordanland. Männliche Bewohner Hebrons zwischen 16 und 50 dürfen ihren Heimatdistrikt gar nicht mehr verlassen. Die Angriffe von Siedlern auf Palästinenser mehren sich.

Seit sich sowohl Berichte über brutale Verhörmethoden wie auch von der Armee willkürlich zerstörte palästinensische Häuser häufen, spricht die israelische Menschenrechtsorganisation B'Tselem von einer menschenrechtsverletzenden Kollektivstrafe gegenüber der palästinensischen Bevölkerung. Seit Tagen fliegt die israelische Luftwaffe auch Angriffe auf den Gazastreifen, wo das einflussreichere Hamas-Personal sitzt. Man wolle die "terroristischen Strukturen ein für alle mal zerstören", heißt es in einem morgendlichen Pressekommuniqué der Armee. Was das vor allem für die Zivilbevölkerung im Gazastreifen bedeutet, weiß man inzwischen nur allzu genau.

Als wäre das Verschwinden der drei jungen Männer nicht bereits tragisch genug.