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01. Januar 2017, 20:19 Uhr

Istanbuler Klub Reina

Angriff auf ein Symbol der Lebensfreude

Heiter, ausgelassen, teuer - das ist der Istanbuler Nachtklub Reina. Seit der Silvesternacht steht er auch für ein Massaker mit mindestens 39 Toten. Der Anschlag trifft mitten ins weltoffene Herz der Metropole.

Glaubt man den Videos, die sich im Internet finden, dann war die Stimmung im Reina an diesem Silvesterabend wieder einmal ausgelassen: Frauen in Cocktailkleidern, Männer im Sakko, Konfettiregen und leuchtende Wunderkerzen. Dazu laute Musik, Wein und Champagner. So feierte die junge Istanbuler Elite ins Jahr 2017, das eigentlich ein friedliches werden sollte.

Doch um 1:15 Uhr Ortszeit, das Feuerwerk über dem Bosporus war schon vorüber, brach der Terror über den wohl angesagtesten Klub der Stadt hinein. Ein noch unbekannter Attentäter drang in das Areal ein und erschoss innerhalb von sieben Minuten 39 Menschen. Fast 70 wurden nach offiziellen Angaben verletzt.

600 Gäste sollen sich zu diesem Zeitpunkt im Reina aufgehalten haben. Viele von ihnen sprangen ins kalte Wasser des Bosporus, um ihr Leben zu retten.

Noch sind die Hintergründe des Anschlags unklar. Niemand hat sich dazu bekannt. Der Täter ist vermutlich auf der Flucht und die türkische Regierung hat eine Nachrichtensperre verhängt. Doch viele Experten gehen von einem islamistischen Anschlag aus. Die Terrormiliz IS hatte zuletzt mit Attacken in der Türkei gedroht - als Rache für das türkische Vorgehen in Syrien. Erst Ende Dezember hat das türkische Militär dort nach eigenen Angaben zwei Führer des IS getötet.

Auch die Wahl des Anschlagsziels könnte ein Indiz für einen islamistischen Hintergrund sein. Der Klub Reina, im Stadtteil Ortaköy unterhalb einer großen Bosporus-Brücke gelegen, ist bekannt für seine exzessiven Partys. Er gilt als Symbol für die Lebenslust der jungen, säkularen türkischen Oberschicht.

Hier tanzen Investmentbanker neben Fußballstars und Fernsehsternchen unter den funkelnden Lichtern der Bosporusbrücke durch die Nacht. Und drumherum gesellen sich ausländische Touristen, die auch mal etwas abbekommen wollen vom legendären Istanbuler Nachtleben. Zum Klubgelände gehören auch mehrere Restaurants, darunter eines der besten und teuersten der Stadt. Wer auf dem Weg dorthin nicht im Stau stehen will, reist mit dem eigenen Boot übers Wasser an.

Internationale Stars lassen sich im Reina immer wieder blicken, wenn sie nach Istanbul kommen. Daniel Craig, Kylie Minogue, Naomi Watts und Jon Bon Jovi sollen schon hier gewesen sein, schreibt die Londoner Vermögensverwaltung GC Prive, die den Klub ihren gutsituierten Kunden empfiehlt.

Auch in der Silvesternacht war das Publikum im Reina ein internationales. Unter den 39 Opfern sind nach Behördenangaben mindestens 15 Ausländer - Menschen aus Marokko, Libyen, Saudi-Arabien dem Libanon und Belgien. Auch eine junge Israelin soll getötet worden sein.

Augenzeugen berichteten von Panik unter den Hunderten Besuchern. "Alles war voller Staub und Rauch", berichtet der Fußballer Sefa Boydas vom Istanbuler Klub Beylerbeyi SK. Mehrere Menschen seien in Ohnmacht gefallen, auch eine seiner Begleiterinnen. "Ich habe sie auf den Rücken genommen und bin sofort gerannt. In solchen Momenten wartet man nicht. Links waren Schüsse zu hören, also rannten wir nach rechts."

Hätte das Massaker verhindert werden können? Das fragen sich nun viele Menschen.

An Sicherheitsvorkehrungen habe es nicht gemangelt, meint Klub-Chef Mehmet Kocarslan. Angesichts der jüngsten Terrorwarnungen habe die türkische Polizei schon seit etwa zwei Wochen ihre Präsenz im Viertel verstärkt. Auch die Küstenwache habe alle Vorkehrungen getroffen. Trotzdem habe das Attentat nicht verhindert werden können. "Unser Herz blutet", schrieb Kocarslan auf seiner Facebook-Seite.

stk

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