Istanbuls Bürgermeisterkandidat Imamoglu Er treibt Erdogans AKP in die Defensive

Sein Sieg wurde annulliert - nun wird die Wahl in Istanbul wiederholt, und Oppositionskandidat Imamoglu ist der Hoffnungsträger für Millionen. Erdogans AKP reagiert mit einer Schmutzkampagne.

Anhängerin von Imamoglu bei einem Wahlkampftermin
ERDEM SAHIN/ EPA-EFE/ REX

Anhängerin von Imamoglu bei einem Wahlkampftermin

Von Ulrich von Schwerin, Istanbul


Ein Hauch von Volksfest liegt über dem Park von Pendik im Osten Istanbuls, kurz vor dem Auftritt von Ekrem Imamoglu. Der Rauch von Grillständen weht über die Grünanlage an der Küste des Marmara-Meers, fliegende Händler verkaufen Sesamringe, Zuckerwatte und türkische Fahnen.

Die Stimmung ist entspannt, ausgelassen und optimistisch - ganz so wie der Wahlkampf des Oppositionspolitikers, von dem hier alle hoffen, dass er der Partei von Recep Tayyip Erdogan bei der Wahl am 23. Juni das Istanbuler Rathaus abnimmt. Und womöglich einmal die Macht im Land.

"Wo Imamoglu ist, ist Hoffnung", lautet der Slogan des Kandidaten der Republikanischen Volkspartei (CHP). Bei der Bürgermeisterwahl am 31. März hatte der 49-jährige Oppositionspolitiker knapp gesiegt und Mitte April sein Amt im Rathaus angetreten. Doch Erdogans islamisch-konservative Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) machte Unregelmäßigkeiten geltend und erzwang Anfang Mai die Annullierung der Wahl.

Sonntag in einer Woche wird also erneut gewählt. Dabei deutet vieles darauf hin, dass sich die AKP mit der Entscheidung zur Wiederholung der Bürgermeisterwahl verkalkuliert hat. Denn binnen weniger Monate ist Imamoglu von einem unbekannten Lokalpolitiker zum Hoffnungsträger vieler Türken aufgestiegen. Manche sehen den bodenständigen Familienvater, der sich als "Ekrem Abi" (Großer Bruder Ekrem) anreden lässt, sogar als künftigen Herausforderer Erdogans.

Als sich Imamoglus Wahlkampfbus in Pendik einen Weg durch die Menge bahnt, gerät Bewegung in die Leute. Eine HipHop-Ode auf Imamoglu dröhnt aus den Boxen, während der Kandidat aufs Dach des Busses steigt. "Wie geht's, Pendik?", ruft er und klingt dabei ein wenig heiser. Seit vier Monaten ist er fast permanent im Wahlkampf, reiht Auftritt an Auftritt. Ein enormer Kraftakt, immer in der Menge, immer unter Beobachtung. Doch müde wirkt er nicht.

Imamoglu spricht in Istanbul zu seinen Anhängern
Chris McGrath/ Getty Images

Imamoglu spricht in Istanbul zu seinen Anhängern

"Wer uns zurückstößt, den werde ich umarmen", hat er angekündigt und einen "neuen Geist in der Politik" versprochen. Seit Wochen nun verbreitet seine Partei einen Strom von Bildern, auf denen Imamoglu Kinder, Alte und Menschen aller Schichten herzt und drückt. Selbst während der Feiertage zum Ende des Fastenmonats Ramadan trat er in seiner eigentlich streng konservativen Heimatstadt Trabzon am Schwarzen Meer auf.

AKP startet Schmutzkampagne gegen Imamoglu

Auf seine Strategie der Umarmung reagiert die AKP mit einer Schmutzkampagne. In AKP-Kreisen wurde der Vorwurf verbreitet, Imamoglu sei gar kein echter Türke und Muslim, sondern ein Krypto-Grieche. Schließlich stamme er aus Trabzon, wo einst viele Griechen lebten. Auch wurde ein manipuliertes Video verbreitet, in dem Imamoglu der kurdischen PKK-Guerilla und der islamischen Gülen-Bewegung seine Unterstützung zu versprechen scheint.

Imamoglus Optimismus ist aber ungebrochen. Seine "Yes we can"-Botschaft steht im starken Kontrast zu Erdogans Kampagne der Angst vor der Wahl vom 31. März, als der Präsident die Abstimmung zu einer Frage des "nationalen Überlebens" erklärt hatte. Inmitten des Verfalls der Währung und des Anstiegs der Arbeitslosigkeit interessierten sich viele Wähler aber weniger für angebliche Verschwörungen gegen die Nation als für den Preis von Zwiebeln.

Die AKP ist nun erstmals seit langem in die Defensive gedrängt. Über Jahre hatte sie in der Türkei die Agenda vorgegeben und den Takt bestimmt. Sie hatte die Politik so sehr dominiert, dass die Opposition sich ihr in Rhetorik und Stil anpassen musste. Doch in diesem Wahlkampf gibt plötzlich die Opposition den Ton vor und setzt die Themen. So geht es nicht mehr um die großen Fragen der Weltpolitik, sondern um Armut, Arbeitslosigkeit und Kinderbetreuung.

Die Stadt habe viele Probleme, doch gemeinsam könnten sie sie lösen, so lautet Imamoglus Botschaft in Pendik. Jeder Vierte lebe in Istanbul unter der Armutsgrenze und jeder dritte Jugendliche habe keine Arbeit, kritisiert er. Er aber werde dafür sorgen, dass in der ganzen Stadt gleiche Lebensbedingungen herrschten, dass es in allen Vierteln genügend Kindergärten gebe, damit die Frauen arbeiten gehen können. Gemeinsam könnten sie es schaffen, verspricht er.

Heute redet auch der AKP-Kandidat Binali Yildirim über soziale Fragen und verspricht auf großen Plakaten in der Stadt mehr Unterstützung für Studenten, Familien und junge Paare. Wie sehr die AKP in die Defensive gedrängt ist, zeigt sich auch daran, dass sie erstmals seit ihrem Machtantritt 2002 akzeptiert hat, sich einem TV-Duell mit der Opposition zu stellen. Mit Spannung wird nun die Debatte von Imamoglu und Yildirim am Sonntagabend erwartet.

Erdogan hat sich indessen komplett aus dem Wahlkampf zurückgezogen. Hatte er vor dem 31. März in Istanbul bis zu acht Kundgebungen am Tag abgehalten und so die Kommunalwahl zu einem Plebiszit über sich selbst gemacht, hat er nun alle Auftritte annulliert. Viele deuten dies als Zeichen, dass Erdogan die Wahl bereits verloren gegeben hat. Wenn die AKP erneut die Wahl verliert, so sein mögliches Kalkül, dann sind zumindest andere Schuld.

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berlin87 16.06.2019
1. Imamoglu
Imamoglu ist Jung und traegt grosse Hoffnungen für die Leute. Er wird die neue Wahl nochmals gewinnen. Er ist zukunftsversprechend. Die Annulierung der vorigen Wahl war ungerecht. Er wird höhere Positionen in der türkischen Politik haben. Er spricht klar und deutlich. Seine Aussagen beeindruckt viele Leute.
der Pöter 16.06.2019
2. Bin extrem auf das Gesicht
und die Rechtfertigungsversuche Erdogans gespannt, wenn er nächste Woche zum.2. Mal verliert.
gammoncrack 16.06.2019
3. Er wird die Wahl nicht gewinnen!
Entweder wird wiederum manipuliert oder er wird vorher verhaftet.
AllesNichtsOhneCologne 16.06.2019
4. Hoffnung!
Hoffe sehr, dass Imamoglu sich durchsetzt und sich danach endlich eine neue, volksnahe Politik in der Türkei durchsetzt, man kann es der Bevölkerung nur wünschen.
egyptwoman 16.06.2019
5. Post 3
Das sie ihn verhaften glaube ich nicht, das würde die Menschen massenhaft auf die Straße treiben gegen Erdogan und die AKP, das traut sich Erdogan nicht. Mit der Manipulation könnten Sie recht haben, denke aber trotzdem nicht, das das funktioniert. Ich denke auch das Immamoglu wieder gewinnt. Die Wahl zu annulieren, war ein großer Fehler von Erdogan, noch dazu mit dieser Begründung das nicht alle Wahlhelfer Beamte wären, das waren sie nämlich in Izmir und anderen Städten in denen die Opposition gewonnen hat auch nicht und dort wurden die Wahlen bekanntlich auch nicht annuliert. Erdo und seine AKP sind auf dem absteigenden Ast, Frage nur, wie sie reagieren, wenn sie die nächsten Parlamentswahlen auch verlieren. Erdo wird nicht freiwillig abtreten, ich traue dem zu, das er eher nen Bürgerkrieg anzettelt um sich an der Macht zu halten. Die Menschen in der Türkei sind ihm egal. Er weiß, was ihm droht, wenn er entmachtet wird und sein ganzes Korruptionssystem zusammenbricht.
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